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Computer und Schule: Das Lehren mit dem Computer will gelernt sein. Aber wie?
Engagierte Dilettanten ?
Die Schüler und Lehrer in Deutschland sind auf große Klassenfahrt gegangen. Sie kommen munter voran auf der vielzitierten Datenautobahn. Der Lehrer sitzt am Steuer und seine Schüler bringen ihm unterwegs das Fahren bei. Und keiner weiß, wohin die Reise geht. So ungefähr läßt sich die Situation beschreiben, in die der Doppelschlag von Bildungsministerium und Telekom die Schulen befördert hat. Man kann es bedauern oder begrüßen "Schulen ans Netz" ist nicht nur eine politische Forderung, sondern heutzutage auch eine pädagogische Realität.
Die augenblickliche Hektik aber, mit der die Bundesländer Versäumtes nachholen und die Schulen mit PCs "auf-" oder "hochrüsten", und die berechtigte Sorge, wer all dies bezahlen soll, lenken ab vom Hauptproblem: Für die Schulen am Netz gibt es weder ein pädagogisches Konzept, noch gibt es Lehrer, die ein solches vermitteln könnten.
Kaum vorstellbar, aber wahr: Ein Land, das seine Lehrer so dauerhaft und so verwissenschaftlicht ausbildet wie kein anderes auf der Welt, läßt sie vollkommen unvorbereitet mit einem Gerät auf die Schüler los, mit dem die meisten Pädagogen nicht einmal umgehen können und von dem niemand genau weiß, welchen pädagogischen Sinn es hat. Die Ausbildung und Vorbereitung der Lehrer auf das Computerzeitalter ist schlicht verschlafen worden. Noch immer, so befindet der Publizist Wolfgang Bergmann, werden in der Lehrerausbildung "die uralten Methoden weitergepredigt, als sei nichts geschehen - sie stammen allesamt aus einer Zeit, als es die Computertechnik noch gar nicht gab".
Zwar bieten inzwischen viele Hochschulen Veranstaltungen im Umfeld der neuen Medien an. Doch bislang ist allein in Bayern die Medienpädagogik in der Lehramtsprüfung verbindlich verankert. In der zweiten Phase der Lehrerausbildung sind medienpädagogische Themen nur in Bayern, Hamburg und Schleswig-Holstein vorgesehen.
In diesen Tagen startet die Bertelsmann Stiftung zusammen mit dem nordrhein-westfälischen Landesinstitut für Schule und Weiterbildung in Soest ein Lehrerfortbildungsprogramm für NRW: 15 in Soest geschulte Kräfte bilden 150 Moderatoren aus, die dann wiederum an die Schulen ausschwärmen. "Das ist ein Riesenmodell", freut sich Detlev Schnoor, Leiter des Referats Medien und Bildung bei der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh, "da werden 8000 Lehrer in zwei Jahren durchgehen." Auch Hessen verläßt sich auf die Bertelsmänner bei seiner im Juni beginnenden Aktion "Schule und Computer". "Bertelsmann geht genau die Wege, die wir brauchen. Das ist ein toller Gesprächspartner und als Faktor nicht mehr wegzudenken", tönt es aus dem Ministerium, "wir und die anderen Bundesländer profitieren davon." Kein Zweifel, die staatliche Lufthoheit über den Schulen beginnt sich aufzulösen; den Schritt ins Medienzeitalter wagen die Länder nur an der Hand einer privaten Stiftung.
Zum Glück sind die Gütersloher gut vorbereitet und - bis jetzt jedenfalls nicht so verwegen, sich diese gigantische Anstrengung allein zuzutrauen. Sie kooperieren mit Instituten wie dem in Soest, holen sich wissenschaftlichen Rat von Hochschulen wie Paderborn - und spannen die Kommunen und kommunalen Unternehmer ein. In Hessen etwa ist daran gedacht, daß die örtlichen Firmen die Schulen mit Geräten ausstatten, ihre Fortbilder zum Lehrer- und Schülertraining abstellen und dafür den schuleigenen Raum auch für die betriebliche Fortbildung nutzen können.
Gleichwohl, vorläufig herrscht in den Schulen medienpädagogische Anarchie. Wohl dem Direktor, der in seinem Kollegium per Zufall einen computerbegeisterten Kollegen hat. Denn derzeit wird der Medienunterricht hauptsächlich von autodidaktischen Computerfreaks bestritten, die weitgehend unbehelligt von staatlicher Gängelung so ziemlich alles ausprobieren können, was ihnen einfällt: neue Didaktiken, selbstentworfene Curricula, unorthodoxe Projekte - als habe es in Deutschland nie eine Schulaufsicht gegeben. Das Gerede von der Schulautonomie erfährt derzeit eine verblüffende Umsetzung in die Praxis. Die staatlichen Schulkommissare entdecken die pädagogische Freiheit und preisen die Individualisten, die da zusammen mit ihren Schülern an den neuen Maschinen vor sich hin werkeln.
Einer von ihnen ist Ulrich Stauffenberg vom Theodor-Heuss-Gymnasium in Ratingen bei Düsseldorf. Mit 51 Jahren und den Fächern Sport und Englisch widerlegt er das gängige Vorurteil, medienversierte Lehrer seien nur unter jungen Naturwissenschaftlern zu finden. Mit dem Computer beschäftigt er sich schon seit Jahren "hobbymäßig", und da sich sein Direktor dem Programm "Schulen ans Netz" gegenüber "reserviert-aufgeschlossen" zeigte, betreibt Stauffenberg das Ganze "erst mal als Zusatzgeschäft zum normalen Schulbetrieb".
Da entsteht etwa eine Homepage mit Schülern einer elften Klasse, da befaßt sich eine kleine AG mit computergestützten Messungen der Wasserqualität, da werden auf Anfrage von Kollegen Informationen aus dem Internet besorgt. Mit einer fünften Klasse wird die Basis bereitet, um später eine Unterstufen-Zeitung herauszugeben, und im Englisch-Unterricht werden Textverarbeitungsprogramme oder Tabellenverzeichnisse entworfen, etwa um Vokabellisten anzulegen.
Stauffenbergs pädagogisches Ziel ist nicht allzu hoch gesteckt, aber realistisch. Er will seine Schüler befähigen, mit der neuen Technik souverän umzugehen, ihnen ein Instrument in die Hand geben, mit dem sie sich anders als gewohnt äußern können. Gedankt freilich werden ihm diese Ambitionen außer durch den Eifer seiner Schüler - nur wenig. Der Unterricht ist für den Lehrer eher anstrengender, weil er nun zwei Dinge gleichzeitig tun muß: auf den Fachunterricht achten und sich um die Maschinen kümmern. Dazu kommt der finanzielle Aufwand, denn auch sein privater Maschinenpark muß immer wieder auf den neuesten Stand gebracht werden.
Hinzu kommt der Aufwand für die Weiterbildung - rein autodidaktisch. Bisher nämlich, so lautet seine Einschätzung der offiziellen Anstrengungen, habe es so gut wie keine Fortbildung gegeben. "Das war doch nur so 'n bißchen Tastenklicken. Die Probleme, die dann wirklich im Unterricht auftauchen, kommen in einer normalen Fortbildung gar nicht vor." Was tun, wenn ein falsch abgespeicherter Text verschwindet, die PCs nicht anspringen, das Programm abstürzt? Dann ist nicht der tröstende Pädagoge von einst gefragt, sondern der Operator.
Stauffenbergs Erfahrungen werden von zahllosen Lehrern geteilt, die sich auf eigene Rechnung an das Thema PC in der Schule heranwagen. Da legt ein Berufsstand, dessen Vertreter als "wehleidig" verspottet und als "faule Säcke" beschimpft werden, erstaunlich viel Eigeninitiative und Einsatzbereitschaft an den Tag. Aber ist es pädagogisch zu verantworten, die Medienerziehung lediglich engagierten Dilettanten zu überlassen?
Für das Computerzeitalter in den Schulen gibt es kein pädagogisches Programm. Das nämlich schlösse die Persönlichkeit des Lehrers ein. An die Stelle der Reformkonzepte von einst ist heute die "Vision" getreten, die quasireligiöse Entschlossenheit, alles irgendwie zum Guten zu wenden. Detlev Schnoor etwa hofft auf die sich selbst erfüllende Prophezeiung: "Möglicherweise hatten wir ja schon pädagogische Modelle in den Köpfen, die durch die neuen Medien realisiert werden können."
Vielleicht hat er Recht, und wir stehen wirklich vor dem Aufbruch in eine neue vielversprechende Lernwirklichkeit. Vielleicht wird daraus aber auch nichts, und wir haben bald, wie Lehrer Stauffenberg meint, "einfach keine Kohle mehr für den ganzen Dampf".
(C) DIE ZEIT 13.06.1997 Nr.25
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