Deutsch als Fremdsprache

 


Perspektiven

in Frankreich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alban Azaïs

 

Directeur du Département Langues et Cultures

de l’Institut National Polytechnique de Toulouse

 



 

 

Foto: Hans Demes 2002

 

 

Madame, monsieur,

 

 

 

Die Bereitschaft, die deutsche Sprache zu erlernen,

geht in Frankreich stetig zurück:

In zwanzig Jahren ist die Zahl derer,

die Deutsch lernen, gar um die Hälfte gesunken.

Wie kann man dieses Phänomen verstehen?

Welche Faktoren spielen eine Rolle?

Welche Akteure sind zu berücksichtigen?

Was kann getan werden, um dieser Tendenz zu begegnen?

Dieses Memorandum versucht,

Antworten und Hilfen zu geben,

in der Hoffnung dazu beizutragen,

das unabwendbar Scheinende doch noch abzuwenden,

dass nämlich Deutsch in den französischen Schulen

 in den nächsten Jahren zur ‚langue rare’ wird.

 

 

 

Je vous souhaite bonne lecture!

                                              

                                                                                    


 

Inhalt

 

 

 

Je me suis toujours défié des affirmations de ceux qui disaient :

Les Allemands sont, après tout, des hommes comme nous !

Cela n’est pas vrai à tous égards.

 

Georges Blondel,

Professeur à l’Ecole Libre des Sciences Politiques,

 Le Triomphe du Germanisme, Paris 1934

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     Einleitung

5

 

 

 

 

1.   Zu den Gründen der mangelnden Attraktivität des Deutschen

      als Fremdsprache (DaF) in Frankreich

6

 

 

 

 

           Das Bild Deutschlands als deutsches Bild

9

 

 

 

 

           Das Bild Deutschlands als französisches Bild

27

 

 

 

 

2.   Maßnahmen zur Verbesserung der Attraktivität des Deutschen

      in Frankreich

49

 

 

 

 

           In den Schulen

53

 

 

 

 

           Im Kulturleben

57

 

 

 

 

           In den Medien

59

 

 

 

 

           In der Politik

60

 

 

 

 

           Gewichtung und Hierarchisierung

63

 

 

 

 

3.   Statt einer Zusammenfassung

64

 

 

 

 

      Über den Autor

65

 

 

 

 

 

 

 


 Einleitung

 

Agir en primitif, prévoir en stratège. René Char

 

Dieses Memorandum zu den Perspektiven des Deutschen als Fremdsprache in Frankreich ist auf Anregung des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in Frankreich, Herrn Fritjof von Nordenskjöld, und der Frau Generalkonsul in Bordeaux, Gudrun Lücke-Hogau, in recht rascher Arbeit entstanden und das Werk eines Dilettanten.

 

Die Entscheidung für diese zügige Schreibweise frei von der Leber weg und ohne strukturierte und methodische Vorüberlegungen, deren wesentlicher Grund die leider große Zeitnot des Autors ist, erklärt den manchmal eher stichwortartigen Stil und hat zum Nachteil, dass zahlreiche Aspekte nur linolschnittartig angerissen werden. Andererseits wird der Text aber auch dadurch schneller und unmittelbarer zugänglich, in der Kürze steckt bekanntlich Maggi, nein Knorr, oder? Hat sich das früher nicht gereimt?

 

Ein Stil zwischen Glosse und Satire scheint mir für diese Arbeit angemessen.

 

Da der Sinn dieses Textes – wie die Bereitschaft, die dafür nötige Energie gutwillig zur Verfügung zu stellen – darin besteht, mein Scherflein dazu beizutragen, die Situation des DaF in Frankreich zu verbessern, möchte ich alle geneigten LeserInnen darum bitten, dafür Sorge zu tragen, dieses Dokument einer möglichst großen und professionellen Leserschaft zugänglich zu machen, in der Hoffnung, die dadurch freigesetzte Kritik möge das Verständnis der Krise vertiefen und bessere Lösungen sichtbar werden lassen. Bescheidenheit ist auch ein Ziel. Klingt ebenfalls nicht ganz perfekt!

 

Im Wesentlichen ist dies ein Meinungstext, determiniert lediglich durch die unmittelbar zur Verfügung stehenden Gedanken, die sich aus den Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre Arbeit ergeben. Nichts wird durch Untersuchungen, Statistiken, Erhebungen, Quellenstudien untermauert. Wenn so ein Vorgehen legitimierbar ist, dann sicherlich nicht wissenschaftlich. Somit ist dies lediglich eine Schrift zum Nach- oder Andersdenken. Mögen Berufenere das ihre tun, die Streu vom Weizen zu brennen. Oder war es kennen?

 

Öffentliche Meinung, Medien, Lehrer-, Eltern- und Schülerschaft, Erziehungs-Ministerium, Akademien, Rektorate, Inspektoren, CRDPs, CDDPs, deutsche Institutionen (Goethe Institut Inter Nationes und die anderen Kulturinstitute, Robert-Bosch-Stiftung, DAAD...), deutsch-französische (DFJW...) und französische Organisationen (BILD...) sollen hier berücksichtigt aber auch gefordert werden. Wer im Glashaus sitzt, werfe den ersten Stein. Klingt auch anders als sonst.

 

Früher schien vieles anders. Gibt es deutsche Kultur in Frankreich bald nicht mehr? Wo ist hier eigentlich der Schalter? Vieles wäre klarer. In diesem Sinne: mehr Licht!

Toulouse, am 13. Mai 2002

Alban Azaïs


L’Allemand est un théoricien qui applique ses théories ;

le Français un théoricien qui ne les applique pas.

C’est ce qu’on appelle, chez nous, avoir du bon sens.

 

Auguste Detœuf

Propos de O.L. Barenton Confiseur

Paris 1995 (1e édition 1932)

 

 

 

 

1. Zu den Gründen der mangelnden Attraktivität des Deutschen als Fremdsprache (DaF) in Frankreich

 

 

Um es, der Klarheit wegen, gleich vorweg zu sagen: ich bin der Meinung, dass die mangelnde Attraktivität des Deutschen in Frankreich heute, die sich an den nun mindestens schon seit drei Jahrzehnten ständig sinkenden Schülerzahlen festmacht, stark determiniert wird von und korreliert ist mit den von den in Frankreich existierenden Bildern, Klischees, Stereotypen, Schemata, Vorurteilen, Gemeinplätzen und anderen Banalitäten betreffend die deutsche Sprache, den Deutschunterricht, die Deutschen und Deutschland, die also so banal gar nicht sind, und ob ihres Einflusses eine detaillierte Auseinandersetzung mit ihnen verdienen.

 

Diese Auffassung mag nun als eine naive belächelt werden, die an den wahren Ursachen vorbeigeht, da das Deutschlandbild über Jahrzehnte recht stabil geblieben ist, und sich eher zum Positiven gewandelt hat, die Zahlen der Deutsch lernenden Personen aber eben doch sinken. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?

 

Dieses Argument ist in der Tat nicht leicht vom Tisch zu wischen, und damit könnte man diese Diskussion beenden. Meines Erachtens jedoch hat sich in der Zwischenzeit doch etwas nicht Unerhebliches gewandelt, etwas, das man meist als "Welt" bezeichnet. Dieses Ensemble von untereinander verflochtenen Wert-, Sinn-, Vorstellungs-, Handels- und vielen weiteren Strängen schafft Interdependenzen, die eine so einfache Mechanik eben nicht zulassen.

 

Zu den bedeutenderen Momenten in diesem Netzwerk der Wirklichkeit zählt die gegenüber früher deutlich gestiegene Bedeutung der Bilder in unserer Kultur, der Einfluss der Medien, besonders der des Fernsehens, die Bedeutung der modernen Musik für die Jugend, die Simplifizierung der dargestellten Welt in einem vom Marketing beherrschten Universum primitivster – und damit stärkster – Bilder von manchmal archetypischer Kraft. Siehe dazu den alten Jung.

 

Ein weiteres Argument lässt sich leicht gegen meine These einwenden: In Deutschland besteht bekanntlich kein negatives Bild von Frankreich, eher ein positives, mal abgesehen davon, dass die französische Sprache auf der anderen Rheinseite auch als schwierig eingestuft wird. Nun sinkt dort aber auch die Zahl derer, die Französisch lernen. Das oft eher negative Deutschlandbild in Frankreich insgesamt ist daher von nur relativer Bedeutung. Dieser Einwand ist durchaus berechtigt. Die Situation in Deutschland kann ich jedoch nicht so gut einschätzen wie die in Frankreich, und mein Kenntnisstand erlaubt mir nicht, darüber ein Urteil zu fällen. Meiner Einschätzungen Frankreich betreffend fühle ich mich jedoch einigermaßen gewiss, und von Land zu Land mögen durchaus unterschiedliche Faktoren eine Bedeutung haben. Vor allzu schnellen scheinlogischen Schlüssen sollte man sich deshalb hüten.

 

Auf dieser Überzeugung basieren die nachfolgenden Betrachtungen.

 

Solange man sich in Frankreich in meist mehr oder weniger intellektuellen deutsch-französischen bzw. Deutschland gegenüber freundlich gesonnenen Kreisen, wie den Städtepartnerschaftssenioren bewegt, oder auch im Grenzgebiet zum Nachbarland Bundesrepublik, scheint die Welt noch relativ in Ordnung zu sein. Da trifft man dann auf ein ziemlich differenziertes und auf recht genauen Informationen beruhendes Bild, das man ruhigen Gewissens als angemessenen Kenntnisstand bezeichnen darf. Ich bin geneigt anzunehmen, dass, je besser, präziser, umfangreicher der Wissensstand, um so kleiner die Macht der Vorurteile etc. auf das betreffende Individuum.

 

Diese Idylle ist jedoch trügerisch, denn ganz allgemein gesagt ist der Kenntnisstand der Franzosen über Deutschland – und darauf möchte ich mich hier beschränken – erschreckend gering. Man kann so weit gehen, schlicht von Ignoranz zu sprechen, ohne allzu sehr zu übertreiben. Altbekannte Klischees beherrschen dann die mentalen Repräsentationen.

 

Seit Jahren bestätigt sich so in Umfragen, dass die Deutschen der Franzosen beste Freunde sind, aber was beweist das schon? Glauben Sie wirklich, dass es möglich ist, auf einem so ganz und gar abstrakten Niveau von "Freundschaft" sprechen zu können? – Ja, werden Sie antworten. Die Kontakte existieren. Es gibt doch auch den "Deutsch-französischen Freundschaftsvertrag", da steht es doch schwarz auf weiß! Ja eben.

 

Selbst Personen, die zehn Jahre in der Schule Deutsch gelernt haben, wissen praktisch nichts über die Kultur – diesen Begriff verwende ich hier im Sinne des französischen civilisation – des Nachbarn, und ihr Halbwissen ist auch nur Nährboden für Gemeinplätze. Ein Beispiel? – Ich nehme seit vielen Jahren die mündlichen Aufnahmeprüfungen für die Elitehochschulen in Paris ab (concours communs polytechniques) und spreche dort mit Hunderten solcher Studenten aus ganz Frankreich.

 

Als Soziologe führe ich meine Statistiken und habe einige Standardfragen, die ich kurz am Ende der Prüfungen stelle: „Welche Themen haben Sie im Deutschunterricht in den letzten zehn Jahren interessant gefunden, welche nicht, und welche überhaupt nicht?“ – Erraten Sie die Standardantwort schon? – „Also überhaupt nicht den Krieg, Gastarbeiter, Neonazis und Umweltverschmutzung. Was Positives fällt mir im Moment nicht ein.“. „Gut. Haben Sie sich im Deutschunterricht der letzten Jahre viel mit Ökologie und Umwelt beschäftigen müssen?“ – „Ja, viel zu viel.“ – „Gut. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum ihr Deutschlehrer so viel zu diesem Thema gearbeitet hat?“ – „Na ja, äh, das ist eben ein Grüner.“ Von Kultur keine Spur. Und das bei den Schülern, die Deutsch als erste Fremdsprache lernen mussten – denn gewählt hatten es nur die wenigsten –, und die damit zu den "Deutschlandkennern" in Frankreich gezählt werden dürfen.

 

 

Ein Wort zur Vorwarnung: Ich möchte hier ganz offen meine Meinung sagen, da lässt sich eine gewisse Schärfe, Kälte und Ironie, nicht ganz vermeiden. Als Idealist muss man manchmal mit einer Dosis Zynismus zusammen leben. Die Realität mit ihren Frustrationen scheint so etwas erträglicher. Vielleicht findet die Leserschaft einiges übertrieben; das ist es meiner Auffassung nach nicht – überspitzt vielleicht, aber die klaren Züge einer Karikatur enthalten oft mehr Wahrheit, als differenzierte Betrachtungen. Einiges mag wie Chuzpe klingen (hier schreibt der Spiegel-Leser), aber das ist normal bei Jungs vanne Waterkant, die beständig gegen eine steife Brise zu kämpfen hatten. Human ist eben, wenn man trotzdem lacht.

 

Wer sich über die positiven Aspekte im Bereich der deutsch-französischen Zusammenarbeit informieren möchte, lese dazu die auf dem Server der Deutschen Botschaft in Paris herunterladbaren Reden des Vertreters der Bundesrepublik, Herrn Fritjof von Nordenskjöld, vom 27. November und vom 18. Dezember 2001. 

 

http://www.amb-allemagne.fr/botschaft/starter.htm

 

Ist es nicht bezeichnend, dass fast 100% der Studenten, die seit fünf bis zehn Jahren Deutsch gelernt haben, wenn sie zu uns auf die Hochschule kommen, und ihnen ein Satellitenfoto von Europa oder eine schematische Europakarte gezeigt wird nicht in der Lage sind, Deutschlands Grenzen mit einiger Genauigkeit zu zeichnen? Das so gefundene Deutschland hat oft die Grenzen des Großdeutschen Reiches, zudem existiert Dänemark dann nicht, manchmal beschränkt es sich auch auf ein Gebiet zwischen NRW und Bayern. Unsere Studenten gehören, das sei hinzugefügt, zur "Elite der Nation". Was ist dann in den Köpfen derer, die keine "Germanisten" sind, und nicht zur "Bildungselite" gehören?

 

Denk ich an Frankreich in der Nacht...

 

 

Wertung: 5


 

 

 

Das Bild Deutschlands als deutsches Bild

 

 

Mit der Wiedervereinigung und dem Ende der Bonner Republik ist Deutschland in eine Identitätskrise geraten, die vielfältige Folgen und Konsequenzen hat.

 

So ist der Motor Europas, die deutsch-französische Partnerschaft, erst einmal kaputt. Vielleicht für immer. Aber hoffentlich nicht. Diese deutsch-französische Partnerschaft, zusammen mit der Begeisterung für den Europagedanken nach den erschütternden Realitäten des Zweiten Weltkrieges, die Aus-söhn-ung (über die Söhne und Töchter) und Wiedergutmachung, all dies war die Energie, aus der das Erlernen des Deutschen sich auch speiste.

 

Macht ist auch immer ein zentraler Moment solcher Realitäten. Die Prädominanz des Englischen, als Ausdruck der Vormachtstellung der USA, ist in den letzten Jahrzehnten immer stärker geworden.

 

Traditionen verlieren sich. Lange war es einer weiten Bevölkerungsschicht in Frankreich selbstverständlich, Deutsch zu lernen, aus allerdings unterschiedlichen Gründen:

 

u       Eltern mit hohen Ansprüchen an ihre Kinder ließen sie Deutsch lernen, um "in bessere Klassen" zu kommen, ein Rezept, das lange tatsächlich funktionierte.

 

u       Für Offiziere war es lange obligatorisch Deutsch zu erlernen, damit sie Deutschland nach der Besetzung besser verwalten könnten.

 

u       Die deutschen Philosophen hatten einen entscheidenden Einfluss auf Frankreichs Elite, zunächst die Klassiker, nach dem Zweiten Weltkrieg besonders Heidegger auf die Existenzialisten und literarischen Trendsetter um Sartre. – Der neue Erziehungsminister Luc Ferry ist Philosoph und Kantianer.

 

u       Das deutsche Kino konnte bis Fritz Lang faszinieren, seitdem nur sporadisch.

 

u       Die deutsche Musik war so lange tonangebend, wie es nur die Klassiker gab.

 

u       Deutsche Literatur ist so gut wie unbekannt geblieben, abgesehen von Goethe bis vor vielen Jahrzehnten. Der meistgelesene Autor seitdem ist Jünger, dessen Stahlgewitter kein attraktives Deutschlandbild abgibt. Vielgelesen auch Süskind mit einem in Frankreich spielenden Roman, von dem viele Leser allerdings ignorieren, dass er seine Bücher in Deutsch verfasst, was übrigens auch für Kafka gilt, der zwar bekannt ist, jedoch nicht der deutschen Kultur zugezählt wird.

 

u       Zwischen Bismarck und Hitler waren die deutschen Natur- und Sozialwissenschaften Weltspitze.

 

Was für ein Bild gibt Deutschland heute von sich in Frankreich? – Zunächst einmal gar keines! Jedenfalls keines, das der Realität entspräche. Sonst wäre vieles anders. Dieses gar keines will also besagen, dass das real existierende neue Deutschland, die Bundesrepublik, nicht präsent ist in der Öffentlichen Meinung, und wenn, dann sehr viel schwächer als es dem größten Nachbarn Frankreichs entsprechen könnte und sollte, und dies zudem in einem Zerrspiegel.

 

Nachdem Deutschland bis in die 80er Jahre täglich zitiert wurde und in den Medien ständig alle Daten fast krankhaft mit denen Deutschlands abgeglichen wurden, ist diese (Un)Sitte verschwunden. Dies liegt einerseits an den besseren Eckdaten Frankreichs, andererseits an einer allgemeineren Emanzipierung Frankreichs Deutschland gegenüber.

 

Trotzdem kann Vieles nicht gemacht werden, damit es nicht so aussieht, als würde man Deutschland kopieren. Zum Beispiel das Modell für die Zukunft Europas darf nicht föderalistisch sein, sonst wäre Europa deutsch. Wie es anders geht, weiß man allerdings nicht so genau. Die Diskussion um eine neue Verfassung in Frankreich wird immer brennender, aber wie könnte die 6. Republik aussehen, wenn nicht ein bisschen wie eine Kopie des Grundgesetzes? Nicht akzeptabel. Der Schatten dieses ständigen Vergleiches mit Deutschland liegt also noch über Frankreich, aber er drückt nicht mehr so auf das Ego. Deutschland wird nicht mehr bewundert, weil es nicht mehr das Wirtschaftswunderland ist, sondern nur noch ein Land unter anderen.

 

Deutschland, dieser mit seinen mehr als 80 Mio Einwohnern größte Nachbar Frankreichs, ist so gut wie unsichtbar geworden und liegt psychologisch und emotional in weiter Ferne.

 

Psychologisch nahe liegen etwa die USA und Großbritannien, emotional Spanien und Italien.

 

Seit einiger Zeit gibt es im Radio, im Fernsehen europäische Sendungen. Da treffen sich meist lustige Quasselrunden, oder es gibt auch mal interessante Reportagen. Sympathie wird dort für Deutsche aber nicht geweckt, sich über sie lustig gemacht, oft auf ziemlich gemeine und quasi rassistische Weise, dagegen schon. Schweden hat es da besser, England, Spanien, Italien brauchen sich keine Sorgen zu machen, ihr Image ist intakt.

 

Eine erwähnenswerte Ausnahme ist die Sendung Dessine-moi l’Europe von Pierre Thivolet am Samstag Abend von 18h05 bis 19h00 Uhr auf Europe 1.

 

Die Attraktivität der anderen Länder erklärt sich einerseits vielleicht historisch, andererseits aber doch auch über die Kulturprodukte, die eine wahre Anziehungskraft ausstrahlen. Englische Pop- und Rockmusik ist immer noch ein ausgezeichneter Vektor, der spanische Film ist es mit Almodovar inzwischen auch, spanische Musik wird auch in Frankreich produziert – von den Gypsie Kings bis Manu Chao – und findet ein Millionenpublikum (Me gusta marihuana, me gustas tu), Movida ist ebenso in wie Pasta und Pizza; Sauerkraut stößt auf deutlich weniger Erfolg. Trendy Technology ist japanisch oder amerikanisch. Neuerdings auch finnisch. „Sag, okidoki?, ja, zu No-ki-a“.

 

Deutschland hat dem nichts entgegenzusetzen. Es gibt keine Kulturprodukte, die ganz allein ihren Weg finden und sich auf dem Markt durchsetzen. Von Marktleadership und Trends setzen ganz zu schweigen. Das fehlt.

 

Es besteht kein Widerspruch zwischen dieser Analyse und der scheinbar gegensätzlichen, wie wir sie in der Presse finden:

 

 

L’Allemagne selon Baudecroux

Persona non grata en Allemagne, où il peine à se développer, le patron de NRJ, Jean-Paul Baudecroux, (…) dénonce l’invasion du paysage musical français  par la concurrence allemande, incarnée par M 6 Music, Fun TV, Fun Radio et RTL 2, toutes filiales de Bertelsmann. « Un rouleau compresseur auquel il convient d’ajouter, dit-il, les activités du géant BMG, la major musicale de Bertelsmann. »

L’Express 4/4/2002, S. 22

 

 

Von "Invasion" ist hier die Rede, und von "Walze" – ebenso gut hätte hier "Panzer" stehen können. Doch Fun, M6M oder RTL transportieren und favorisieren keine interessanten Kontakte mit deutscher Kultur, die zudem noch Vorurteile zerstreuen könnten.

 

Dabei wird Herr Baudecroux gleich zu Beginn vorgestellt als persona non grata in Deutschland, damit man schon mal aufgebracht ist. Am Ende soll man dann so richtig entrüstet sein: wir Franzosen dürfen nicht nach Deutschland, aber die führen schon wieder einen Anschluss durch, da haben sie ja einige Erfahrung...!

                      

Deutsche Literatur? Unbekannt. Deutsche Musik? Da lacht man doch nur und denkt an bayrische Blasmusik. Und wenn jemand wirklich mal auf die Idee kommt und schaut sich im ZDF per Kabel oder Schüssel Sendungen an, bis er auf eine Musiksendung stößt, dann sind das diese unglaublich dummen deutschen Schlagersendungen, womit das Vorurteil zum Urteil sich wandelt. Und vollstreckt wird.

 

Nena hatte seinerzeit einigen Erfolg in Frankreich, Falco, Frau Hagen, aber das ist, mit Verlaub, Schnee von gestern. Die heute wahrscheinlich bekannteste Gruppe aus Deutschland ist Rammstein, aber deren Texte können Vorurteilen nicht wirkungsvoll begegnen. Zitate!

 

Mutter                 Live Aus Berlin

 

Rammstein

Die wohl umstrittenste Band Deutschlands seit den Wildecker Herzbuben kommt aus Ost-Berlin. (...) Mancher fühlt sich an die Fackelzüge der Nazis und die Bilder Leni Riefenstahls erinnert.

(http://www.laut.de/wortlaut/artists/r/rammstein/)

 

Einmal rechts, immer rechts!

Ihre von Feuer und strenger Ästhetik bestimmten Auftritte sind auch hier zu Lande manchem ein Dorn im Auge. Dennoch ist das Bild, das die Deutschen sich von Rammstein machen, recht differenziert. Anders in den USA. Dort gelten die Ost-Berliner spätestens seit ihrem umstrittenen Riefenstahl-Video als Provokateure mit deutlicher Affinität zum Faschismus.

Dabei bezieht sich MTV u. a. auf die Diskussion, die in den USA nach dem Massaker mit 15 Toten und 23 Verletzten in einer kleinstädtischen High School im US-Bundesstaat Colorado geführt worden waren: "Attentäter waren Rammstein-Fans", lauteten damals die Schlagzeilen. Zuvor hatten Rammstein bereits wegen ihrer Verwendung von Bildmaterial von Leni Riefenstahl in dem Video zu "Stripped" vor allem von angelsächsischer Seite heftige Kritik einstecken müssen.

Den Schaden hat nicht nur die Band. In der oben genannten Newsgroup wundert sich jemand, dass die deutsche Sprache so autoritär klinge. Armin weiß, warum das so ist: "what? german words like heil and sieg and du hast and bratwurst and rammstein and volkswagen and others are very much authoratative an they sound so good when being chanted along with stomping and shouting and drinking and shooting of the fireworks dont you agree?"

(http://www.laut.de/vorlaut/stories/2001/01/25/01409/index.htm)

 

Rammstein-Debatte in England

Mit der Verwendung von Filmen Leni Riefenstahls, die seinerzeit zur Nazi-Propaganda dienten, habe man lediglich ein künstlerisches Statement abgeben wollen, kein politisches. So weit, so naiv.

(http://www.laut.de/vorlaut/news/00524/index.htm)

 

Deutsches Kino? Fehlanzeige. Spitzfindige werden mit ironischem Lächeln Wolfgang Petersen zitieren, Roland Emmerich und andere Hollywood-Größen, die auch nur Standardware drehen. Derrick? – Das reicht nicht, um die deutsche Kultur über die Welt strahlen zu lassen, wie Molière z.B. es seit einiger Zeit schon in der Welt versteht...

 

Früher gab es mal einen, der hieß Rainer-Werner Fassbinder, neben Volker Schlöndorff, dann Wim Wenders usw., aber der Neue deutsche Film ist tot.

 

Wim Wenders ist direkt in die Universalität der Weltkultur übergegangen und wird gar nicht mehr als Deutscher wahrgenommen, was abstrakt gesehen natürlich kein Problem ist, den in Frankreich um ein positives Deutschlandbild Besorgten aber ein Argument weniger lässt. Dies gilt, mutatis mutandis, auch für die klassische Musik, von der man zwar weiß, dass die Komponisten dem deutschen Kulturkreis zugehörten, was auf das Bild dieser Kultur allerdings nur sehr vage positiv sich auswirkt. Aber das Thema war Kino.

 

Im Vergleich zu Asterix und der fabelhaften Amélie hilft kein Schuh des Manitu und auch kein Kleines Arschloch. Alle vier Filme zählen zu den größten Publikumserfolgen der letzten Jahre.

 

 www.film .de

 

DER SCHUH DES MANITU Bewertung: Wertung: 5  (von 6), 28.04.2002

einfach total cool                                          

also ich hab den Film von vorne bis hinten genossen und würde ihn auf jeden Fall noch ein 8. oder 9. Mal gucken. Ich denk mal, der Film is nichts für Leute, die völlig auf Filme, wo die Handlung auch in Realität passieren könnte, stehen. Aber ich finde so anspruchslos, wie der Film war, so cool und lustig war er wieder...!

 

 

Die Comics von Walter Moers sind, was landläufig als Kult bezeichnet wird. Ob Drogen, bizarre Sexpraktiken oder körperliche Unzulänglichkeiten - nichts und niemand ist vor dem publicity-scheuen Zeichner sicher. Ein gefundenes Fressen für alle Moers-Fans, das besonders Helge Schneider als Sprecher des "alten Sacks" zu einem echten Höhenrausch inspirierte. Auch Kritiker des kauzigen Komikers müssen vor der dargebotenen verbalen Leistung ihren Hut ziehen, die den schrillen Film zu einem wahren Highlight werden lässt.                                                       Oliver Zimmermann

 

Dies heißt natürlich nicht, dass es keine aktuellen deutschen Bücher, Filme und Musik gäbe, die es nicht wert wären, beachtet zu werden. Aber diese Produkte haben es in Frankreich noch schwerer als deutsche Autos, vom Markt angenommen zu werden. Da liegt der Haken im Feuer. Will man das Eisen aber schmieden, muss es herausgenommen werden und bearbeitet.

 

A propos Eisen: lange Zeit besaßen deutsche Autos einen hervorgehobenen Status und waren im Durchschnitt von besserer Qualität als die französischen, aber auch diese Zeit ist vorbei. Nur im Bereich der Oberklasse gibt es, abgesehen vom Preis, noch signifikante Unterschiede, aber Luxusschlitten verkaufen sich in Frankreich sowieso kaum. In dieser Klasse werden mehr als 2/3 der in Europa verkauften Wagen in Deutschland abgesetzt; nur die USA haben einen größeren Markt.

 

Wenn ein positives Image Deutschlands sich also lange auf die überlegenen Industrieprodukte stützen konnte, gehört diese Zeit der Vergangenheit an. Frankreich wird sogar jetzt manchmal Führungskraft, wie der Wirbel um die HDI-Motoren von PSA zeigt: Die deutsche Autoindustrie hat Ende 2001 einen Prozess gegen Peugeot angestrengt, weil in einer Werbung behauptet wurde, die Abgase des 607 Diesel seien praktisch rußfrei, dank eines besonderen Filters und Katalysators. Laut deutscher Autoindustrie sei dies unmöglich, wie es der Verband durch die Medien tönen ließ. Aber eine große Schnauze macht noch keinen Frühling, und die deutschen Automobilbauer verloren den Prozess, zur stolzen Schadenfreude der befreundeten Industriegruppe aus dem Nachbarland.

 

PSA ist nun sogar auf dem besten Wege, VAG den Rang als größter Automobilbauer Europas abzulaufen. Im letzten Jahr hat sich der Abstand des Marktanteils zwischen den beiden Klassenbesten von 5 auf 3 Prozentpunkte verkleinert. Bald dürfte – cocorico – also der Franzose Europa dominieren... Selbst in seiner traditionellen domaine d’excellence ist Deutschland demnach im wahrsten Sinne des Wortes überholt.

 

Ehrlich gesagt wissen Wirtschaftsfachleute, dass simple Industrie out ist, und intelligenter Service in. Und in Sachen Dienstleistungen liegt Frankreich eh vorn. Deutschland bleibt nun mal hoffnungslos traditionell.

 

Die Flugzeugindustrie bringt es auch nicht, denn niemand weiß hier in Frankreich, dass Airbus Industrie auch deutsch ist, abgesehen vielleicht von Toulouse, wo man aus verständlichen Gründen besser informiert ist. Ein A380 ist in Frankreich französisch, in Deutschland Mercedes.

 

Im Gespräch mit Spezialisten wird dann finassiert. Was machen denn die Deutschen eigentlich bei Airbus, hmm? – Ja, die Rumpfteile und den Innenausbau, also das Simpelste, das Primitivste. Die Briten machen Kritisches – die Flügel und Motoren, die Franzosen auch Motoren, und wer macht das Intelligente, die Pilotenkanzeln und Steuerungen? Na, die Franzosen eben. Na also. Woran das historisch liegt, ist doch Nebensache. Peanuts. Wohl bekomms.

 

Ariane ist auch französisch, schließlich kommt sie aus Toulouse (CNES) und startet aus Französisch Guyana. Mehr Beweise braucht man doch wohl nicht!  Übrigens ist es nicht viel besser für das Image Deutschlands mit Spezialisten zu reden, die die Geschichte der Ariane genau kennen. Denn die wissen dann, dass der Motor von Ariane IV Viking heißt, und seinen arischen Namen seinem Projektleiter verdankt, der zu der Naziclique um Werner von Braun gehörte und London zerstörte. Auch die europäische  Trägerrakete basiert auf der V2. Augenzwinkern.

 

Zwischen den Kriegen gab es noch die deutschen Nobelpreisträger, deren Entdeckungen faszinieren konnten, und viele Leute Deutsch lernen ließen, aber das ist auch vorbei.

 

Nur als Sprache für Dompteure in aller Welt hat Deutsch sich gehalten, aber erstens ist es das positivste Image nicht, es als die Sprache zu sehen, die am besten für den Umgang mit wilden Tieren geeignet ist, und zweitens ist der Markt begrenzt. Schon Voltaire schreibt übrigens aus Berlin in einem bekannten Brief: „Alle Welt spricht hier Französisch, nur mit den Pferden spricht man Deutsch“.

 

Die deutsche Kultur schafft es also im Moment nicht, aus eigener Kraft auf dem französischen Markt präsent zu sein. Die politische Schiene versagt. Das Wirtschaftswunderland und das Land der Wissenschaften gehören der Vergangenheit an. Sloterdijk ist nicht Nietzsche, aber das wussten wir schon. Moderne Kunst interessiert die breite Masse nicht. Architektur ebenso wenig. Außerdem ist Frankreich jetzt Fußballweltmeister, na also! Übrigens hat die Tatsache, dass Deutschland bei den letzten Winterspielen den ersten Platz belegte, absolut keinen Effekt gehabt in einem inzwischen recht sportbegeisterten Frankreich. Sport ist also auch kein Vektor, Begeisterung für Deutschland zu wecken, was letztlich nicht weiter erstaunt. Ersatz bleibt Ersatz.

 

Muss man über das Wetter sprechen? Jein. Daran allein kann es auch nicht liegen, schließlich genießen die skandinavischen Länder ein besseres touristisches Image als Deutschland. Aber wer reif für die Insel ist und dort seine Seele mal so richtig baumeln lassen will, der fliegt nicht ins Sauerland.

 

Was bleibt?

 

Die Realität. Dass nämlich Deutschland Frankreichs größter Handelspartner ist, und die wirtschaftlichen Verknüpfungen es geradezu verlangen, dass die Franzosen Deutsch lernen. Die voranschreitende Globalisierung und Integration Europas, die erahnen lässt, dass diese Tendenz sich verstärken wird. Die Tatsache, dass man sich mit Englisch nicht von anderen Kandidaten abheben kann, da alle dies sprechen können müssen. Und anderes in diesem Stil. Alles richtig, aber nicht bekannt und auch zu vernünftig. Vernunft ist bei Descartes nicht immer gefragt, hat mir sein Graphologe anvertraut.

 

Es ist nicht schwer, ausgezeichnete Beispiele von deutsch-französischer Zusammenarbeit im wirtschaftlichen Bereich zu geben, und die gegenseitige Bedeutung für die beiden jeweils wichtigsten Handelspartner mit Zahlen zu untermauern, wie ich es an anderer Stelle bereits getan habe.

 

Mit Realität jedoch scheint in einer Welt von Videospielen nur wenig Staat zu machen zu sein; Handelsbilanzen sind eben doch für viele Leute deutlich weniger attraktiv als Lara Croft.

 

Direkte Kontakte, zwischenmenschliche Beziehungen. Das ist doch was Konkretes. Sicher, aber die über 2.000 Städtepartnerschaften sind größtenteils ausgelutscht. Nach der Konsumgesellschaft das Diktat der Fernbedienung: zapping ist Lebensart, und to zap heißt to kill. Zappenduster?

 

Vor vielen Jahren habe ich, im Kontakt mit Raymond Aron, einmal nachgeforscht, wann die persönlichen Beziehungen zwischen Deutschen und Franzosen eigentlich am intensivsten waren. Die zugänglichen Statistiken im INED, INSEE, an der EHESS, in der BN, im Innenministerium usw. zeigten: Kriege und Hungersnöte sind der Zeitraum, in dem die persönlichen Kontakte am häufigsten, am intensivsten sind und auch am längsten währen. Das zeigt sich an Aufenthaltsgenehmigungen, Heiraten, Staatsangehörigkeiten.

 

Aus dieser Feststellung sollte man jedoch keine falschen Schlüsse ziehen, zumal die deutschen Soldaten jetzt um 18 Uhr zum Abendessen bei ihren Angetrauten zu erscheinen haben! Aber zu notieren bleibt, dass all das Geld und die Energie, die in die deutsch-französische Freundschaft gesteckt wurde, bislang weniger "Ertrag" gebracht haben als etwa das Rugbyspiel zwischen Irland und Frankreich, was allerdings nicht subventioniert wird.

 

Nach dem letzten Weltkrieg gab es vielleicht noch so etwas wie die dunkle Faszination für die Macht Deutschlands, ein Land, das fast allein gegen die Welt stand und teilweise so wirken mochte, als hätte es tatsächlich siegen können. Macht fasziniert immer, denn sie zwingt alle, sich ihr gegenüber zu definieren. Damit wird sie Teil auch derer, die ihr entgegenstehen. Man sieht diese möglicherweise perverse, sicher aber aberwitzige Situation zum Beispiel bei der Bedeutung des Holocaust für die jüdische Identität heute. Übervater Hitler. Kein Fall für Sigmund.

 

Das Wirtschaftswunderland konnte faszinieren, man konnte es beneiden. „Was, denen geht es schon wieder so gut? Man könnte sich fragen, wer hier eigentlich den Krieg verloren hat!“ Das Modellland eines capitalisme rhénan, mit seiner cogestion à l’allemande, seinem unvorstellbaren Reichtum an Sozialleistungen war ein massiv anziehendes Bild, solange es alleine stand. Heute ist dies teils zur sozialen Hängematte für Hunderttausende Schwarzarbeiter verkommen, teils zu Tröpfchenfusion (BaFöG) verkümmert, in jedem Fall jedoch kein Vor-Bild mehr für Frankreich, das sich Deutschland in diesem Bereich oft sogar überlegen fühlt, auch wenn dazu – historisch – wenig Grund besteht. Schweden hat inzwischen für Sozialleistungsorientierte Deutschland vom Spitzenplatz längst verdrängt.

 

In den letzten Jahrzehnten hat sich allerdings einiges geändert, von der Qualität des Gesundheitssystems – Frankreich ist laut WHO Weltspitze –, der Rente mit 55 bis 60 für Staatsdiener, das RMI (Sozialhilfe, 1985 von Michel Rocard eingeführt) und nun die 35-Stunden-Woche, mittels derer Jospin sicher war, zum Präsidenten gekürt zu werden. Aber so einfach lässt sich ein Franzose eben nicht bestechen!

 

Es ist erstaunlich, wie wenig klar die schiere Größe und Bedeutung der deutschen Wirtschaft in Europa allgemein bekannt ist. DeutschlehrerInnen, die, in diesem Bereich mit vagen Kenntnissen gewappnet, den Umfang der deutsch-französischen Handelsströme und Verflechtungen ansprechen, um der deutschen Sprache zu Werbezwecken irgendwie doch noch ein Interesse abzugewinnen, verstummen schnell, wenn die Eltern oder Kollegen dann rasch und höhnisch reagieren, indem sie die Schlagzeilen und andere Informationen zitieren, die den Untergang Deutschlands beweisen: Entlassungen, Arbeitslosigkeit, Konkurse. Das dies nicht die deutsche Wirtschaft in ihrer Gesamtheit betrifft, ist schwer vermittelbar. Deutschland ist eben auch nicht mehr das, was es mal war.

 

Die betriebliche und die paritätische Mitbestimmung, lange als Demokratie in der Wirtschaft gefeiert, ist nun im Rahmen des raueren Windes der Globalisierung in Bedrängnis geraten und wirkt in dieser fröstelnden Stimmung plötzlich anfällig und tuberkulosegefährdet. Reaktivität ist jetzt gefragt, keine Mitbestimmungsbürokratie. Der Weltwirtschaftskrieg wird darüber richten, wer verdient, zu überleben. „Haben Sie doch Vertrauen zu mir“, sagte der Banker, bevor er aus dem Fenster sprang. Nein, nein, keine Angst, war nur ein Ulk.

 

Das Hausbankprinzip mit der für wasserdicht gehaltenen Abschottung nimmt in dieser rauen See nun plötzlich Brecher über Brecher. Erst fällt Holzmann (Schuster, bleib bei deinen Leisten!), dann Citizen Kirch. Schadenfreude macht sich breit. Und das ausländische Kapital setzt sich plötzlich nun auch in Deutschland durch. Mobilcom, Preussag, Kirch out. Berlusconi, Maxwell, France Télécom in. Gong! Nächste Runde. Frei handelbare Aktien machen Unternehmen anfällig für feindliche Übernahmen. Die nächste Krise kommt bestimmt. Ein Ausverkauf an Haie ist nun denkbar. Noch ist DaimlerChrysler der Stolz der Schwaben und der ihnen befreundeten Stämme, aber auch dieses Symbol könnte eines Tages fallen.

 

Die Streikstatistiken in Frankreich sind seit Jahrzehnten massiv rückläufig und inzwischen auf historischen Tiefstständen angelangt. In Deutschland war eine parallele Tendenz nicht zu erkennen, weil nicht möglich. Wo nicht gestreikt wird, kann die Statistik auch nicht rückläufig sein. Wo Franzosen sich früher nach "deutschen Zuständen" sehnen konnten, in einem idyllischen Land ohne soziale Konflikte, wo der Arbeitnehmer dennoch ständig mehr Reallohnzuwachs erreichte als sein hartnäckig streikender französischer Kollege, haben die Unterschiede sich angeglichen. Auch hier ist Deutschland kein Modell mehr.

 

Nachdem nun die letzten Klarheiten beseitigt sind, werden Sie fragen, ob die in Frankreich präsenten deutschen Unternehmen nicht ein erwähnendes Wort verdienen. Da haben Sie natürlich ganz recht. Von einigen haben wir ja schon gesprochen.

 

Die übrigen teilen sich in bekannte und unbekannte. Bei vielen weiß sowieso niemand, dass es sich um deutsche Unternehmen oder Produkte handelt (Geo, Nivea, le chat, Quelle, Tesa, Uhu, Montblanc, Haribo, France loisir, adidas, Puma, Gardena...), andererseits können auch französische, schweizerische, österreicherische, italienische oder japanische Firmen und Handelsmarken als deutsch gelten (Schneider, Kärcher, Blaupunkt, sel, dual, braun, Herta, Hugo Boss, Telefunken...).

 

Von der Gruppe Ganz ist bekannt, dass sie deutsch ist, aber es verhält sich da wie mit den oben erwähnten Ablegern der Bertelsmänner und den anderen Erzeugnissen: die Produkte werden nicht mit Deutschland in Verbindung gebracht und verhalten sich, in Bezug auf die Vorurteile und das Deutschlandbild, neutral. Wer mit Uhu klebt, wird auch nicht weise.

 

Da sind die Haushaltsgeräte schon sehr viel aktiver, und das sollen sie ja auch. Siemens, Bauknecht, Gaggenau, Miele, Bosch und Krups – in der Küche sind die Boschs und Krups nämlich willkommen und lösen plötzlich gar keine bösen Erinnerungen mehr aus (den Unterschied zwischen Krupp und Krups kennt hier niemand). Das steht hier durchaus nicht, um Deutschland Honig um den Bart zu schmieren. Deutsche Qualitätsware, immer etwas teurer, ist auch hier gefragt, um seinen Status und sein Selbstwertgefühl zu heben. Ein Staubsauger von Miele ist nämlich billiger als ein Porsche, aber da verrate ich Ihnen vielleicht kein Geheimnis, und er saugt auch besser. Dabei mache ich hier durchaus nicht madig, was in Germany in ist. Richtig. Made in Germany ist immer noch bekannt und gilt weiterhin als Garantie für Solidität.

 

Dieses Bild solider deutscher Produkte wird auch von anderen Herstellern gestützt: Solingen kann stabil klingen (und die stellen sie ja auch her), Optikfans kennen Zeiss, Leica, Minox, Edelware liefern auch Jill Sanders oder Joop!. Aber der schnellste Zug der Welt ist der TGV, Paris Synonym für haute couture, Guy Degrenne auch nicht von schlechten Eltern, und der HDI Motor von PSA bleibt rußfrei.

 

Wie bitte? Chauvinismus? In Frankreich? Nein, da liegen sie falsch. Das sind ganz sachliche Feststellungen. Man wird sich ja wohl nicht dafür entschuldigen müssen, der Beste zu sein! Das wäre ja noch schöner! Sind Deutsche denn zudem auch noch so schlechte Verlierer? Jetzt enttäuschen Sie schon wieder.

 

Nach Wirtschaftskrise, Gastarbeiterproblemen und Asylantenproblematik ist Deutschland immer mehr mit einer restriktiven Immigrationspolitik aufgefallen, und hat sich damit in eine randständige Position gegenüber historischen Tendenzen begeben. Aber gehen wir zunächst einen Schritt zurück.

                                                                                        

Welche Werte sind gegenwärtig und werden in den nächsten Jahren die die Gesellschaft bestimmenden Leitwerte sein? Welche Werte sind nötig? Welche in Mode?

 

In der französischen Jugend, die sich im Moment, das gehört halt dazu, in einer identitätsbildenden Phase befindet und in der Anti-Le-Pen-Bewegung ihr "68", ihren "Kriegersatz" erlebt, was sie für ihr Leben formen wird, scheint der entscheidende Wert der Antirassismus zu werden, eine noble und begrüßenswerte Haltung, gesellschaftlich sinnvoll und nötig, in Hinblick auf die für die in der Zukunft erwarteten Veränderungen im Rahmen der weiter steigenden Internationalisierung einerseits und der schwachen Demographie in Europa, die in den nächsten Jahren eine neue Immigrationswelle nötig machen wird, andererseits.

 

Doch dieses Phänomen betrifft nicht nur die Jugend. Bei den Anti-Le-Pen-Demonstrationen zum  1. Mai 2002 habe ich viele Leute angesprochen, um zu erfahren, was ihnen dieser Tag bedeutete, und viele haben mir geantwortet, dass sie das Gefühl hätten, endlich "ihr '68" zu erleben, weil sie damals zu jung waren. Auf die Frage, ob sie an der letzten großen Demonstrationswelle 1995/96 gegen Juppé teilgenommen hatten, antworteten sie mit ja, aber der Unterschied zu den Ereignissen Le Pen betreffend erschien ihnen verständlicherweise historisch. Die Neofaschisten um Le Pen und der Kampf gegen sie sind also identitätsbildend für eine große Zahl von Franzosen zwischen 15 und 50.

 

Dies kann der Attraktivität des Deutschen nur abträglich sein. Warum?

 

u Erstens ist durch den Präsidentschaftswahlkampf der Faschismus, der Nationalsozialismus und Hitlerdeutschland wieder ins Rampenlicht gerückt, wobei nicht immer deutlich wird, was der Unterschied zum heutigen Deutschland ist. Ein vager Verdacht bleibt, dass in Deutschland das Tier nur schlummert, aber doch irgendwie unterschwellig allgegenwärtig bleibt. Einmal schuldig, immer schuldig. Zitat aus den Frühstücksnachrichten des Radiosenders Europe 1 am 2. Mai (8h45): „Dankeschön – bitteschön ist eine ganz geläufige Replik unter Anhängern des Front National, und man hört sie im Hauptquartier tagein, tagaus“. Im Original ist nur die Schrägschrift auf Französisch.

 

In den letzten Jahren konnte man beobachten, dass die Berichterstattung der französischen Medien über die fremdenfeindlichen Gewalttaten im wiedervereinten Deutschland deutlich überproportional zu ihrer gesellschaftlichen Relevanz dargestellt wurde, was hier nicht steht, um diese Taten zu verniedlichen. Leicht überspitzt gesagt war man hier sehr viel besser informiert über die xenophoben Gewaltakte in Deutschland als über die in Frankreich, wobei man über Frankreich allerdings noch andere Informationen bekam, auch ohne Medien... 

 

Das wiedervereinigte Deutschland macht sehr viel leichter Angst als andere. Stellen Sie sich vor, Schönhuber und Frey hätten bundesweit 20% bekommen bei der Bundestagswahl. Nein, stellen Sie es sich lieber nicht vor. 

 

Schon Mitterrand reagierte ängstlich und anfangs abweisend auf die Idee der deutschen Wiedervereinigung, und die Initiativen der Bundesregierung in den letzten Jahren bestätigen, dass der größer gewordene Nachbar im Osten seine neue Macht auch ausleben will, wie u.v.a. die Bemühungen um einen Platz im Sicherheitsrat der UNO zeigen. Deutschland, seit dem Krieg Partner Frankreichs und dessen politischer Führung in vielen Fragen, ist selbstbewusster geworden. Politisch schwächt Frankreich dies international noch weiter. Wirtschaftlich ist Frankreich sowieso abgerutscht. Nach Statistiken der Weltbank nach Indien auf Platz 6, laut Eurostat nach Großbritannien auf Platz 5. Wenn man den französischen Medien und offiziellen Stellen vertraut, liegt Frankreich ökonomisch in der Welt weiterhin stolz auf Platz 4. Statistiken sind eben irgendwie nicht so aussagefähig, wie sie scheinen.

 

Man kann die Fernsehprogramme der nächsten Wochen und Monate antizipieren, die eine weitere Generation von Franzosen beeinflussen wird. Da werden alte Kriegsfilme ausgegraben werden, die die ewigen Wahrheiten perpetrieren. Doch auch ohne dies funktioniert der Mythos: so bringen TF1 und FR2 zwei parallel produzierte neue Fernsehfilme zum Thema Jean Moulin, france 3 brachte am 4. Mai eine neue Produktion, La Victoire des vaincus, die die Deutschen wieder als Faschisten vorführt und lächerlich macht. Natürlich ist dies alles verständlich und es ist natürlich wichtig, die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, und einem neuen Faschismus vorzubeugen, aber motivieren kann dies natürlich nicht, Deutsch zu lernen. Und wenn Franzosen Deutsch lernen wollten um Mein Kampf im Original lesen zu können – der Tag scheint manchmal gar nicht mehr so weit – , wäre dies selbstredend erschütternd.

 

Dieser antifaschistische Kampf wird nun aber, wie bereits erwähnt, zum zentralen identitären Moment der heutigen französischen Jugend, ab etwa fünfzehn bis fünfundzwanzig vor allem, in geringerem Sinne bis fünfzig. Ein weites Feld! Da solche generationsbildenden Phänomene nationaler Katharsis real gesellschaftsbildend sind und lange Zeit bei den Nachwachsenden einflussreich bleiben – siehe '68 –, ist die Richtung klar.

 

Da die ältere Generation in Frankreich massiv rassistisch denkt, ist diese Thematik für die jungen Menschen heute im Rahmen des Generationenproblems ein gefundenes Fressen. Endlich können die jungen Leute sich mal wieder so richtig polarisieren und selbst finden, nach jahrelanger Flaute durch die 68er-Bewegung, die den Nachgeborenen den Wind aus den Windeln genommen hatte. Die Spätgeborenen sind ohne Gnade!

 

Ein Element jedoch verbindet diese Jugend mit der Geschichte: der Kampf der résistance. So war bei den Demonstrationen zum 1. Mai denn auch eine Verbindung spürbar zwischen den Urenkeln und den Uropas, ein Spagat der Geschichte. Die Jüngsten fühlen sich nun offenbar als la relève. Das entspricht auch den Fernsehszenarien, mit denen sie aufwachsen. Nach Batman, la relève in der virtuellen nun moi, la relève in der realen Welt. Wenn das das Selbstbewusstsein nicht stärkt! Chacun son cinéma !

 

u Zweitens (erstens war auf der vorigen Seite), und dies scheint mir mindestens ebenso wichtig, kann man in Frankreich von Deutschland nur ein sich in den vergangenen 25 Jahren immer stärker hervortretendes Bild eines pays ringard beobachten, eines Landes, das sich ins Abseits manövriert mit einer überholten Konzeption von rassischer Reinheit (siehe deutsche Nationalelf, Olympiamannschaft, Schauspieler, Schlagerstars, Models, usw.), die bereits 1516 mit dem ältesten deutschen heute noch gültigem Gesetz, dem deutschen Reinheitsgebot, beginnt, und sich über Hitler fortsetzt bis zum Wahlkampf der CDU in Hessen 1998, deren einziges Thema das jus sanguinis, das Blutrecht war. Ein Wort, das den Franzosen Schauer über den Rücken jagt, denn niemand weiß hier, dass das vorbildliche französische Bodenrecht noch nicht so alt ist, wie viele denken. Aber die französische Unfähigkeit zur Vergangenheitsbewältigung gehört hier nicht zum Thema.

 

Die eben evozierte geradlinige, auf Diskriminierung beruhende deutsche Purifikationsethik, die französisches Bier – selbst aus dem Elsass – nicht nach Deutschland lässt, erweist sich so als Bestätigung des Ewigen Deutschen, quod erat demonstrandum. Natürlich ist diese Parallelsetzung, diese geistige Gleichschaltung, intellektuell unehrlich, unhaltbar, Karikatur. Aber das ist leider egal. Denn es wirkt. Diese primitive geistige Grundhaltung besteht leider in vielen Köpfen von Meinungsmachern und -multiplikatoren in Frankreich, die man – trotz Studiums – leider nicht immer der intellektuellen Schicht zurechnen kann. Intelligenz und Dummheit sind, zum Erstaunen eines jeden, eben kein Gegensatzpaar, wie alle nach ein paar Jahren Arbeitsleben bestätigen können.

 

Das altmodische Bild Deutschlands wird auch gestützt auf die hier immer noch sehr bekannten drei K. Da hat sich Deutschland seit dem Kaiserreich nicht geändert. Beweis: die Kirchen sind allgegenwärtig (Religionsunterricht, Kruzifixe in bayrischen Klassenzimmern, Kirchensteuer) und die Frauen sind nicht emanzipiert, denn eine junge Mutter, die parallel Karriere macht, ist für die Deutschen eine Rabenmutter.

 

Schauen wir mal in die ZDF-Nachrichten (5.5.2002). Kongress der Grünen, heute mal nicht unterbrochen, um ein Fußballspiel anzuschauen. Die Vorsitzende Claudia Roth am Mikrophon: „Die CDU, das sind die drei K, Kinder, Küche, Kirche! Wir wollen aber Kinder, Karriere und andere Kerle!“ Frau Roth muss es doch wissen. Was die Grünen für die Zukunft wollen, existiert eben noch nicht. Na bitte!

 

Dies steht der französischen Jugend diametral entgegen, und deren Haare dann schnell zu Berge. Dieser Cocktail aus Halbwissen, Vorurteil und Wahrheit ist fatal. Aber zäher als Zuckerrübensirup, der auch braun ist. Übrigens ist nicht jede junge Mutter Kafkas Mutter. Barmann, Shaker!

 

Dieses eben erwähnte Klischee ist auch deshalb signifikant und bedeutungsschwanger, weil, wie bereits erwähnt, die aktuelle und zukünftige Leitkultur der französischen Jugend, black, blanc, beur, die Werte der Republik, liberté, égalité, fraternité, sind, und diese in Frankreich stark mit der Schule verbunden werden, deren Tradition seit Jules Ferry (nicht Lucky Luc) und seinen hussards de la République wiederum zentral bestimmt wird von der laïcité, die Religion der droits de l’homme et du citoyen, die mit Konfessionslosigkeit nur unzureichend übersetzt wird, da die traditionsbewusste Lehrerschaft eher als religionsfeindlich eingestuft werden muss und, Ironie des Schicksals, oft bekennende Marxisten waren. Junge Grundschullehrer sind leider meist nur noch unbedarft.

 

Wenn man junge Franzosen bittet, die Deutschland, den und dem Deutschen gegenüber bestehenden Vorurteile und Stereotypen zu nennen, dann kommt: Nazis, Holocaust, Bier, Wurst, dicke Schlitten, groß, blond, blauäugig, diszipliniert, ordentlich, arbeitsam, Umweltschutz. Deutsch ist hässlich und schwer. Bekannte Deutsche: Hitler, Kohl, Schuhmacher. Nein, Boris, tut mir Leid, Du bis schon wieder weg vom Windows. That’s aol.

 

Was passiert, wenn ein Franzose einen Deutschen trifft?

 

Uns interessiert hier das Bild Deutschlands und der Deutschen in Frankreich. Da der nicht Deutsch sprechende Franzose sicher nicht nach Deutschland in Urlaub fährt, eine Feststellung, die auch für die Deutsch sprechenden Franzosen, und sogar für eine beachtliche Zahl von Deutschlehrern gilt, erlebt er die Deutschen entweder als Touristen in Frankreich, oder als Touristen in seinem Urlaubsort in Spanien.

 

Frankreich ist das bedeutendste Tourismusland der Welt, Deutschland stellt das aktivste Reisevolk der Erde. Bier ist hier und Schnaps ist knapp.

 

Nur 5% der Auslandsreisen von Franzosen führen sie in deutsche Lande; meistens allerdings weniger aus touristischen denn aus beruflichen Gründen. Da Franzosen sowieso kaum ins Ausland reisen, ist es also kaum übertrieben zu sagen, dass man französische Urlauber im Land der Dichter und Philosophen mit der Lupe suchen muss.

 

Dagegen kommen insgesamt 15 Millionen deutsche Touristen pro Jahr nach Frankreich. So können Franzosen sich ein gutes Bild von ihnen machen. Doch diese fallen meist nur unangenehm auf. Zu Kontakten kommt es dabei kaum.

 

Die sprichwörtlichen Neckermänner sind ein trauriges Kapitel. Wie sind Deutsche? Das könnte sich etwa so anhören: „Ich hab schon oft welche gesehen, bei mir in Cap d’Agde. Die sind immer nackt, haben enorme Bierbäuche, saufen den ganzen Tag und grölen wie Wildschweine. Widerlich! – Aber ich war auch schon mal im Ausland. Da bin ich mit dem Schiff von Sête nach Mallorca gefahren für eine Woche. Zum Glück hatte ich nicht länger gebucht. Da war es noch schlimmer. Am Strand sprechen sie dich glatt auf Deutsch an. Alles haben sie aufgekauft dort und verhalten sich wie Besatzer. Auch die Schiffer. Das ist eine Reise in die Vergangenheit. Ich hab gesehen, was meine Großeltern im Krieg durchmachen mussten.

 

Na gut, der letzte Satz war vielleicht doch ein wenig übertrieben, den streichen wir.

 

Aber sogar in Deutschland spricht man bekanntlich vom 17. Bundesland. Und Filme gibt es auch zu dem Thema, womit wir, Ballermann macht’s möglich, wieder bei der Qualität des deutschen Kinos wären. Da beißt sich der Kater in den Schwanz, und viele haben einen.

 

Die Frage, warum sich Deutsche in Deutschland so viel disziplinierter zeigen, als im Ausland, wird oft gestellt.

 

Mögliche richtige Antworten darauf gibt es viele. Wir müssen allerdings feststellen, dass auch in Deutschland es um die Disziplin nicht immer so bestellt ist, wie weithin angenommen. Manchmal herrscht geradezu Chaos. Das nennt der Deutsche Karneval. Dann gehen die Leute zwar nicht bei rot über die Ampel, aber springen wildfremde Personen an und zerschneiden deren Kleider. Wenn das beim nächsten Mal einem US-Bürger passiert, könnte es sein, dass Deutschland von der Bush-Administration in die Achse des Bösen eingeordnet wird.

 

Natürlich gibt es auch unauffällige deutsche Touristen, aber die fallen eben nicht auf. Wenn die Tautologie einen schon mal packt.

                                                                       

Der Mechanismus von Vorurteilen und ihren Bestätigungen ist ein Kapitel Psychologie für sich. Was ist ein typischer Franzose? Natürlich ein  unrasierter Typ mit einer Gitane-Maispapierkippe im Mundwinkel, Baskenmütze, Weinflasche, Baguette, Boursin auf einem Mofa Typ Peugeot 103. Der nach Frankreich kommende Tourist ist erpicht darauf, einen "typischen Franzosen" zu fotografieren, für die nächste Diashow (inzwischen Digitalfotoshow per Bildschirm). Die Millionen NormalbürgerInnen, denen er in seinen zwei, drei Wochen Urlaub auf der Straße begegnet, sind eines Fotos nicht würdig: solche Leute sieht er/sie schließlich auch zu Hause. Aber den einen "typischen" Franzosen, den er dann endlich vor die Linse bekommt, das ist der Hammer. So sind sie nun mal, die Franzosen! Seht her Leute! Und das gilt andersherum natürlich ebenso für den "typischen" Deutschen. Nur das die Bayern tatsächlich im Trachtenlook herumlaufen, wie schon der allerwerteste Herr Stoiber beweist.

 

  

 

Eine Krux mit diesen Vorurteilen! Diese power positiv umpolen, das wär doch was! Dann wäre die Kiste geritzt. Tja, auch Kronen sind Schäume. Maß halten! Keine Träume!

 

Ab und zu erlebt der Franzose Deutsche auch im Fernsehen. Klaudia Schiffer, Citroen-Verkäuferin, wird von den französischen Männern oft noch als attraktiv empfunden, kommt bei Frauen aber deutlich weniger an. Warum das so ist, ist unklar. Sicher ist, dass sie es sich wert ist.

 

Nichts gegen die Formel 1, ich fahre auch Fiat, aber finden Sie, dass Michael Schuhmacher, dieser Luchs, ein idealer Sympathieträger ist? Wie denn, eine Leuchte? Auch er ist übrigens sicher, dass er es sich wert ist.

 

Dieses deutsche Traumpaar – blond und blauäugig – sind die einzigen in der französischen Medienlandschaft präsenten, von französischen Unternehmen bezahlten Deutschen. Sie sind es sich eben wert. Halt Traumpaar.

 

Dann findet man noch ab und zu einen inzwischen älteren Herren mit Pferdeschwanz und Sonnenbrille aus Hamburg, der wie ein Maschinengewehr spricht, in der Modebranche tätig ist, und im letzten Jahr ganze 25 kg abgenommen hat. Er zählt irgendwie zum Mobiliar.

 

Eine Deutsche gab es, die ist immer noch populär. Sie war Schauspielerin und wohnte lange in Paris. Jetzt zögern sie zwischen zwei Namen. Sie haben Recht: es sind auch zwei. Die jüngere, Aschenputtel Sissy, verstarb vor der älteren, grande dame Marlene. Beide waren von den Franzosen adoptiert worden. Das ändert aber am Bild der Deutschen nichts. Umgekehrt wird ein Schuh draus!

 

Eingeweihte der Kulturszene kennen vielleicht noch Ingrid Caven, deren Leben von ihrem Gemahl zu einem Bestseller verarbeitet wurde, aber von den ausgezeichneten Büchern des Prix Goncourt sagt man, sie würden zwar gekauft, jedoch nur selten gelesen, was übrigens auch für den neuesten Eco zutreffen soll, will man Unkenrufern glauben. Aber Schwamm über den Frosch. Zum Glück ist dieser Text nicht englisch.

 

Alle diese Personen sprechen in den Interviews in den Medien entweder sehr gut Französisch, oder Englisch. Manchmal kann man als einfacher Franzose daran zweifeln, ob es Deutsch überhaupt gibt. Vielleicht nicht einmal in Deutschland: „Es ist bekannt, dass unsere Schulen kränkeln: dass zu viele Kinder nach neun Jahren Unterricht weder richtig lesen noch schreiben, noch Deutsch sprechen können“. Na, bitte! Wo das steht? In der „Zeit“ vom 18. Februar 2002; die ist doch seriös, oder?

 

Dieser doch relativ begrenzte Zugang zur Erfahrung von Deutschen in Frankreich – es gibt nämlich noch ein paar mehr – wird auch durch das deutsch-französische Fernsehprogramm arte nicht geändert, da dieses sowieso lediglich von einer winzigkleinen Minderheit eh eher offener und informierter Personen rezipiert wird.

 

Vorurteile abbauen und Wissen vermitteln muss aber, will man die Situation des DaF in Frankreich verändern, massiv sich auswirken. Das ist ein ganz kategorischer Imperativ. Sonst ist es das alles eben nicht wert.

 

In dieser Beziehung, als massenmediales Marketinginstrument der Völkerverständigung, ist arte ein glatter Reinfall. Rausgeworfenes Geld. Als Oase in der televisuellen Kulturwüste allerdings ist das deutsch-französische Fernsehprogramm ein Bombenerfolg. Pardon. Will sagen: ...ein bei aller gebotenen Zurückhaltung und Differenzierung im Rahmen ebenso dezidierter wie überlegter Betrachtungsweise als Instrument interkulturellen und/oder gegenseitigen Kontaktsuchens zwecks eines ebensolchen Verständnisses pars pro toto durchaus als akzeptabel einzustufen, das steht für den Autor – in aller Bescheidenheit – außer Frage. Wie Sie sehen, kann ich auch manchmal fast so schreiben, als würde ich es nicht mit der Axt tun. Alte Holzfällerehre! Die zerstört auch kein saurer Regen, und der bringt sich bekanntlich... Ja, äben!

 

Deutschland ist, letztes Teilthema hier, auch Bio- und Ökoland, hat die industriellste Agrarindustrie, da ist doppelt nicht zu viel gemoppelt, und Landwirtschaft kann man das nicht mehr nennen, und kauft seinen Atomstrom in Frankreich, während es daraus aussteigt, ein Paradox, das in Europa niemandem entgeht. Warum sollte man nicht über die Deutschen lachen, wenn sie selber die Rute liefern, um geschlagen zu werden? Das war jetzt ein französisches Sprichwort.

 

Woraus wird Deutschland nach dem Ausstieg aus der Atomenergie und dem Ausstieg aus der Intensivkultur in der Landwirtschaft aussteigen? Sicher ist: aussteigen scheint Trend. Normal. Die dies inszenierenden Grünen waren doch selber welche. Aber vielleicht steigen sie sowieso bald wieder aus der Politik aus. Nach der Reduzierung des Wahlprogramms auf fünf Mark für einen Liter Sprit – inzwischen vielleicht fünf Euro – haben sie, T-Shirt hin, Krawatte her, ja eh bald mehr Dreiteiler als Wähler.

 

Die deutsche Autoindustrie steht doch sowieso schon seit langem an der Spitze des ökologischen Kampfes! Schließlich sind die Autos dort elektronisch auf eine Spitzengeschwindigkeit von 240 km/h begrenzt. Das ist sogar Weltspitze! Das soll denen erst mal jemand nachmachen!

 

Durch das hohe Niveau an Umweltbewusstsein – das die Menschen (wieder mal) in zwei Kategorien teilt, nämlich in Umweltfreunde und Umweltfeinde – fahren alle ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Rad. Warum Deutschland der größte Automarkt Europas ist? Reine Disziplin! Gefahren wird nicht. Was? Die Deutschen verpulvern am meisten Kerosin Europas mit ihren vielen Reisen? Nein! Das liegt sicher an den Türken. Das sind doch Millionen. Sollte man denen wirklich verbieten, dass sie mal nach Hause fahren? So unmenschlich sind wir doch nun auch nicht.

 

Lobenswert sind die gelebten Alternativen. So ein norddeutscher Bauernhof, umgeben von einem Dutzend Rotoren, das hat doch was Modernes! Da soll erst mal einer kommen und sagen, Deutschland wäre nicht Avantgarde! Was haben Sie gesagt? Ich höre nichts!

 

Warum der fein säuberlich getrennte Hausmüll wie der gewaschene Joghurtbecher von Müllermilch, ohne Aluminiumreste versteht sich, aus den fünf Containern von nur einem Lastwagen abgeholt wird? Was, ohne Trennwände? Keine Ahnung. Nach Afrika? Glaub ich nicht. Wir zahlen doch den grünen Punkt. Na, also da acht ich ja nun drauf! Ohne grünen Punkt kauf ich doch erst gar nicht. Na, was denkst du denn?

 

Es ist doch erstaunlich, wie viel Spaß es macht, sich mal so richtig in das Stammtischniveau hineinzuschreiben. Richtig beunruhigend. Hier steht auch noch eine unbenutzte Würze.

 

Jetzt sind Sie um den Schlaf gebracht.

 

 

Wertung: 5


 

 

 

Das Bild Deutschlands als französisches Bild

 

 

Das Bild Deutschlands als deutsches Bild einerseits und französisches andererseits, beides aber lediglich in Frankreich – diese beiden Aspekte auseinander zu halten ist nicht ganz einfach, wie wir gesehen haben.

 

In diesem Teil geht es also um das Bild und die Vorurteile und Stereotypen, die in Frankreich selbst produziert werden, durch Medien – aber dazu habe ich im ersten Teil bereits einiges gesagt – und besonders durch die Institutionen: Grundschule, collège, lycée, Universität und ihre Akteure.

 

Da ich mich auf breitere bis breiteste Schichten konzentriere, gehören Subkulturen, wie z.B. die bedeutendsten Strömungen der Hesse-Rezeption bei Schafzüchtern in der Auvergne von 1995 bis 2000, ein unbestreitbar interessantes Thema, hier nicht zu den vordringlichsten Sorgen. Ja, Hesse ist schön.

 

Ein paar Titel für die Franzosen, die sich doch mal dazu durchringen, ein Buch über Deutschland zu lesen: „Faut-il avoir Peur de l’Allemagne?“, „Le diable est-il allemand?“, „De la prochaine Guerre avec l’Allemagne“, das sind sehr viel typischere Titel als „Le bonheur allemand“. Alle diese Bücher gibt es wirklich. Auch waschechte Germanisten wie Jean-Pierre Chevenement in „France Allemagne : Parlons franc !“ und anderen Schriften tragen wenig zur Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses bei.

 

 

Was steht über Deutschland in den Zeitungen? Wenig. Sportnachrichten, Massenmorde, Neonazi- und andere Attentate, Angriffe auf Ausländer, mal ein Zugunfall, Schneetreibenautobahnstau, Rechtsextreme, Amelie wird in Berlin ein Bärendienst erwiesen, Kirch ist immer noch pleite, Skinheads, Bayer tötet zwar fahrlässig viele Franzosen mit Medikamenten, hat aber eine prima Fußballmannschaft, und Ballack obendrein. Deutschland ist unzuverlässig und blank wie Haiti, nur kühler: der A400M, der neue europäische Militärtransporter, wird mal gekauft, mal nicht. War inzwischen mal kurz Baden.

 

Le Monde titelt am 2. Mai 2002 (!): „Deux sondages soulignent la montée de la xénophobie en Allemagne“.  Na, zum Glück ist wenigstens in Frankreich noch alles in Ordnung!

 

Jetzt wollen die Deutschen die Ausländer auch noch ausweisen, wenn sie nicht ordentlich Deutsch sprechen, nachdem ihnen dies bisher völlig egal war, wie die Pisa-Studie illustriert hat, die übrigens die Überlegenheit des französischen Schulsystems über das deutsche beweist. Was? Das mit dem Ausweisen ist Österreich? Ja, und? Macht das einen Unterschied?

 

In seiner morgendlichen Kultursendung behandelt der Journalist Yves Calvi das Thema „Der 8. Mai 1945“, 57 Jahre danach. Sein Gast, der Historiker Pierre Vallon, spricht zu Beginn kurz davon, dass in Deutschland im Moment das Schicksal der Vertriebenen wieder ins Licht der Öffentlichkeit rückt. Wie reagieren die Hörer? Mit Neugier? Der erste Anrufer: „On va quand même pas nous faire pleurer sur le sort de l’Allemagne, non?Nein, das geht wirklich zu weit! Verstehen gilt nicht!

 

Das interessante an Nachrichtensendungen des französischen Staatsrundfunks ist der Vergleich zwischen der ersten Version früh am Morgen und den nachfolgenden. Ein regelrechter Sport!

 

Am 9. Mai ist für France Info z.B. nach der ersten Version ein deutscher Lazarett-Airbus nach Karatschi geflogen, um die durch ein Bombenattentat verletzten französischen U-Boot-Bauer, zwölf an der Zahl, aus Pakistan nach Frankreich zu bringen. In den alle dreißig Minuten wiederholten Nachrichten wird diese Meldung wieder und wieder ausgestrahlt. Sie ist lediglich um ein Wort kürzer als am frühen Morgen. Es ist das Wort deutscher.

 

Parallel dazu hören wir im Privatsender Europe 1, das Lazarett-Flugzeug sei ein Airbus der Luftwaffe. Das Wort lässt immer noch viele Franzosen erschauern. Sie haben es im Kontext mit dem letzten Weltkrieg kennen gelernt, und glauben, es sei spezifisch für Hitlerdeutschland.

 

Ein Teil der Franzosen glaubt sowieso, dass den Deutschen seit dem Krieg eine Armee untersagt war und dass sich daran bis heute nichts geändert hat. Die entdecken heute, dass Deutschland sich schon wieder heimlich eine Armee aufgebaut hat.

 

Kleiner Ausflug ins Internet. Gibt es auch tiefschürfende Informationsartikel? Kaum. Wenn ja, meist sehr spezialisierte Buchbesprechungen, Wirtschaftssachen, die eh nur die lesen, die die Fakten kennen. In Le Monde diplomatique 10/2000 z.B. schreibt Christian Semler: „Les « militants de la société civile » savent que l'appel du chancelier Schröder au courage civique restera abstrait et infructueux s'il ne prend pas appui sur un véritable mouvement populaire. Pour développer ce dernier, il faudra du temps. Mais, dans le bras de fer qui oppose l'Allemagne à l'extrémisme de droite, le temps semble de plus en plus mesuré...Der Kanzler kommt eben gegen die Neonazis einfach nicht mehr an. Bald fegt die Straße ihn hinweg. Der Autor arbeitet bei der Berliner Tageszeitung. Das ist doch endlich mal ein authentisches Deutschlandbild. Der Autor ist schließlich Journalist in Berlin, der muss es doch wissen! Kommen Sie dagegen mal an! Der kleine Deutschlehrer ist eben erstens nur ein wenig respektierter Lehrer, zweitens kein waschechter Deutscher, drittens besitzt er nicht die Aura der Autorität der Medien, und viertens gibt es keine Angst mehr vor Deutschland.

 

Es ist eben etwas anderes, ob ein und derselbe Artikel in Deutschland erscheint oder in Frankreich. In Deutschland besitzen die Leute Informationen aus vielen Quellen zum gleichen Thema, können Artikel und Berichte gewichten, das Für und Wider abwägen, Kritik üben. Das geht aber nicht, wenn man nur eine Informationsquelle hat, im übrigen aber abgeschnitten ist von der Wirklichkeit.

 

Jetzt werden die Deutschen auch noch aufmüpfig. „L’Allemagne mène la fronde contre les projets de Bruxelles“ (Les Echos, 30.4.2002), dabei weiß doch die ganze Welt, dass es exception française heißt, von exception allemande war nie die Rede. Was denn, die Deutschen beklagen sich eben just, die Ausnahme zu sein, und wollen in den Rang treten und genauso wenig an Europas Kasse zahlen wie die anderen? Da war der Kohl doch sympathischer. Der war nicht so ein Pfennigfuchser. Ach, eigentlich: warum sollten die Deutschen nicht auch mal eine Ausnahme sein, und in den Rang treten, das lässt soldatische Bilder wach werden. Da haben wir’s wieder: der Rechtsradikalismus steigt ständig, sag ich doch.

 

Ab und zu findet man natürlich in allen großen Tageszeitungen gute Artikel über Deutschland in dem Sinne, als sie informieren und nicht immer nur das Eine wollen, nämlich überkommene Stereotypen in den Vordergrund stellen. Oft werden aber auch gute Artikel schlecht interpretiert, weil der Bezugsrahmen und das Referenzsystem fehlen, oder löcherig sind. Es handelt sich dann also schon um interkulturelle Probleme.

 

Einige wenige gute Auslandskorrespondenten der französischen Medien, besonders der Presse, berichten regelmäßig aus Deutschland. Sie sind kostbar. Lise Joly, Pascale Hughes, Vincent de Féligonde etwa oder Roger de Weck, längere Zeit auch Luc Rosensweig, aber einige Posten in Deutschland bleiben auch längere Zeit unbesetzt, weil die Medien keine interessierten qualifizierten Mitarbeiter finden, wie etwa LCI momentan.

 

Während die Deutschen die Franzosen einfach "charmant" finden, den französischen Akzent im Deutschen ebenso "ganz reizend", Französisch die "schönste Sprache der Welt" und Frankreich das Land in dem selbst Gott gern leben würde, verhält es sich umgekehrt nicht ganz so. Der deutsche Akzent im französischen wird als deutlich weniger bezaubernd eingestuft, da hilft kein Goethe. Plump, hässlich, linkisch. Diese Adjektive treffen den deutschen Akzent schon besser. Die deutsche Sprache bleibt für die meisten, die sie nicht kennen, "unschön, guttural und schwer".

 

Der Deutsche ist immer noch... nein, halt, es gibt vier: Gretchen, das naiv-dumme blonde blauäugige und etwas leichte Frohlain, Unschuld vom Lande, Zöpfe, weiße Socken und Sandalen, leider unrasiert, Eva, femme fatale, Egozentrikerin, ebenso intelligente wie hintertriebene Spionin im Dienste der Gestapo, Hans, den einfachen Soldaten, dummer Bauernlümmel, Trottel und Einfaltspinsel, böse zwar weil Feind, aber irgendwie ganz nett, und dann der Herr Major von Strolch, SS-Offizier: elegant, wohlerzogen, kultiviert, kalt, diabolisch, blutrünstig, grausam.

 

Welcher Typ sind Sie?

 

Ganz richtig: man kann bei dieser Typologie das Gefühl bekommen, sie sei überaltert und irgendwie nicht ganz vollständig, aber dieses Gefühl ist bei Deutschen weit ausgeprägter als bei Franzosen.

 

Jetzt werden sie vielleicht langsam ungehalten und meinen, das, was hier steht, gehe nun doch zu weit. Es tut mir aufrichtig Leid, Ihnen widersprechen zu müssen, aber diese Bilder vermitteln die französischen Filme zuhauf, und zwar seit Jahrzehnten.

 

Aus diesen Kriegsfilmen, die meist den heldenhaften Krieg der Franzosen gegen die Besatzungsmacht verherrlichen, stammt auch das in Frankreich allgemein geläufige Vokabular, das Deutsch der Nichtgermanisten, sozusagen: „Sieg Heil, Achtung, Ausweis, schnell, halt, Kartoffel, Papiere, los, los, arbeiten, arbeiten, jawohl, zu Befehl, Heil Hitler, Herr Major“. Eine stolze Leistung. Konzentrierte Information. Verdichtete Kultur. Konkrete Poesie? Leider nein.

 

Manchmal mag einen da geradezu das Gefühl beschleichen, es gäbe so etwas wie einen geheimen Hass auf Deutschland bei einer großen Mehrzahl der nicht mehr ganz jungen Franzosen, ein allerdings eher subtiles Phänomen. Wenn dem tatsächlich so sein sollte, so darf man sich fragen, ob dies nicht auch mit der eigenen Unfähigkeit zur Vergangenheitsbewältigung zusammenhängt, denn in der offiziellen Version der französischen Geschichte bleibt das Gewissen der Grande Nation weiß wie Schnee gegenüber der Besatzungszeit. Dieses Kaschieren mag eine malaise, ein Unbehagen zur Folge haben, was mit Autoodi wohl noch am ehesten beschrieben werden dürfte.

 

Abgesehen vom Fernsehen, wann hat ein Kind in seiner Sozialisation eigentlich mit Deutschland zu tun, wenn es keine deutschen Verwandten hat, nicht viel mit Touristen verkehrt und nicht im Grenzgebiet wohnt? Woher bekommt es seine mageren Kenntnisse, seine frühesten mentalen Bilder, die, wie wir wissen, am beständigsten in die Festplatte unseres Seins eingebrannt werden?

 

Für französische Kinder beginnt der Industriealltag mit zwei, spätestens mit drei Jahren. Dann kommen sie nämlich in die Schule. Zunächst die école maternelle, dann die école primaire, oft in einem einzigen Gebäude.

 

Im Schuljahr gibt es zwei interessante Feiertage. Den 8. Mai, und den 11. November. Beide Daten betreffen das Ende eines Weltkrieges. Das erste Datum ist der Sieg über die Deutschen, und das zweite der Sieg über die Deutschen.

 

Und das geht so. In der Vorschule: „Also, meine Kleinen, was ist damals passiert? Wer weiß etwas darüber?“ – „Ich!“ – „Ja, Pierre?“ – „Früher war Krieg, weil die Deutschen die Bösen waren, und wir die Guten, aber am Ende haben wir gesiegt!“ – „Sehr gut, Pierre!

 

Dann kommen die oberen Klassen der Grundschule: „Also, meine Großen, was ist damals passiert? Wer weiß etwas darüber?“ – „Ich!“ – „Ja, Pierre?“ – „Früher war Krieg, weil die Nazis Hitler liebten und die Bösen uns angegriffen haben, und wir die Guten. Fast alle Leute haben sie getötet. Aber am Ende haben wir gesiegt!“ – „Sehr gut, Pierre!

 

Deutschlehrer werden zu Hause dann von ihren Kindern verhört: „Papa, bist du eigentlich für Hitler? Und warum bist du dann Deutschlehrer?“ Das Verhör wird strenger, wenn ein Elternteil deutschstämmig ist: „Warst du eigentlich Soldat?“ – „Und Opa?“, „Aber dann hat er ja die ganzen Juden...! Äh, Uropa war doch auch Jude, hat der Opa denn...???“. – Antisemitismus als interkultureller Ödipus? Was Wahres dran, nicht abzustreiten. Hab immer gewusst, dass der Kleine ein Genie ist!

 

So geht das jahrein, jahraus. Frankreich ist immer nur von den Deutschen angegriffen worden. Konflikte mit anderen Ländern hat es nie gegeben, denn andere Feiertage wie diese, etwa die Feier der Schlacht bei Waterloo und die Befreiung von der Napoleonischen Knecht- bzw. Herrschaft durch die Engländer, gibt es nicht. Ein kleiner Scherz am Abend ist manchmal richtig labend.

 

Im weiteren Verlauf der Schulkarriere verfeinert sich der Kenntnisstand über Deutschland und die Geschichte, aber leider kommt man wegen der übervollen Programme über den Horizont der beiden Weltkriege nie hinaus. So wird leider nur der Kenntnisstand über Hitlerdeutschland vertieft.

 

Da viele Lehrer in Frankreich ideologisch schwer linkslastig waren und teils noch sind (gerade hat mir ein Student wieder erzählt, dass sein Philosophielehrer am Gymnasium den Schülern eine um zwei Punkte bessere Note gab, wenn sie regelmäßig an Treffen seiner Zelle der Ligue Communiste Révolutionnaire teilnahmen) – und wenn ich "schwer linkslastig" schreibe, dann meine ich, dass sie nicht informieren (unterrichten), sondern indoktrinieren – wurde dabei zu Zeiten der deutschen Teilung die DDRepublik in rosa Pastelltönen, die BRDeutschland dagegen abwertend dargestellt, als würden sie, die Lehrer nämlich, von der Stasi besoldet. Die DDR-Vision der Nachkriegsgeschichte ist bekannt: Die Bösen sind im  Bundestöpfchen, die Guten im realen Kröpfchen. Das passt doch!

 

Ja, ja, ich weiß, alles ist irgendwie ideologisch, aber mit dieser Art geistigem Terror von Relativismus ist man dann schnell bei der Weltanschauung von Le Pens Wählern.

 

Natürlich gibt es auch ewiggestrige Lehrer von rechts außen, aber sehr viel weniger. Ausgenommen vielleicht unter Deutschlehrern, scheinen jedenfalls einige Kollegen manchmal zu denken. Denn eine Reihe von Kollegen ist leider mitschuldig am Niedergang des Deutschen, durch ihre Art, den Deutschunterricht als Schlagstock zu benutzen, um eine ruhige Kugel zu schieben. Typisch für Deutschlehrer heute ist das aber nicht mehr, im Gegenteil. Aber Bilder sind hartnäckig und fressen sich fest, etwa wie Karius und Baktus.

 

Ein paar Jahre hatte ich einen Kollegen, einen Englischlehrer, der war ein ausgesprochener Spaßvogel. Fast jedes Mal, wenn ich in das Lehrerzimmer trat, streckte er den Arm zum „deutschen Gruß“ und lächelte: „Heil, Hitler“, schlug mir auf die Schulter und meinte: „N bisschen Spaß wirste doch wohl vertragen, oder?, hahaha! “. Natürlich verstehe ich Spaß, kein Problem. Sonst wären Deutsche doch bloß dazu noch humorlos.

 

Egal wo, in den Medien, der Politik, den Bars und wie hier in den Lehrerzimmern, wer antideutsche Witze reißt, erntet garantiert einen Lacherfolg. Viele KollegInnen glauben offensichtlich auch, sich ganz allgemein in Antigermanismus (oder Antiamerikanismus) zu üben, sei eine hervorragende Möglichkeit, an Profil zu gewinnen, und intellektuell zu glänzen.

 

Wer viel lernt über die deutsch-französische Geschichte, weiß dann vielleicht noch, dass die Deutschen das friedliebende Frankreich schon 1870 überfielen, um den Anschluss des Elsass willens. Ach, Lothringen war im Set inklusive? Na ja, jedenfalls haben die Deutschen mehrmals brutal versucht, Frankreich das Elsass zu entreißen, obwohl es doch in Frankreich liegt, wie die natürlichen Grenzen der erstgeborenen Tochter der Heiligen katholischen Kirche beweisen. Was, die Franzosen hätten den Preußen den Krieg erklärt 1870? Ah, das lernen Sie in Deutschland. Da ist Geschichtsunterricht eben immer noch Geschichtsklitterung. Was wieder mal zeigt, dass es das ewige Deutschland eben doch noch gibt. Sowieso cacahouètes. Warum lernen Deutsche Geschichte eigentlich nicht mit französischen Büchern? Vieles wäre einfacher.

 

In Punkto Invasionen und bezüglich Geschichtsklitterung haben die Deutschen übrigens Erfahrung: Schließlich nennen sie das, was wir in Frankreich les grandes invasions barbares nennen, unter denen wir damals bereits sehr gelitten haben, ganz ungeniert Völkerwanderungen. Es ist mir gelungen, diesen Ausdruck mit Hilfe meines Wörterbuches genau zu verstehen. Es heißt soviel wie randonnées populaires, was einen tiefen Einblick in die Konzeption des deutschen Tourismus damals gewährt. Und bei so viel Konstanz soll man heute nicht misstrauisch sein? Mallorca!

 

Dass die Franzosen neunzehn Mal in Deutschland einmarschiert sind, bevor die Deutschen 1870 zum ersten Mal nach Frankreich kamen, das lernt natürlich niemand in der Schule. Wozu auch? Von Geschichtsverständnis wollen wir schon mal gar nicht sprechen. Oder vielleicht doch?

 

Dass der Zweite Weltkrieg von den Grundschullehrern dargestellt wird als Krieg Nazideutschlands gegen den Rest der Welt ist nicht weiter erstaunlich; bedauerlich dagegen schon. Das der Zweite Weltkrieg aber auch von den Geschichtslehrern immer noch nicht vermittelt wird als der erste moderne europäische Bürgerkrieg, dem dreißigjährigen Krieg näher als dem Ersten Weltkrieg, ist nicht mehr nur noch traurig, sondern eher schon eine Tragödie. Dabei haben französische Historiker, allen voran Joseph Rovan, bereits während des Krieges diese These entwickelt. Wie der ehemalige Dachau-Häftling mir sagte, fiel bei ihm der Groschen bereits, als Anfang 1943 die Geschwister Sophie und Hans Scholl verhaftet wurden. Die beiden Studenten, Cousin und Cousine des inzwischen französischen Juden, dessen Eltern mit ihm 1934 Deutschland in Richtung Paris verlassen hatten, waren Demokraten im Kampf gegen die Nazidiktatur, ganz wie Rovan diesseits der Grenze und schließlich eine internationale Koalition.

 

Der politische Gegner hatte, zum Erstaunen vieler Zeitgenossen, auch bereits seine Werbefachleute auf eine Vision von "Europa" eingeschworen, wie wir gleich noch auf recht plakative Weise sehen werden.

 

Eine solche im deutsch-französischen Sinne "versöhnliche" Darstellung (Krieg bleibt Krieg) des letzten bewaffneten Konfliktes ist sehr viel eher geeignet, als gemeinsame Geschichtsgrundlage zu dienen. Das die Widerstandsbewegung in Deutschland sehr schwach war ist ein Faktum, das sich aber erklären lässt. Auch im Frankreich der Vichy-Regierung waren ja nicht alle Leute Mitglieder der résistance-Bewegung, auch wenn da in Frankreich noch ein Defizit in der Aufarbeitung der Geschichte besteht.

 

Woher kommen wir? – Besinnen wir uns, was das Bild des Deutschen betrifft, auf einen 1945 gedrehten pädagogischen Film, der den Soldaten der französischen Truppen in Deutschland ihre Aufgabe erläuterte:

 

«  Gagner la paix, c’est votre tâche en Allemagne. Par votre attitude vigilante sur le sol allemand, vous pouvez jeter les bases d’une paix durable. Vous pouvez au contraire, si vous relâchez votre surveillance, laisser se développer les germes d’une future guerre. Et de même que des soldats, vos pères, ont dû se battre il y a 26 ans, de même d’autres soldats, vos fils peut-être, pourraient avoir à se battre dans quelques 20 années d’ici.

L’Allemagne  occupée  vous paraît inoffensive. Hitler? ...disparu. Les croix gammées? …effacées. Les camps de concentrations? ...vides.

Vous verrez des ruines, vous verrez des fleurs, vous verrez des paysages ravissants – que ça ne vous trompe pas ! Vous êtes en pays ennemi ! Ne vous fiez à personne, ne prenez pas de risque !

                  

Chaque Allemand est avant tout un Allemand !

 

Aussi ne peut-on fraterniser avec aucun d’entre eux. Fraterniser, c’est se faire des amis.

 

Les Allemands ne sont pas nos amis !

 

N’ayez aucun rapport avec eux – hommes, femmes, ou enfants. Ne vous mêlez pas à leur vie, ni en public, ni en privé. Ne leur rendez jamais visite. Ne leur accordez pas votre confiance.

Aussi aimables, aussi repentants, aussi las du parti nazi qu’ils puissent paraître, il ne leur suffit pas, pour faire de nouveau partie du monde civilisé, de tendre la main et de dire : ‘Je regrette.’ – Ils regrettent quoi ? D’avoir causé la guerre ? Non ! – Ils regrettent seulement de l’avoir perdue.

Cette main a salué Hitler. Cette main a lâché des bombes sur des villes sans défense : Rotterdam, Bruxelles, Belgrad. Cette main a détruit les villes, les villages et les foyers de Russie. Cette main a brandi le fouet sur les esclaves polonais, yougoslaves, français et norvégiens. Cette main leur a volé leur nourriture, les a torturés. Cette main a assassiné, massacré les Grecs, les Tchèques, les Juifs. Cette main a tué, estropié les soldats, les aviateurs, les marins.

 

Cette main, elle n’est pas celle d’un ami ! »

 

(Zitiert nach: Mémoires partagées / Geteilte Erinnerungen – un film de André Harris et Pierre Beuchot, la sept/arte 1999)

 

Mit der Zeit verheilen viele Wunden. Änderungen gibt es schon: als ich vor zwanzig Jahren nach Frankreich kam, bedeuteten viele mir, ich solle doch, bitteschön, möglichst schleunigst wieder verschwinden; Deutsche bräuchte man hier nicht. Und als meine Frau und ich heirateten, wurde sie von erstaunten Kolleginnen und Kollegen gefragt, „warum heiratest du denn einen Feind?“. Solche Reflexionen hört man inzwischen deutlich seltener.

                                    

Aber die durchschnittliche Lebenserwartung steigt, und unter den Senioren finden wir auch noch Personen mit ganz anders gearteten Perspektiven, die in einer parallelen Welt leben.

 

 

Hören wir Henri Fenet (HF), ehemaliger Kommandant der Waffen-SS Division Charlemagne, im Gespräch mit dem Dokumentarfilmer André Harris (AH):

 

AH : « Pourquoi vous êtes-vous engagé dans la Waffen-SS ? »

HF : (...) « En fait, cette Guerre était devenue une guerre européenne, et il était nécessaire que les pays d’Europe s’unissent pour assurer et garantir l’indépendance de l’Europe, ce qui permettait évidemment de garantir la sécurité et l’indépendance de chaque pays qui la composait. (…)

On ne nous cassait pas les oreilles avec les idées national-socialistes. Nous avions en commun un certain nombre d’idées, mais le phénomène national-socialiste était, comme Hitler l’a toujours souligné, un phénomène purement allemand. Nous avions une certaine parenté d’esprit, mais nous avions aussi notre identité nationale. Nous avions la cocarde tricolore ! »

AH : « L’image de l’Europe à cette époque était tout de même l’image d’une Europe à domination allemande ! »

HF : « Nous sommes bien à l’heure actuelle une Europe sous le leadership américain ! – Je ne conteste pas la nécessité de l’économie, mais entre-temps, on ne parle plus beaucoup des problèmes qui relèvent de la qualité humaine ! Une chose que j’aime à répéter – surtout devant les jeunes – c’est qu’un peuple, dont les hommes sont courageux et les femmes fécondes n’a rien à craindre pour son avenir ! (…) Wer dem Tod ins Angesicht schauen kann, der Soldat allein ist ein freier Mann ! » , endet er mit einem Schiller-Zitat auf Deutsch.

 

(Ausszüge aus: Mémoires partagées / Geteilte Erinnerungen – un film de André Harris et Pierre Beuchot, la sept/arte 1999)

 

 

So kann man Geschichte also auch neu interpretieren: da wird die Waffen-SS zur ersten europäischen Armee erklärt, die für die Unabhängigkeit Europas kämpfte. Irgendwie seien sie die Väter des heutigen Europas. Eine unverstandene Avantgarde der Geschichte. Tragische Gestalten mit gutem Gewissen, denen wir Dank und Anerkennung schulden. Ein Schauermärchen, das einem die Gänsehaut über den Rücken jagt.

 

Zum französischen Deutschland-Bild 1933-1939 hat Ladislas Mysyrowicz 1976 einen interessanten, bei den éditions du CNRS n° 563 erschienen Beitrag verfasst, der unter folgender Adresse zugänglich ist:

 

http://www.unige.ch/lettres/istge/mysy/allemagne.html

 

Das Deutschlandbild bleibt weiterhin in Frankreich verbunden mit der Barbarei des Naziterrors, für alle symbolisiert durch das Massaker der Waffen-SS-Division „Das Reich“ am 10. Juni 1944 in Ouradour-sur-Glane, wo 642 ZivilistInnen, davon 245 Frauen und 207 Kinder, hingerichtet wurden,  indem sie in die Kirche einschlossen wurden und an diese Feuer gelegt. Das Dorf wurde seitdem nie mehr bewohnt noch wiederaufgebaut und ist auch heute noch eine vielbesuchte Gedenkstätte für Schulklassen.

 

Immerhin haben trotzdem fast 6 von 60 Millionen Franzosen dem Neofaschisten Jean-Marie Le Pen, der Frankreich durch einen Austritt aus Europa zu altem Glanz und neuer Gloria führen will, am 5. Mai 2002 ihre Stimme gegeben. Das sind, bei 40 Mio Wahlberechtigten, 15% aller Erwachsenen. Bis repetita? Ja, richtig, was Sie lesen ist ganz im Stil von Johann Herzfeld, alias John Heartfield, aber war der so schlecht?

 

Über die Jahre schwächt der Europagedanke sich ab. Der Krieg scheint weit. Nur wenige haben noch vor ihrem geistigen Auge im Blickwinkel, dass die Europabewegung unserem Kontinentteil bis heute die längste historische Periode von Frieden und Wohlstand garantiert hat. Nach einer SOFRES-Umfrage vom März 2001 haben 43% der Franzosen Angst vor der europäischen Einigung, während nur 11% sich in dieser Richtung sehr engagiert fühlen.

 

Jetzt geht es hier ein bisschen durcheinander. Ordnung ist eben nur das halbe Leben, und Frankreich die ganze Welt.

 

Doch zurück zur Schule. Die SchülerInnen, die kein Deutsch lernen, haben also ein Deutschlandbild, das sich aus den eben beschriebenen Elementen zusammensetzt. Wie steht es nun um das von den Deutschlehrern vermittelte Bild nicht nur des deutschen Kulturraums und der gesellschaftlichen Realität, sondern auch der Sprache und des Unterrichtes?

 

Grundsätzlich gesagt ist der Fremdsprachunterricht in Frankreich noch nicht kommunikativ genug. Das liegt im Wesentlichen am Druck des Schulsystems und an den geschichtlichen Gegebenheiten. Das Schriftliche spielt allgemein eine viel größere Rolle in Frankreich, als in Deutschland. Man braucht bloß mal das Verhalten des Auditoriums in einem Hörsaal zu vergleichen. In Deutschland hören die Studenten zu, in Frankreich schreiben sie schnell und gewissenhaft, und das Ergebnis, das Transskript, ist perfekt: saubere Schrift, geordneter Text, unterstrichene Überschriften. Bewundernswert. Ein Deutscher kann das nicht, weil er nicht so dressiert ist.

 

Noch ein Beispiel zur unterschiedlichen Bedeutung des Mündlichen im französischen Unterricht: Als ich als Student an meinen ersten Seminaren in Frankreich teilnahm, verhielt ich mich wie aus Deutschland gewohnt – wenn der Dozent oder die Dozentin eine Frage stellte, meldete ich mich, wurde drangenommen, und wir diskutierten. Nach einer knappen Woche kam eine Abordnung meiner KommilitonInnen zu mir und bat mich, künftig doch bitte die Klappe zu halten, ich würde ihnen die Noten kaputt machen. In den folgenden Monaten sagte ich nichts mehr, die LehrerInnen blickten mich fragend-hilflos an, die Welt war wieder in Ordnung.

 

"Gute" Lehrer organisieren ihren Unterricht so, dass die SchülerInnen am Ende der Stunde ihr Quäntchen Schriftliches haben, weil sie wissen, dass die Eleven sonst das frustrierende Gefühl beherrscht, nichts getan zu haben. Denn was in Deinem Heftchen steht, kannst du getrost nach Hause tragen!

 

Denn "Wissen", nicht mehr, ist das historische Paradigma französischer Schulbildung. Da erstaunt es nicht, wenn dies auch das einzige Kriterium zur Auswahl der Lehrer ist. Die über die concours du CAPES und de l’agrégation selektierten Pauker sind also als Pädagogen qualifiziert, nur weil sie in ihrem Spezialgebiet (in Frankreich eben bezeichnenderweise nur eines) so wunderbar viel mehr wissen, als alle anderen (KonkurrentInnen) ... allerdings auch nur in Bezug auf Prüfungs-, nicht auf Lehrsituationen. Auf dieser dünnen Basis, nach einem Mindeststudium von nur drei (CAPES) oder vier (agrégation) Jahren, werden diese armen jungen Menschen, ohne jeglichen weiteren Kontakt mit der Welt, nach einem Schülerdasein in das Lehrerdasein überlassen. Theoretisch gibt es da noch eine theoretische Ausbildung in Pädagogik, aber das ist eben Theorie. Näheres dazu bei Robert Curtius. Seitdem hat sich nichts Wesentliches geändert.

 

Die einzige reale Ausbildung zum Fremdsprachenlehrer in Frankreich, die ihren Namen verdient, ist das Studium von Français langue étrangère (FLE), aber wenige DeutschlehrerInnen haben mehrere Studiengänge absolviert. Das ist schade. Ein FLE-Zweitstudium  plus ein Drittstudium der Pädagogik, oder der Psychologie wären hilfreich, bleiben aber selbstverständlich persönlicher Initiative überlassen. Eine Erfahrung von fünf bis zehn Jahren in der freien Wirtschaft wäre bereichernd, ist aber nicht nur nicht in Frankreich keine Vorbedingung, um zum Lehrberuf zugelassen zu werden.

 

Der Einfluss des hierarchischen Kanons, der inspecteurs, bleibt ein hierarchischer. Wie Kinder verhalten sich die LehrerInnen eben oft vor der Klasse so, in der inspection vor dem inspecteur aber so. Natürlich gibt es auch Erwachsene, aber kaum Freigeister. Es wird oft steril nach Schema F unterrichtet, statt, zwischen pädagogischer Reflexion, persönlichem Engagement, eigener Erfahrung und in kritischer Zusammenarbeit mit den KollegInnen seines Unterrichtsfaches einerseits, den KlassenkollegInnen andererseits, seinen eigenen Stil zu finden und diesen, bei voller Verantwortung für die selbsterstellten Unterrichtsmaterialien, in gruppengestützten Projektunterricht umzusetzen. Diese Beschreibung ist sogar das Anti-Bild der heutigen FremdsprachenlehrerInnen; mir ein Traumbild.

 

Aber Pädagogen sind in Frankreich traditionell nicht wohlgelitten. Ist es da erstaunlich, dass kaum einer der großen Pädagogen aus Frankreich stammt? Gut, Claparède, Cousinet, Ferrière. Aber Piaget, Rousseau waren Schweizer, Freinet wie die Italienerin Montessori, der Belgier Decroly oder der Brite Neill in Deutschland ausgebildet, Steiner, Pestalozzi, Wichern, Rist Deutsche.

 

KollegInnen, die ihre Sommerferien in Weiterbildungskursen in Deutschland verbringen – sei es mit Goethe, dem DAAD oder dem Eurozentrum – lernen meist in zwei, drei Wochen mehr, als in ihrem "praktischen Jahr" nach der theoretischen Prüfung. Genug ist das auch nicht. BewerberInnen für solche Kurse stehen zudem nicht gerade Schlange.

 

Da ich in Sachen Kritik eher zu hart als zu weich bin, worum ich um Verzeihung bitte, möchte ich hinzufügen, dass in Bezug auf die Fremdsprachen im Allgemeinen und auf das Deutsche im Besonderen dies insofern weniger zutrifft als auf die Allgemeinheit der LehrerInnen, als das seit vielen Jahren bereits StudentInnen, die nicht mindestens ein Jahr als AssistentIn im Land der Zielsprache gelebt haben, absolut keine Chance haben, die Wettbewerbsprüfungen zu bestehen, es sei denn, sie sind zu Hause zwei- oder mehrsprachig erzogen worden, und dies aus Sorge, die Qualität der gesprochenen Sprache zu verbessern.

 

Wissensvermittlung, das reicht für nichts. Denn mit dem Wissen muss das Gehirn auch etwas anfangen können. Das Können. Und was Fremdsprachen betrifft, gehört dazu auch ein Körper, eine komplette Kultur, ein Sich-zu-verhalten-Wissen, kurz ein Sein. Wissen, Können, Sein. Die Fähigkeit zu kulturspezifischer Sprech-, Schreib- und Handlungskompetenz, das sollte Fremdsprachenunterricht vermitteln!

 

Zudem basiert der Sprachunterricht – historisch aus derselben Tradition stammend, wie in Deutschland, nämlich der Didaktik der klassischen Sprachen, die auf der Übersetzung der großen Schriftsteller, Philosophen und Staatsmänner beruhte und noch beruht – in Frankreich immer noch deutlich stärker auf literarischen Texten als auf kommunikativen Situationen, auf sinnentleerten Übungen klassischer Faktur, auf Sprachstudium statt auf Sprechhandeln. Auf Lustlosigkeit statt auf Begeisterung. Auf Konvention statt auf Phantasie. So bleibt viel zu tun. Das ist, positiv gesehen, eine formidable Reserve an möglichem Fortschritt zu einem besseren Bild vom Deutschunterricht.

 

Abgesehen von der Form sind die manuels, die in Frankreich gängigen Lehrbücher, kulturspezifisch französisch. Das heißt, dass die Schülerinnen durch die Lehrmittel nicht so in Kontakt mit der anderen Kultur kommen, dass dabei auch etwas von dieser in ihrer Ganzheit herüberkommt. Die Schulbuchverlage sollten zum Vergleich vielleicht mal eine Lehrmethode von DaF-Lehrern in Deutschland erarbeiten lassen, um die Unterschiede zu analysieren. Wär das nicht was für Goethe? – Aber da kommen wir schon, etwas verfrüht, zu den Vorschlägen.

 

Meine Kollegin Françoise Laspeyres hat dazu im Bulletin APLV n° 59 einen interessanten Artikel mit dem Titel : L´image de l´Allemagne dans les manuels scolaires français et les manuels allemands d´enseignement de l´allemand langue étrangère parus depuis la Réunification geschrieben, der im Internet unter folgender Adresse zugänglich ist:

 

http://averreman.free.fr/aplv/num59-imagemanuels.htm

 

Ein anderes grundsätzliches Problem im französischen Fremdsprachenunterricht ist die Tendenz der LehrerInnen, den "Lerner", die "Lernerin", wenn sie denn schon mal den Mund aufmachen, sofort wieder zu unterbrechen, weil er/sie einen Fehler gemacht haben. Eine genauere psychopädogogische Erklärung dieses Phänomens möchte ich hier aussparen, aber diese Unsitte führt in fine zu dem Resultat, dass die SchülerInnen zu Fischen erzogen werden.

 

Aber den LehrerInnen gegenüber (ja, immer noch) sind eben keine "Lerner", sondern Personen. Deshalb sollte das Hauptziel des DaF-Unterrichtes – wie der anderen Fremdsprachen auch – sein, die SchülerInnen möglichst oft und lange in das Land der Zielsprache zu bringen, SchülerInnen aus dem Land der Zielsprache möglichst oft und lange in die Klasse aufzunehmen, und ganz allgemein prioritär alles Mögliche zu tun, damit die Zielkultur teil der Identität der SchülerInnen wird, diesen also eine Langzeitbindung mit der Zielkultur zu implementieren, und so den Motor des Lernfortschritts von der Lehrerrolle zu trennen, indem letzterer seinen Platz in den SchülerInnen findet, und diese über die Ak- zur Inkulturation transportiert. Denn nicht für die Schule lernen wir...

 

Es ist zwar richtig, dass in diesem Bereich inzwischen ein Problembewusstsein bei den KollegInnen vorhanden ist, nicht aber in der Lehrerschaft in ihrer Gesamtheit. So wirkt die Massenträgheit des Systems weiter. Diese Feststellung gilt also nicht nur für den Deutschunterricht, aber warum sollten die Germanisten gegenüber den anderen Sprachen nicht positiv auffallen?

 

Auf Goethe-Aufklebern ist Deutsch zwar klasse, in derselben aber oft nur formal eine. Werbesprüche können nur dann eine gute Wirkung erzielen, wenn sie eine reale Grundlage extrapolieren. Es reicht z.B. nicht, wenn Lionel Jospin anders präsidieren möchte; er muss auch gewählt werden... Schlechtes Ballspiel? Gut. Sie sind dran!

 

Dabei sollte die generelle und im allgemeinen leider recht geringe Motivationsbasis, die Bereitschaft der SchülerInnen, überhaupt eine Fremdsprache zu lernen, nicht überschätzt werden, denn die Einschätzung der Nützlichkeit eines solchen Unterrichtsfaches tendiert weithin gegen Null und ist sicher noch deutlich geringer als bei anderen Fächern. Schule überhaupt wird oft als sinnentleert erfahren. Im französischen Schulsystem sind nur Mathematik und deutlich danach Französisch wichtig. Der Rest hat es sowieso schwer, ernst genommen zu werden.

 

Darf ich auch mal was Positives sagen? Nur ganz kurz! – Die KollegInnen gehören sicher in ihrer Mehrzahl zu den engagiertesten LehrerInnen in Frankreich. Sie geben viel freiwillige Energie, wie z.B. die Tatsache zeigt, dass sie, wenn ich richtig informiert bin, sehr viel mehr Klassenreisen veranstalten, als andere SprachlehrerInnen. Insgesamt fahren so etwa 50.000 französische SchülerInnen pro Jahr nach Deutschland. Ein essentielles Unterfangen zur Kundenbindung! Denn natürlich kommen die Klassen meist ziemlich begeistert aus deutschen Landen, wenn auch frisch, zurück. Das musste hier auch mal auf den Tisch!

 

Nur, und jetzt nörgele ich sofort wieder, man darf Kundenbindung nicht mit Kundenerwerb verwechseln. Diese notwendige Praxis ist somit wenig hilfreich zum Ausbau der Nachfrage, wenn sie isoliert bleibt, auch wenn dadurch selbstredend positive Akzente im Deutschlandbild gesetzt werden.

 

Was den Inhalt des Deutschunterrichtes in den gehobenen Klassen betrifft, so habe ich bereits erwähnt, dass viele SchülerInnen die behandelten Thematiken als Tortur empfinden, die der Selbstkasteiung der Deutschlehrer mit geschichtsträchtigen Erinnerungen entsprechen mag. Holocaust, Gastarbeiter, Fremdenfeindlichkeit, Neonazis – das ist damit gemeint. Dies ist selbstverständlich von mir nicht revisionistisch gemeint, falls ich das hinzufügen muss. Aber versetzen sie sich doch mal in die Lage der SchülerInnen. Pausengespräch: „Was haben wir jetzt? Ach ja, Sprachen. Was macht ihr heute in Deutsch?“ – „Der Amokläufer von Erfurt. Wir sprechen dieses Jahr über Attentate. Wir sollen lernen, dass nicht jeder Mord von einem Neonazi begangen wird, damit unser Deutschlandbild sich bessert. Was macht ihr in Englisch?“ – „Ach, wir machen grad die neue CD von den Ironballs. Obergeil! Love me hate me but don’t forget me, yeah...“. Sowas spricht Bands, äh, Bände.

 

Arbeitslosigkeit, Umweltschutz, Umweltverschmutzung, Ökologie, Grüne, saurer Regen, inzwischen auch Wiedervereinigung, sind andere ebenso typische wie unbeliebte Themen im Deutschunterricht. Da muss etwas geschehen. Aktuelle Musik ist da ein besserer Vektor, Interesse zu wecken. Aber nicht Bettina Wegners Hände aus der Steinzeit. Aktuelle Musik. Die sollte spätestens jedes Jahr neu sein, besser alle sechs Monate. Mangelnde Aktualität ist überhaupt casus cnacksus im Fremdsprachenunterricht.

 

Ceci dit: Musik ist hier nur ein Aufhänger, ein Beispiel, kein neues Paradigma!

 

Eingangs erwähnt hatte ich auch das Problem, dass durch den und trotz des Fremdsprachenunterrichtes insgesamt doch recht wenig Verständnis für die andere Kultur geweckt und beigebracht wird. Das gilt ganz generell.

 

Ein weiteres Problem ist die Grammatik des Deutschen, über die wir hier doch ein paar Worte verlieren sollten.

 

Nicht nur in Frankreich gilt Deutsch als, was Grammatik betrifft, schwierige Sprache. Damit ist Deutsch gleich insgesamt "schwierig", und man kann über andere Sachen sprechen, wie z.B. den neuen Slip von Chantal Thomas. Übrigens: in welcher Farbe bevorzugen Sie ihn? Aber lassen Sie uns das vielleicht später ernsthaft ausdiskutieren; wie ich sehe, interessiert Sie die Frage der deutschen Grammatik im Moment sehr viel mehr, was durchaus lobens- und nachahmungswert ist. Ich bin verstört: liegt das vielleicht an meinem Stil?

 

Wie dem auch sei: Deutsch gilt also als schwierig. Dazu zwei Bemerkungen. Lange Zeit haben die DeutschlehrerInnen dieses Bild selber aufrechterhalten, und waren auch noch stolz darauf. So hatten sie nur die besten SchülerInnen und kleinere Klassen als die anderen, denen sie eine lange Nase ziehen konnten. Nun sind wir mit diesem Image auf dieselbe gefallen. Wer anderen eine Grube klaut, dem fehlt selbst ein Ei!

 

Wie wird man dieses Image nun bloß wieder los?

 

Darauf bezieht sich die zweite Bemerkung. Wir können mit guten Argumenten behaupten, dass Deutsch einfacher für Franzosen ist, als die anderen unterrichteten Fremdsprachen. Was Vokabular und Aussprache betrifft, ist es den KollegInnen schon klar, dass die Grammatik, wenn auch ein bisschen umständlich, auch sehr regelmäßig ist, ebenso.

 

Weniger klar, so scheint es mir, ist allerdings, dass wir zu Recht behaupten können dass die deutsche Grammatik heute leichter ist als früher. Eine Reihe von wichtigen Regelmäßigkeiten und spezifischen Funktionsweisen sind nämlich erst in den letzten Jahren und Jahrzehnten klar zutage getreten, und bis eine neue Erkenntnis aus dem Elfenbeinturm auf dem Gipfel der Forschung vordringt bis in die Klippen des schulischen Alltags und weiter sackt bis in die Tiefebene der Stereotypen, fließt viel Atomstrom die Leitungen hinunter.

 

Da liegt der Marketinghase im Pfeffer versteckt!

 

Die Einfachheit der Konjugation z.B. mit ihren nur zwei Endserien S1 (e,st,t/en,t,en) / S2 (Ø,st,Ø/(e)n,t(e)n) – wobei der Unterschied zwischen S1 und S2 sich lediglich auf e/Ø, t/Ø beschränkt – und der fast perfekten Regelmäßigkeit, abgesehen vom Verb sein und der Extragruppe der verbes prétérito-présent mit S2 statt S1 im Indikativ Präsens ist sehr viel einfacher als früher, und mit dem komplizierten französischen System überhaupt nicht zu vergleichen. Kein Franzose kann sich im Leben je von seinem Bescherelle la conjugaison des verbes trennen; im Deutschen ist das grad mal eine Seite. Ja, ja, Sie haben Recht: für einen Muttersprachler ist es egal, wie komplizizert seine Sprache ist, weil er sie eben perfekt beherrscht. Nur gilt dies eben im Französischen nicht für die Konjugation, zumal in der Schriftsprache.

 

Der Gebrauch der Zeiten ist ebenso einfach. Past tense und past perfect zu beherrschen, gelingt kaum einem Franzosen. Wie simpel ist da der Gebrauch der Zeiten im Deutschen, wo das Präsens für Gegenwart und Zukunft ausreicht, und das Perfekt, von den frequenten Verben abgesehen, die Basisform der informellen, also meistbenutzten, Produktion ist.

 

Selbst der früher absolut unzugängliche Maquis der Abtönungspartikel kann inzwischen bequem von Schafen beweidet werden, nachdem Weydt und andere hier jahrelang gewissen(sc)haft gerodet haben.

 

In der Grammaire alphabétique de l’allemand, 1994 bei Larousse-Bordas erschienen, findet sich, unter der Überschrift mots du discours bereits ein Kapitel, das für die häufigsten Partikelwörter eine Didaktisierung bietet, mit Hilfe derer die Schüler ebenso methodisch wie praktisch diese in ihr aktives Vokabular überführen können.

 

Abschließend zum Thema Grammatik: Es ist durchaus richtig zu sagen, dass die Deutsche Grammatik erst seit kurzem richtig klar geworden ist, was auch letztlich nicht weiter erstaunt, denn das Standarddeutsch ist erst vor etwas mehr als 100 Jahren definiert worden, und die Sprachwissenschaftler haben lange mit falschen Instrumenten an einem richtigen Verständnis herumgedoktert.

 

Dabei galt es, ein doppeltes Handicap zu überwinden: Erstens gibt es für Geisteswissenschaftler, und insbesondere für Sprachwissenschaftler, das Problem, dass Forschungsobjekt und Forschungsinstrument identisch sind, und die Werkzeuge – die Konzepte, Worte, Termini nämlich – aus dem Objekt heraus und quasi aus dem Nichts geschaffen werden müssen; einfacher wäre es natürlich, bei Gott eine Bestellung einzureichen für die historische Enzyklopädie des nächsten Jahrtausends und nachzulesen, aber niemand weiß, wie viel Porto der Brief kostet. Zweitens haben die Grammatiker in aller Welt lange mit den alten Termini der Griechen gearbeitet in der impliziten und lange unbewussten Annahme, Sprachstrukturen seien universell, und haben so das an der deutschen Sprache Spezifische natürlich nicht finden können, denn wer mit einem Hammer sucht, statt mit einem Mikroskop, findet nur Nägel, aber nichts für seine Köpfe.

 

Es sei hinzugefügt, dass die Regelmäßigkeit und Systematik der deutschen Grammatik, verbunden mit der Einfachheit der Wortbildung und der Zugänglichkeit der Aussprache die deutsche Sprache zu der gegenüber Spanisch und Englisch zugänglichsten Fremdsprache für Franzosen macht.

 

Wir können also ruhigen Gewissens behaupten, dass Deutsch die geeignetste Sprache nicht der besten, sondern aller Schüler in Frankreich ist.

 

Dabei ist es durchaus angebracht in Bezug auf das Englische einige weitere Bemerkungen zu machen: Erstens bereitet Deutsch als germanische Sprache auf Englisch vor, zweitens ist Deutschland der wichtigste Wirtschaftspartner Frankreichs und die Kenntnis der deutschen Kultur ist deshalb wichtiger als andere. Für das Englische ist der soziale Druck es zu lernen sowieso größer, und da es als internationale Verkehrssprache benutzt wird, ist es kulturlos und lediglich eine Vokabelfrage auf niedrigem Niveau.

 

Durch seine immer stärkere Position als Weltverkehrssprache aber bedroht es mittelfristig das Überleben der kleineren Sprachen. Jedes Jahr sterben im Moment etwa 60 Sprachen, also etwa eine pro Woche. Insgesamt gibt es – wirklich genaue Zahlen gibt es nicht – vielleicht noch 5.000 Sprachen. Theoretisch gibt es wohl also in 83,3 Jahren gar keine Sprache mehr auf der Erde, was einerseits wieder einmal die Grenzen der Theorie zeigt, andererseits sowohl Quasselstrippen als auch Dichter beunruhigen dürfte.

 

Aber im Ernst: Nur durch das Erlernen von anderen Sprachen als dem Englischen können wir die Existenz unser eigenen Sprache und ihr Überleben noch garantieren. Dieses Argument sollte gerade in einem Land benützt werden, das auf seine Sprache stolz ist und diese zu schützen versucht.

 

Ein weiteres Manko des Deutschunterrichtes, und damit möchte ich vorerst meine Kritik der Unterrichtspraxis beenden, ist die mangelnde Interkulturalität.

 

Eine Anekdote zu diesem Thema: ich habe an der Universität in Frankreich unter anderem auch Deutsch studiert und abgeschlossen. Im ersten Studienjahr mussten wir in einem Seminar als Hausarbeit eine dissertation zu einem bestimmten Thema in deutscher Sprache verfassen.

 

Damals kannte ich die französische Kultur und Sprache nur sehr schlecht. Also habe ich in ein Wörterbuch geschaut, um zu erfahren, was eine dissertation denn sei. Dort stand Aufsatz. Frohen Mutes schrieb ich also meine Arbeit und gab sie, selbstredend termingerecht, ab. In der Grundschule, dem Gymnasium und später in der Uni in Germanistik hatte ich "in Deutsch" immer nur zwei Noten. Entweder 1 oder 1+. Das französische Notensystem, das wusste ich schon, geht von 0 bis 20. Meiner Fähigkeiten sicher  erwartete ich eine Note von mindestens 19. Eingebildet? Wieso? Zu meinem großen Erstaunen fand ich aber über meinem Aufsatz die Note "-18". Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, fragte ich meine Lehrerin mit erstickter Stimme: „Warum?“ – Sie: „Das ist keine dissertation, das ist ein Aufsatz!“. Ich: „Was ist denn der Unterschied zwischen einer dissertation und einem Aufsatz?“. Sie: „Das müssen Sie wissen!“. Ziemlich typisch für die Lehrer-Schüler-Beziehung in Frankreich.

 

Wieviel mehr aber hätte es allen gebracht, hätte sie damals eine halbe Stunde darauf verwendet, uns den Unterschied zwischen den beiden Kulturen an Hand dieser beiden Wörter zu erklären, und uns mit unseren Geistern begreifen zu lassen, wie sehr wir von solchen unbewussten Programmen determiniert und gesteuert werden, und inwieweit diese kulturspezifisch sind.

 

In dem Seminar damals hatten wir übrigens insgesamt zwei dissertations zu schreiben. Für die zweite – ich hatte inzwischen alle relevanten Bücher zu dem Thema in Frankreich verdaut – bekam ich eine 18. Auf meine erstaunte Frage, warum ich denn keine bessere Note hätte, antwortete sie: „20 ist für Gott, 19 für den Lehrer, und 18 für den besten Schüler. So ist das hier.

 

Erraten Sie meine Durchschnittsnote zum Ende des Seminars? Meine Dozentin von damals – ob Sie es glauben, oder nicht: sie heißt Marianne – und ich sind, nebenbei gesagt, auch heute noch befreundet.

 

 

Wertung: 5

 

 

Um zum Abschluss dieses ersten Teils an die eingangs angeführten und nichtsdestoweniger eingänglichen Überlegungen zurückzugreifen und diese gleichzeitig weiterzuführen: Wir haben nun eine ganze Reihe verschiedenster Aspekte die weniger positiven Assoziationen, die mit dem Bild Deutschlands, der Deutschen, des Deutschen und des Deutschunterrichtes in Frankreich verbunden werden, Revue passieren lassen, und hatten bereits zu Beginn auf die nicht unerhebliche Bedeutung der mentalen Ikonen in unserer multimedialen Gesellschaft hingewiesen.

 

Lassen Sie mich noch einmal betonen, dass es hier nicht darum ging, ein vollständiges Bild zu zeichnen. Ich habe mich hier auf die eher negativen Seiten beschränkt, die zu evozieren mir in diesem Kontext wichtiger schien, zumal sie selten offen formuliert werden, und meist implizit präsent sind, nur angeraunt werden, über ein Augenzwinkern transportiert. Sie einmal auszusprechen schien mir wichtig, denn erst über eine klarere Bestandsaufnahme ist Entschärfung möglich.

 

Deutsch war, wie bereits angesprochen, lange Zeit eine von sehr viel mehr Franzosen als heute gelernte Sprache. Die wesentlichen Gründe dafür scheinen zunächst historisch zu sein: Das Deutschlandbild – im 19. Jahrhundert lange Zeit wesentlich durch das Buch der Madame de Staël beeinflusst – ändert sich nach dem Sieg Bismarcks 1871 schlagartig, da die Niederlage verstanden wird als Konsequenz der Überlegenheit der deutschen Technik und Wissenschaften. Im Jahre 1892 z.B. sind 50% der gekauften Neuzugänge der Bibliothek der Ecole normale supérieure deutsche Bände und Konvolute. Der Anteil der deutschsprachigen Bücher unter den Käufen dieser Bibliothek liegt heute bei immerhin noch etwa 20%. Ich hab angerufen.

 

Am Anfang des 20. Jahrhunderts und bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges hielt Deutschland die in Europa dominierende Vormachtstellung, es war eine herausragende, ja weltführende Technologie-, Innovations- und Wissenschaftsnation. Zu dieser Führungsposition der Forscher, Ingenieure und Techniker gesellte sich der Nimbus der überragenden Kulturnation, mit ihren Musikern, Dichtern, Schriftstellern, Philosophen, Archäologen, Architekten, Bildenden Künstlern, Kunstmalern, Opern- und Theaterleuten, Komponisten, Schlagerstars, Filmschauspielern und -regisseuren, wobei man von der Reihenfolge bitte nicht auf die Wichtigkeit der Berufsgruppen untereinander schließen möge.

 

Die großen Komponisten, Philosophen und Literaten der Klassik waren noch international bestimmende, marktbeherrschende Kulturwerte, mit der Romantik, dem Expressionismus, dem Jugendstil, dem Bauhaus und so weiter war Deutschland ebenso Trendsetter wie in der Chemie, der Elektronik, den Medien. Das französische Fernsehen z.B. wurde erst nach dem Krieg gegründet, und zwar bestand es in einer Übernahme der Installationen, die die deutschen Besatzer in Frankreich für ihre Propagandazwecke eingerichtet hatten.

 

Im gleichen Zeitraum war Englisch noch keine Weltsprache, Amerika noch keine Supermacht, Frankreich brauchte sich um den Einfluss seiner Sprache international noch keine Sorgen zu machen – auch in Deutschland lernte die Elite oft noch anstandslos die Sprache der Diplomaten und somit Weltverkehrssprache. Umgekehrt lag es für die französische Elite auf Grund der eben angesprochenen Führungsposition Deutschlands in Europa, und darauf beschränkte sich die Weltsicht ja, fraglos nahe, Deutsch zu lernen. Französisch sprachen sie ja schließlich schon.

 

Solange dieses Prestige und die damit verbundene Tradition noch massiv nachwirkte – Reste davon sind heute noch spürbar – mochten die parallel existierenden negativen Assoziationen nach Hitlerdeutschland zahlreicher, böse Bilder stärker sein als heute, es spielte doch eine kleinere Rolle.

 

Als Beispiel zur momentanen Situation die Zahlen für die Prüfungen der ersten Fremdsprache in den concours communs polytechniques, den Aufnahmeprüfungen zu den Staatlichen Ingenieurhochschulen, den die StudentInnen der classes préparatoires scientifiques ablegen.

 

 

KandididatInnen

2001

KandididatInnen

2001

 

 

 

Englisch

80,09

11.781

Deutsch

12,65

1.861

Arabisch

6,00

884

Spanisch

0,88

129

Italienisch

0,16

24

Portugiesisch

0,10

15

Russisch

0,10

15

 

 

 

Gesamt

100%

14.709

 

 

Noch ist Deutsch – mit noch über 12% – hier zweitstärkste Sprache, eine Position, die es in den nächsten Jahren verlieren wird. Spanisch und Arabisch werden dann vor DaF liegen, wenn nichts Entscheidendes passiert. Deutsch dürfte dann so stark sein, wie Italienisch z.B., zweitstärkster Wirtschaftspartner Frankreichs.

 

Solange eine Europaeuphorie herrschte, der Aussöhnungsgedanke stark, die deutsch-französische Freundschaft in aller Munde, und die Rolle von Bonn-Paris als Motor Europas weithin sichtbar waren, gab es auch über diese Schiene Motivationsnachschub.

 

Daneben wuchs nun aber die Bedeutung des Englischen, parallel zur Bedeutung der Vormachtstellung der Vereinigten Staaten von Amerika zunächst im Westen, und heute in der Welt. Dies konnte die Position des Deutschen nur schwächen.

 

Der andere wichtige und sicher meist entscheidende Motivationsstrang für Eltern, ihre Kinder Deutsch lernen zu lassen, war über Jahrzehnte kaltes Kalkül: Deutsch funktionierte, das hatte sich so eingebürgert, als Selektionsparadigma des Schulsystems für die Elite. Die Schüler, die von ihren Eltern entschieden wurden, Deutsch zu lernen, kamen in Extraklassen, die systematisch die besten Lehrer in allen Fächern bekamen. Mehr als diese Erfolgsgarantie brauchte es im sehr selektiven und wettbewerbsorientierten französischen Schulsystem nicht, um zahlreiche Schüler die als schwer erlernbare Sprache des Nachbarlandes nolens volens anzulernen. Bei den wenigsten allerdings erwuchs daraus eine echte Zuneigung.

 

Der Alltag hat dieses entscheidende Motivationsmoment überrollt. Die zunächst vielleicht unbedeutend scheinenden, und sehr verständlichen Entscheidungen der Verantwortlichen im Erziehungsministerium, den Schulalltag zu demokratisieren, und Deutsch keine Extrawurst mehr zu erlauben, dann Organisationsprobleme bei den SchulleiterInnen, die homogene Klassen langsam haben verschwinden lassen, dies alles hat Deutsch vom Thron des Kronprinzen gestoßen. Seitdem siecht es vor sich hin und wird bald eines erlösenden Todes verscheiden, wenn nicht, ja, wenn nicht bald etwas passiert.

 

Deutsch an den französischen collèges und lycées:

 

 

1969

1978

1980

1997

2001

1.FS

2.FS

1.FS

2.FS

1.FS

2.FS

1.FS

2.FS

1.FS

2.FS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deut

15,8

35,5

15,7

32,5

13

26

10,2

18,2

8,5

13,6

Engl

80,3

 

81,1

 

 

 

88

12

90

10

Span

 

32,5

 

38,8

 

 

0,7

62,9

 

69,1

Itali

 

 

 

 

 

 

 

6,2

 

7

Autr

 

 

 

 

 

 

0,2

0,6

 

 

Quellen: 1969-79: Françoise Crochot „L’allemand, une langue difficile?“ DEA; 1980-2001 ministère de l’éducation nationale

 

Der Präsident des französischen Deutschlehrerverbandes Adeaf, Jean-Michel Hannequart, hat mir die Zahlen für die obige Statistik zur Verfügung gestellt. Vor dreißig Jahren lernten also noch über 50% der französischen Schüler Deutsch als  erste (1.FS) oder zweite Fremdsprache (2.FS), während es jetzt nur noch 22% sind, und jedes Jahr fallen die Zahlen dramatisch weiter ab.

Im gleichen Zeitraum stieg Englisch als erste Fremdsprache von 80 auf 90%, und Spanisch auf fulgurante Weise von 32 auf 70%. Es ist also nicht übertrieben zu sagen, dass vor allem Spanisch Deutsch verdrängt hat.

 

Diese Zahlen sind schlicht erschütternd.

 

Nun ist das goldene Ticket im deutschen wie im französischen Schulalltag Englisch / Spanisch. Warum eigentlich, dies zu erklären fällt allen schwer. Es dürfte etwas mit der Kraft der Träume zu tun haben, mit Freizeit, Urlaub, Libido.

 

Aber dies greift noch zu kurz, denn es kann den enormen Unterschied zwischen Spanisch und Italienisch nicht erklären.

 

Die einzige real in Frankreich gesprochene Fremdsprache ist, mit etwa 5% der Bevölkerung auch nur eine kleinere Gruppe, Arabisch.

 

Ich bedaure hier klar feststellen zu müssen, dass eine Rückkehr zum Status quo ante heute unmöglich erscheint, insbesondere durch die inzwischen oft auf Englisch fixierten Eltern, die verstärkte Verankerung des Spanischen und die Schwierigkeit, eine nichtegalitäre Sprachenpolitik in der Schule politisch nach außen zu vertreten, wobei das egalitär hier natürlich mehr eine Farce denn eine Realität abdeckt.

 

Im Primarbereich, wo im Jahre 2001 die Fremdsprache im CM2 eingeführt wurde (insges. für 90% der SchülerInnen), hält Deutsch mit 19% nach Englisch (76%) und vor Spanisch (2%) offiziell zwar noch den zweiten Rang (Le Monde vom 7. März 2002, Quelle: ministère de l’éducation nationale), aber beim Übergang in die nächste Klasse fand man dann zu Beginn des laufenden Schuljahres nur 8,57% Deutsch als erste Fremdsprache wieder, und dies trotz der Anweisung vom Ministerium, dass die im CM2 eingeführte Sprache im collège und lycée beizubehalten sei. Dieser Widerspruch ist wahrscheinlich dahingehend zu interpretieren, dass die Kinder in zwei Sprachen eingeführt wurden, und hinterher dann doch Englisch wählten.

 

Dass Sie jetzt schon lange nichts Lustiges mehr haben lesen können, tut mir, lassen Sie mich das hier kurz dazusagen, natürlich aufrichtig Leid.

 

In Mode ist Deutschland wie gesagt nicht, und es ist aus den genannten Gründen unwahrscheinlich, dass Deutschland über Nacht zum Mekka der jungen Franzosen wird. Doch eine Ausnahme mag bestehen: Berlin. Die Hauptstadt könnte im nächsten Jahrzehnt, nach London, zum magischen Anziehungspunkt für die europäische, und somit französische, Jugend werden, wenn die Osterweiterung vorangeschritten ist. Aber wie das bei Modephänomenen so ist, wird so eine besondere Stellung nach etwa einem Jahrzehnt wieder passé sein, und man wird sich neuen Horizonten zuwenden. Jedoch sollte man diese Entwicklung von Berlin zur heimlichen Hauptstadt Europas schon jetzt gezielt bei der Jugend fördern.

 

Fakt ist aber nicht nur, dass Deutsch immer weniger gelernt wird, dazu kommt nun, quasi logischerweise, auch, dass immer mehr DeutschlehrerInnen den Mut verlieren, sich umorientieren, das Fach oder gleich ganz den Beruf wechseln, womit die Zukunft gänzlich verbaut scheint.

 

Dieser Defätismus der KollegInnen muss verschwinden. Wer die Flinte ins Korn wirft, bekommt den Hasenbraten nicht zu fassen, wenn er denn vorbeiläuft. Breugels Schlaraffenland hängt im Museum. Es muss in die Köpfe zurückgehängt werden.

 

Genug Pessimismus verbreitet! Jetzt möchte ich mich der Frage zuwenden, was denn getan werden könnte, um die DaF-Arche in den nächsten Jahren in ein Land steuern zu können, wo Milch und Honig fließen!

 

 

 

Wertung: 5


 

 

 

2. Maßnahmen zur Verbesserung der Attraktivität des Deutschen in Frankreich

 

Kommen wir zum konkreteren Teil. Zuallererst einmal möchte ich mich hier an meine KollegInnen wenden und ihnen sagen: don’t give up! There is still hope that we won’t all have to become English teachers tomorrow!

 

Wir alle können daran mitwirken, uns gegen den Zahn der Zeit zu stemmen, und durch größeres Engagement und bessere Arbeit das Deutsche in einen Publikumsmagneten zu verwandeln. Gesunder Optimismus ist aller guten Dinge Anfang.

 

Seit einigen Jahren schon beobachte ich den Niedergang des Deutschen an den Schulen, höre den KollegInnen zu, die mir ihre Depressionen anvertrauen, und bin in meiner täglichen Arbeit doch weit entfernt von diesen Realitäten, denn bisher haben wir an unseren Elitehochschulen weiterhin ein sehr zufriedenstellendes Niveau an deutsch lernenden StudentInnen von über 30% auf einem relativ stabilen Niveau. Es gibt zwar eine leichte negative Tendenz, aber durchaus nichts Beunruhigendes.

 

An meiner Hochschule, der ENSEEIHT, wo ich als Direktor des Fachbereiches Fremde Sprachen und Kulturen zu Englisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch und Russisch vor neun Jahren auch Japanisch eingeführt habe, ist Deutsch von dieser neuen internen Konkurrenz nicht negativ berührt worden. Die StudentInnen haben eine verstärkte Tendenz zur dritten Fremdsprache entwickelt, das ist alles.

 

Auffallend ist allerdings, dass die bei uns Deutsch Lernenden auf direkte Fragen meist antworten, sie hätten Deutsch nicht gewählt, sondern ihre Eltern. Dies gilt auch für Deutsch als 2. Fremdsprache. Weiterführen wollen sie es meist nur, damit die vergangenen Anstrengungen nicht ganz umsonst waren. Mitgefangen, mitgehangen.

 

Auffallend ist weiterhin, dass es jedes Jahr nur eine Anfängergruppe (meist 15 TeilnehmerInnen) im Deutschen gibt.

 

Was das Spanische betrifft, so sind die Zahlen in den letzten fünf Jahren plötzlich sehr dynamisch geworden. Seit diesem Jahr ist Spanisch nach dem für alle obligatorischen Englisch zum ersten Mal vor Deutsch zweite Fremdsprache.

 

Auffallend hier die enorme Zahl der Anfänger. Mehr als ein Drittel der Spanisch Lernenden sind Nullanfänger. Die Gruppen sind mit meist zwanzig TeilnehmerInnen voll besetzt.

 

Bei uns in den grandes écoles ist die Welt in dieser Hinsicht momentan also noch relativ in Ordnung, aber wir sehen auch ohne Fernglas, dass sie sich doch bewegt.

 

An dieser Stelle möchte ich mir erlauben, mal kurz vom Thema abzukommen. Natürlich brennt es mir, während ich diesen Text schreibe, unter den Fingernägeln, parallel dazu auch von dem Bild Frankreichs in Deutschland zu sprechen, aber das gehört hier eben nicht zum Thema, leider, leider.

 

Also nur ganz kurz eine Anekdote: Unsere grandes écoles sind zwar groß, der Stolz des französischen Bildungssystems usw., aber ja, wie Sie wissen, im Ausland so gut wie unbekannt; ein Handicap im internationalen Wettbewerb um die Köpfe von morgen. Einen Teil meiner Energie verwende ich – wie viele meiner Kollegen auch – also darauf, unsere Elitehochschulen im Ausland bekannter zu machen.

 

Vor ein paar Jahren kündigte der Spiegel dann einen lingelangen Artikel an, auf den ich bereits einige Jahre gewartet hatte: ein Euroranking der besten Studien. Mit unseren Ingenieurhochschulen, die ein hohes theoretisches mit einem außergewöhnlichen Praxisniveau verbinden, und dies in ständigem Kontakt mit der Industrie den Anforderungen der Berufsbilder von morgen anpassen, die zudem in übersichtlichen Strukturen arbeiten, die den Studenten ein familiäres Umfeld, weit von der Anonymität vieler Universitäten bieten, war ich mir ziemlich sicher: unsere traumhaften Ausbildungsgänge würden der Überraschungssieger werden.

 

Fieberhaft suchte ich in den Tabellen unsere Hochschulen – nichts! Sieger in den Ingenieurwissenschaften wurde eine unbekannte ex-DDR-Hochschule, den Namen hab ich vergessen. Imfelden? Nun ja, ich graste den Text Seite um Seite nach dem Zauberwort grandes écoles ab, und fand schließlich einen winzigkleinen Satz: „Die französischen grandes écoles haben wir in unserer Untersuchung nicht berücksichtigt, weil sie im internationalen Vergleich zu spezifisch sind“. Frust! Ja, das war’s schon!

 

Zurück zur Situation des Deutschen in Frankreich. Angesichts der beunruhigenden Gesamtsituation habe ich persönlich mich entschlossen, einen Teil meiner Energie der guten Sache zur Verfügung zu stellen, und überlegt, was denn in meiner Macht stünde, am Rad der Geschichte zu drehen. Das Ergebnis meiner inneren Einkehr war klar: an ratternden Räderwerken rütteln ist mir auf kleinen Schreibklavieren klimpern.

 

Denn was kann ich einigermaßen? – Schreiben. Was kann man damit erreichen? Einiges. Allerdings – und jetzt kommt das große Aber – cui bono? Meine KollegInnen vor Ort haben doch die richtigen Argumente. Ich als Kollege bringe da weder ein Plus, noch einen Mehrwert.

 

Meine Frau ist Grundschullehrerin. Sie unterrichtet auch Deutsch. Sie berichtete mir zuerst von folgendem Phänomen: die Kinder sind von Deutsch begeistert und wollen von sich aus im collège Deutsch wählen, aber ihre Eltern sperren sich, weil sie Angst haben. Angst davor, dass ihre Kinder dadurch in ihren Berufsaussichten behindert würden. Denn nur Englisch bietet, so denken sie, die Garantie für den späteren Zugang zur Welt. Angst weiterhin vor der Schwierigkeit des Deutschen. Angst durch Unkenntnis, Halbwissen, Vorurteile.

 

So habe ich mich entschlossen, die guten und bekannten Argumente für Deutsch als Fremdsprache in Frankreich, besonders als erste Fremdsprache, in die früher bleiernen Lettern der Rotationspresse zu gießen, und die Autorität und die Aura der auflagenstärksten Zeitungen für eine kostenlose Werbekampagne zu nutzen. So konnten meine KollegInnen mit den gleichen Argumenten mehr Überzeugungskraft aufbieten, und ich war gleichzeitig bei allen KollegInnen per Presse gewärtig, und war so multipliziert sehr viel präsenter vor Ort, als ich es physisch je hätte sein können.

 

Parallel dazu habe ich im Kontakt mit vielen KollegInnen, die auf meinen ersten Artikel in Libération Anfang November 2001 reagierten, erfahren, dass etlichen von ihnen doch nicht alle denkbaren für das Deutsche positive Argumente zur Verfügung standen. Zu diesem Zweck habe ich das Plaidoyer pour l’allemand verfasst, dass über die ADEAF allen KollegInnen im Internet und auch gedruckt zur Verfügung gestellt wurde. Es ist als eine Art Steinbruch gedacht, aus der man zusätzliche Steine für seine Arbeit herausbrechen, und in sein eigenes Mauerwerk einfügen kann.

 

http://www.ac-nancy-metz.fr/enseign/allemand/adeaf

 

Diese Arbeit führe ich heute mit diesem Memorandum, und morgen mit weiteren Artikeln in der Presse fort.

 

Seit diesen Artikeln laden mich viele KollegInnen aus ganz Frankreich, meist Verantwortliche der Weiterbildung oder der regionalen ADEAF zu Vorträgen ein, um den KollegInnen wieder Mut zu machen.

 

Ich habe in den letzten Monaten so mit Hunderten KollegInnen sprechen können und zu meiner Erschütterung feststellen müssen, dass die Situation sich in den letzten Jahren tatsächlich dramatisch zugespitzt hat. Dynamische Prozesse besitzen zudem so etwas wie eine Eigendynamik. Wenn alle Leute sagen, man solle die Aktien verkaufen, ein Zusammenbruch stünde vor der Tür, dann löst ebendies die Katastrophe erst aus. Self fulfilling prophecy heißt dieser Vorgang im Fachdeutsch. Also so was! Jetzt ist er doch aus dem Fenster gesprungen!

 

Mit meinen Vorträgen, so habe ich das Gefühl, vermittle ich vielen KollegInnen neue Hoffnung und gebe ihnen ein bisschen Vertrauen zurück, dass vor Ort inzwischen unentbehrlich wird. Aber es bleibt natürlich der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein.

 

Ich schreibe dies alles hier nur, damit die Banalität meines Handelns besser sichtbar wird, in der Hoffnung, alle KollegInnen mögen, individuell oder gemeinsam, andere Initiativen ergreifen, um in diesem Sinne weiterzuarbeiten, und durch die gemeinsamen Anstrengungen Synergien freizusetzten.

 

Für die KollegInnen, die bereits in dieser Arbeit parallel organisiert sind, ist dies nur eine kleine Botschaft der Solidarität. Sie wissen doch: Gemeinsam ist kein Quark. Oder muss Goethe sie erst treten?

 

Kommen wir zu den Vorschlägen.

 

 

 

Wertung: 5


In den Schulen

 

Ziel ist, die verlorenen Positionen des Deutschen im französischen Schulsystem zurückzugewinnen und möglicherweise weiter auszubauen. Laut Markttheorie kann man denselben entweder über das Angebot, oder über die Nachfrage steuern. Zunächst zu den strukturellen Angebotsänderungen.

 

In den Grundschulen wird in diesen Jahren die Fremdsprache eingeführt. Wenn wir uns hier stärker einsetzten, und auch mal freiwillig und unendgeldlich einen Schnabberkurs anbieten – der allerdings wirklich gut auf die Kleinen zugeschnitten und gut vorbereitet sein muss – ließe sich für die Zukunft viel verlorenes Terrain zurückgewinnen. Theoretisch.

 

Ein Schnabberkurs? Das ist das Kind von einem Schnupper- gekreuzt mit einem Knabberkurs. Haribos bunte Gummibären verstehen Kinder besser als vernünftige Argumente.

 

Denn in der Praxis gibt es da dann doch Probleme, und zwar beim Übergang ins collège. Dort können die deutschbegeisterten Kinder nämlich plötzlich doch nicht machen, was sie gewählt haben.

 

Hier kann mit Druck motivierter Eltern einiges erreicht werden, aber vielleicht auch durch Deutschland, wenn auf Regierungsebene ein Aktionsplan vereinbart werden könnte, der einen massiven Einsatz zusätzlicher Fachkräfte in beiden Ländern auch für kleinere Klassen vorsieht, aber den Widerstand vor Ort dabei zu antizipieren hat, sei es von den Schulleitern, sei es bei den recteurs d’académie.

 

Manchmal gibt es in den collèges auch DeutschlehrerInnen, die einen so schlechten Ruf haben, dass es sich bis in das primaire herumspricht. In diesem Fall sollten diese KollegInnen aufgesucht werden, um eine Änderung der Situation zu erreichen. Aber die gesündeste Art, die Position des Deutschen in Frankreich zu stärken, ist sicherlich, die Nachfrage anzukurbeln.

 

Seit ein paar Jahren gibt es bereits die Initiative Deutschmobil von den deutschen Kulturzentren in Frankreich. Finanziert vom Bundesrat, der Robert-Bosch-Stiftung und DaimlerChrysler kommen, auf Einladung der Deutschlehrer vor Ort, die jungen DaF-LehrerInnen in ihren Kleinbussen und machen eine Werbeveranstaltung. Dafür sind effiziente Werbeträger hergestellt und motivierte junge Profis eingestellt worden. Die Bilanz kann sich sehen lassen, wie die ersten beiden Bilanzen beweisen. Soeben ist der zweite Zwischenbericht erschienen. Informationen erhalten Sie dazu in allen deutschen Kulturzentren oder im Internet über das Suchwort deutschmobil, welches Sie nur z.B. in das Suchfeld unter www.google.fr eintragen.

 

 

 

Wenn dieses Memorandum nur den Erfolg hätte, die dem Projekt Deutschmobil zur Verfügung gestellten Mittel zu verbessern, meine Arbeit hätte Sinn. Eine Multiplizierung mit einem zweistelligen Faktor schiene mir angemessen.

 

Gleichzeitig sollten die IEN (inspecteur/inspectrice de l’éducation nationale), die den GrundschullehrerInnen vorgesetzten Schulräte, deren Vorgesetzte, die IA (inspectrice/inspecteur d’académie), parallel dazu die IPR d’allemand (inspectrice/inspecteur pédagogique régional) sowie die Verantwortlichen für die stages, die Weiterbildung, in den CRDPs (centre régional de documentation pédagogique) und CDDPs (centre départemental de documentation pédagogique), systematisch aufgesucht werden, um für die nächsten Jahre mit ihnen Fortbildungskurse für DaF zu planen, zu organisieren und durchzuführen, die die Zahl der für DaF qualifizierten GrundschullehrerInnen und somit den Marktanteil des Deutschen unter ihnen steigert, der sich im Moment auf stolze 19% beläuft, bei allerdings etwa 75% für das Englische; die anderen Sprachen waren im Jahre 2001 fast inexistent in diesem Bereich, was sich aber auch schnell ändern kann.

 

Dies liegt teilweise auch am schlechten Informationsniveau der GrundschullehrerInnen, denen manchmal von deren Vorgesetzten fälschlicherweise erklärt wird, dass sie gezwungen seien, die Sprache zu unterrichten, deren Weiterführung im collège der Zone garantiert sei. Dies ist entweder eine vorsätzliche Lüge, oder ein Kommunikationsproblem innerhalb der éducation nationale, aber in jedem Fall unwahr. Den offiziellen Texten entsprechend genügt jede andere Sprache als Französisch den Anforderungen, was auch Regionalsprachen einschließt.

 

Der erstaunlich hohe Anteil von 19% täuscht allerdings über die Realitäten hinweg, denn erstens ist die Fremdsprache noch nicht überall in der Grundschule eingeführt und die Statistiken daher partiell, andererseits sind die Elsässer besonders aktiv bei der Einführung eben dieses neuen Unterrichtsfaches. Die relativ gute Position des Deutschen beschränkt sich also auf die Grenzregion zu Deutschland.

 

Wenn hier nichts getan wird, verschwindet Deutsch als erste Fremdsprache in den nächsten Jahren total von der Bildfläche, das muss hier einmal glasklar gesagt werden. Auch in diesem Fall werden Sie nicht mehr sagen können, von nichts gewusst zu haben.

 

Ich fordere die Bundesregierung auf, hier endlich einmal Verantwortung für den Fortschritt Europas zu übernehmen.

 

Das mit diesen Kontakten betraute Personal – möglichst erfahrene DaF-SpezialistInnen mit ausgezeichneten Frankreich-Kenntnissen, möglichst Französisch-Muttersprachler – sollte eingebunden sein in das Projekt Deutschmobil, das die Feder weiter führen sollte.

 

Weiterhin sollte versucht werden, das französische Schulsystem dahingehend zu beeinflussen, dass mehr SchülerInnen für ein halbes oder ein ganzes Jahr im Austausch nach Deutschland und im Gegenzug junge Deutsche möglichst massiv nach Frankreich kommen. Dazu könnte eine Kontaktzentrale eingerichtet werden, Werbespots sollten die jungen Menschen motivieren.

 

Im Bereich der Grundschulen sollte in der nächsten Zeit möglichst viel Energie darauf verwandt werden, Schulpartnerschaften zwischen französischen und deutschen Grundschulen einzurichten, die über Internet zusammenarbeiten und sich auch gegenseitig besuchen sollten. Diese europäischen Grundschulpartnerschaften werden sich in den nächsten Jahren entwickeln. Es geht also darum, von Anfang an den größtmöglichen Anteil aufzubauen. Auch hier gilt: Wer zuerst kommt, strahlt zuerst.

 

Am 11. Mai 2002 haben die 577 Abgeordneten des französischen Juniorparlamentes, alles 10-11-jährige SchülerInnen, sich wie jedes Jahr im Palais Bourbon zu ihrer jährlichen Sitzung getroffen, um einen Gesetzestext zu beschließen. Mit 208 Stimmen landete der Vorschlag, jede Grundschule mit einer Partnerschule aus dem europäischen Ausland zu versehen, auf dem ersten Platz, gefolgt von dem Kampf gegen die Tags (186) und das Verbot des Aussetzens von Haustieren (180).

 

Lehrer sind Multiplikatoren und Meinungsmacher. Ihr Bild von Deutschland sollte nicht dem Zufall überlassen bleiben.

 

Ein interessantes Projekt könnte sein, sich einmal über die Motivationen der Deutschlehrer zu beugen: Warum ergreifen diese eigentlich so einen Beruf, der doch, wie wir gesehen haben, ein eher schwieriges Image besitzt?

 

Über das Ministerium könnten an alle LehrerInnen Frankreichs Werbeträger, natürlich in französischer Sprache, verschickt werden, die das Deutschlandbild verändern sollten. Dazu müsste die Deutsche Botschaft erreichen, dass dies geschieht, und dafür zahlen, oder den Datensatz mit den Adressen kaufen. Mindestens die LehrerInnen der geisteswissenschaftlichen Fächer sollten angesprochen werden, vielleicht mit einem berufsspezifischen Faltblatt.

 

Damit dies interessanter wird, könnte ein Wettbewerb organisiert werden, der in so einem Brief angekündigt wird. Zum Beispiel könnte für Geschichtslehrer ein Wettbewerb organisiert werden, bei dem fachpädagogische Projekte im Zusammenhang mit dem Thema Deutschland durchgeführt werden. Die besten drei Projekte werden prämiert. Erster von drei Preisen z.B. eine Klassenreise – oder eine Reise für die Lehrerin, den Lehrer – nach Deutschland: drei Tage Berlin, Hamburg, München, Rheinschifffahrt oder Weinstraße nach Wahl.

 

Vergleichbares könnte, jeweils fachspezifisch orientiert, auch für Französisch- und PhilosophielehrerInnen organisiert werden. Aber auch und gerade für GrundschullehrerInnen könnte so ein Vorgehen sinnvoll sein, gerade weil diese die einzigen sind, die fächerübergreifende Projekte durchführen können.

 

Wichtig wäre jedoch, keine Eintagsfliegen zu produzieren, sondern die Anstrengungen und Investitionen über einige Jahre konstant zu halten.

 

Die SchülerInnen der collèges und lycées haben bei Schulbeginn, d.h. nach verlassen écoles primaires, der Grundschulen, die Wahl der ersten Fremdsprache bereits getroffen.

 

Die Wahl der ersten Fremdsprache entscheidet sich am Ende der Grundschule. Will man diese beeinflussen, muss man es dort tun. Sprachwechsler sind sehr selten. In der Sekundarstufe kann man nur noch für die 2. oder 3. Fremdsprache werben.

 

Da das Erlernen der deutschen Sprache mit dem Erwerb einer Reihe von Reflexen verbunden ist, die umso besser assimiliert werden, je jünger man ist, und die Schwierigkeiten – die etwas komplexere Grammatik – zu den Anfangsschwierigkeiten gehört, ist die Wahl als 1. Fremdsprache unbedingt zu fördern.

 

Auch wenn das Hauptziel jeder Politik, die diesen Namen verdient, klar sein sollte, zunächst den Anteil von Deutsch als erster Fremdsprache positiv zu beeinflussen, sollte man sich darauf nicht beschränken.

 

Es gibt Deutsch nicht nur als erste, sondern auch als zweite und dritte Fremdsprache. Hier muss die Nachfrage im Sekundarbereich gestützt werden. Der momentan beste Vektor dazu könnte die Fussballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland sein. Dafür sollte bereits jetzt massiv Werbung betrieben werden, mit diversen Werbeträgern in Französisch.

 

Die Zahl der Germanistik-StudentInnen an den Universitäten kann nur in der Folge einer stärkeren Basis in den Schulen wieder steigen. Die deutsch-französische Universität wird, falls der Gesamtzusammenhang sich nicht ändert, ein Mauerblümchendasein fristen.

 

 

Wertung: 5

 


 

Im Kulturleben

 

Im Bereich „Kulturleben“ denkt man gemeinhin besonders an Theater, Malerei, Bildende Kunst, Oper, Literatur, Architektur, Philosophie, Film und Fernsehen.

 

Unter den vielen möglichen Akteuren in diesem Bereich sind in diesem Kontext meiner Meinung nach besonders die Journalisten und die Kulturinstitute zu nennen.

 

Näheres zu den Journalisten und Medien in der folgenden Rubrik „In den Medien“.

 

Deutsche Kultur in Frankreich wird einerseits – sehr wenig – durch die Medien, Theater, Ausstellungen und andere öffentliche Einrichtungen transportiert, andererseits durch die Institutionen, wie die Schulen und Universitäten – mehr zwar, aber immer weniger. Da sind die deutschen Kulturinstitute als Pioniere, Wegbereiter, Hilfestellung unentbehrlich. So wichtig nun aber die Arbeit der Goethe Institute und der freien deutschen Kulturinstitute in Frankreich auch ist, sie wurden in den letzten Jahren in Frage gestellt und ihre Mittel reduziert.

 

Bei so einer Politik braucht man sich nicht lange zu fragen, was man machen könnte, um die Situation von Deutsch als Fremdsprache in Frankreich zu stärken.

 

Die Nachfrage nach Sprachkursen ist auch bei den Goethe Instituten stetig rückläufig. In diesem Bereich kann kurzfristig also wohl wenig an Mehr erreicht werden. Durch eine verstärkte Organisationsarbeit sollte das Hauptgewicht vielleicht auf mehr Konzerte von deutschen Musikgruppen gelegt werden, in Zusammenarbeit mit etablierten Konzertveranstaltern und bei gleichzeitiger Medienpräsenz – Organisation von Auftritten, Interviews, Hinweisen und Abspielen von Musikstücken, Präsenz in den Musikspot-Fernsehsendungen.

 

Bei Musik dürfte etwas zu machen sein, das deutsche Kino, die Literatur braucht man gar nicht erst zu pushen, es wäre verlorene Liebesmüh.

                      

Angesprochen hatte ich bereits die manuels, die in Frankreich gängigen Lehrbücher, und den Vorschlag, das Goethe Institut sollte mit einem französischen Schulbuchverlag und einem inspecteur eine DaF-Lehrmethode erarbeiten, die für collège und lycée ein modernes, interessantes Bild von Deutschland vermittelt und auch etwas von der civilisation rüberbringt.

 

Dieses Projekt könnte als deutsch-französisches Projekt – mit einem vergleichbaren Team in umgekehrter Richtung für Französisch als Fremdsprache in Deutschland – auch auf Regierungsebene gesteuert werden.

 

Die deutschen Kulturträger sollten auch alle Grundschullehrer kontaktieren, und diese möglichst breitflächig in DaF ausbilden. Der richtige Zeitpunkt dafür ist spätestens sofort. Dabei sollte nicht aus den Augen verloren werden, dass 50% der Lehrerschaft im nächsten Jahrzehnt in Rente geht. Dies erfordert massive Präsenz in den IUFM.

 

Im Rahmen der hier besonders ins Auge gefassten Breitenwirkung zur Änderung des Deutschlandbildes und der Beziehung zur deutschen Sprache wäre mein Hauptvorschlag in diesem Bereich allerdings die Schaffung eines deutsch-französischen Projektes zur möglichst raschen Erarbeitung einer Reihe neuer Geschichtsbücher für die deutsche und französische Jugend, die die Schaffung einer neuen, auf einer gemeinsamen Geschichte beruhenden, Identität zum Ziel haben sollte. Geschichtsunterricht ist immer auch Ideologie, und die heute in den französischen Geschichtsbüchern wirksame ist dem deutsch-französischen Zusammenschluss in einem vereinten Europa nicht zuträglich.

 

Das klingt vielleicht ein bisschen nach dem Orwellschen Ministerium für die Revision der Geschichte, aber das ändert wenig an der Notwendigkeit eines solchen Unterfangens.

 

 

 

Wertung: 5


 

In den Medien

 

 

Wir beziehen uns hier auf die Journalisten aus Radio, Fernsehen, Presse.

 

Unter den JournalistInnen, die regelmäßig aus Deutschland berichten, sollte jedes Jahr eine/r mit einem Preis für hervorragende Berichterstattung ausgezeichnet werden.

 

Zudem sollte jedes Jahr ein Wettbewerb für junge JournalistInnen veranstaltet werden: sie müssen ein Projekt einreichen, für das sie in Deutschland recherchieren müssen, bekommen die Reise kostenlos, müssen die Resultate einreichen, und am Ende gibt es drei Preise.

 

Jedes Jahr wird unter den etablierten über und/oder aus Deutschland berichtenden JournalistInnen eine Jury gebildet, die die Schirmherrschaft innehat. Die JurorInnen und TeilnehmerInnen werden in eine Alumni-Organisation aufgenommen. Die so gebildete Gesellschaft vergrößert sich so jedes Jahr, sie bekommen jährlich ein Jahrbuch des Netzwerkes mit allen Namen, Adressen, Telefonnummern etc. der MitgliederInnen zugesandt.

 

Bereits mehrfach angesprochen: Die Regierungen einigen sich auf die gegenseitige Förderung der modernen Musik des Nachbarlandes in den öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehsendern, um den Einfluss der englischsprachigen Produktionen zurückzudrängen.

 

 

Wertung: 5

 


 

In der Politik

 

Wichtiger noch als der Einfluss des nicht immer und überall positiven Deutschlandbildes in Frankreich und Navarra, über das ich, wie Ihnen vielleicht nicht entgangen ist,  im ersten Teil bereits einige Bemerkungen notiert habe, ist meiner Überzeugung nach der politische Elan, das heißt, genauer gesagt, dessen Nichtexistenz.

 

Aus dem großen bunten Luftballon Europaunion ist die Luft raus, die reizende Nena entfleucht und vergessen, schlaff hängt das Gummi nun im Rinnstein der Geschichte. So was nennt man Horizontverlust.

Le logo de l'AECJ
 


Die wichtigste politische Maßnahme ist die

"Wiedervereinigung" von Frankreich und

Deutschland.

 

Zur Not ginge es auch andersrum!

 

Dies ist gleichzeitig die einzige wirklich

effiziente Methode um die Daf-Situation

in Frankreich wirklich positiv zu beeinflussen.

 

Darunter ist nicht viel zu machen.

 

Beschlossen wurde die Union von Deutschland und Frankreich übrigens bereits am 9. Mai 1950. Nach 52 Jahren Arbeit scheint sie in sehr viel weiterer Ferne als damals.

 

Und ohne diese also gar nicht so neue Perspektive wird Deutsch als Fremdsprache in Frankreich kaum zu retten sein.

 

Natürlich wird sich ein residuelles Niveau irgendwann einmal einpendeln, und die Nachfrage nach Deutsch sich stabilisieren, aber wann, das weiß niemand, dessen Telefonnummer ich leider verlegt habe.

 

Man darf annehmen, dass dies mit Italienisch und Russisch vergleichbar sein wird, denn weltpolitische Betrachtungen spielen, abgesehen vom Englischen, bei der Fremdsprachenwahl offensichtlich keine bzw. eine nur untergeordnete Rolle, wie die Fakten zeigen.

 

Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Deutsch wurde lange auf einem erstaunlich hohen Frequenzniveau gelernt, weil die deutsche Kultur vor langer Zeit einmal Europa dominierte.

 

Danach hat die Europaeuphorie ein wenig dazu beitragen mögen, dass Deutsch sich eine Weile etwa halten konnte, vor allem aber die Sitte, die sich eine Zeit lang eingebürgert hatte, dass Deutsch ein Muss war, um in die guten Klassen zu kommen, und so die bestmöglichen Karriereperspektiven eröffnete.

 

Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Nun muss man wissen, was man will.

 

Historisch gesehen ist die Wiedervereinigung von Frankreich und Deutschland leicht zu rechtfertigen, denn weltpolitische Notwendigkeiten zwingen uns dazu, um morgen noch einiges Gewicht in der Welt zu besitzen gegenüber den neuen Weltmächten China, Indien, und morgen wieder Russland.

 

Die Basis von Macht ist immer noch die Demographie, Geld ohne diese nur Papier, mein lieber Tiger. Die Liechtensteiner mögen pro Kopf tausend mal so viel verdienen wie die Indonesier, in der Weltpolitik zählen sie nicht. Andersherum mochte der Sultan von Brunei der reichste Mann der Welt sein, der bestimmendste war er nicht.

 

Auch gemeinsam, mit etwa 142 Millionen Einwohnern, ist die Situation nicht ideal, aber schon sehr viel besser, und die Perspektive der europäischen Einigung sollte beibehalten werden, d.h. die anderen Staaten sollten sich diesem neuen Staat anschließen können.

 

Die Bundesregierung war im Fall Atomausstieg imstande, eine Politik für die nächsten 20-30 Jahre zu definieren, da sollte das Kapitel Europa auch zu meistern sein.

 

Warum wir dominieren sollten?

 

Damit die schwächeren Länder in der Welt nicht allein dastehen. Nur Europa kann den USA Paroli bieten, und die europäische Kultur besitzt nicht mehr das Vorherrschaftsstreben der USA, welches heute die Wurzeln pflanzt für den Hass und die Bomben von morgen. So ist Europa unerlässlich für den Weltfrieden. Ein stärkeres Europa als heute.

 

Die deutsch-französische Einigung ist also zunächst einmal sinnvoll, erst dann eine Hilfe für die Situation des Deutschen als Fremdsprache.

 

Neben dieser starken Motivationsschiene für die Verbesserung der Situation des Deutschen in Frankreich gäbe es noch die überragende Strahlung einer dominanten deutschen Kultur in der Welt – wir haben gesehen, dass diese Zeiten endgültig vorbei sind, dazu bedurften wir kein Pisa.

 

Dazu gibt es nur eine wirkliche Alternative: den Kontakt suchen von Person zu Person, die Kinder begeistern, zähe Kleinarbeit, mit einem Wort Deutschmobil. Der Teufel steckt bekanntlich seit Henry im Détail.

 

Was dabei auch helfen könnte, wäre die Einrichtung einer Stelle einer/s Verantwortlichen der Bundsregierung für Deutsch als Fremdsprache in Frankreich, einer Art Generalbevollmächtigter/n, ausgestattet mit Budget und Personal, selbstredend bei gleichzeitiger Schaffung eines vergleichbaren Posten in Deutschland. Bei dieser Person sollten die verschiedenen Stränge zusammenlaufen.

 

Enden möchte ich mit einer positiven Note.

 

In der Realität ist Deutschland eine mindestens ebenso multikulturelle Gesellschaft wie Frankreich, auch wenn dies hier nicht wahrgenommen wird. Deutschland ist zudem in vieler Hinsicht toleranter, und liegt da voll im Trend der französischen Jugendbewegung, wie oben beschrieben. Es muss etwas getan werden, damit dieses Bild rüberkommt.

 

Damit könnte man den jungen Leuten hier auch die Einigung schmackhaft machen. Dazu kommen sollte die Konstruktion einer gemeinsamen Identität über eine gemeinsame Vergangenheit.

 

Das Mutter- oder Vaterland der Menschenrechte, dass im Jugoslawien-Konflikt 15.000 Flüchtlinge aufnahm, wo Deutschland 1.000.000 empfing, sollte relativisieren lernen, und dem Nachbarland gegenüber die Augen öffnen.

 

Jetzt hab ich’s mir doch wieder nicht verkneifen können!

 

 

Wertung: 5

Gewichtung und Hierarchisierung

 

Die Gewichtung der einzelnen Kapitel dieses zweiten Teils untereinander und die Hierarchisierung der jeweiligen Vorschlagskataloge können von verschiedenen Gesichtspunkten her angegangen werden.

 

Meiner Meinung nach wäre die wichtigste zu treffende Maßnahme, die den Karren aus dem Treck ziehen könnte, die "Wiedervereinigung" Deutschlands und Frankreichs in einem neuen Staatsgebilde, sagen wir morgen früh um halb neun.

 

Aber irgendwie schaffe ich es nicht so recht, das als Tatsache zu akzeptieren. Manchmal fürchte ich, es könnte erst um fünf vor zwölf dazu kommen, oder gar zu spät werden.

 

Begnügen wir uns also zunächst einmal mit der schnöden Wirklichkeit. In dieser gibt es bekanntlich sogenannte Sachzwänge, worunter bekanntlich meist das zu verstehen ist, was mit dem Wort "Geld" nur ungenügend beschrieben scheint – Finanzmittel, das klingt gleich solider und irgendwie seriöser.

 

Nun gehört dies nicht zu meinem Kompetenzbereich, weshalb ich mich diesbezüglich zu nichts verpflichtet fühle.

 

Aus dieser zwanglosen Situation heraus habe ich den hier vorgestellten Vorschlagskatalog verfasst, als kreative Übung sozusagen, im Bewusstsein, dass vieles sicher über den möglichen Finanzierungsrahmen hinausgeht, aber beim Brainstorming kann es nicht darum gehen, zu zensieren.

 

Ich hoffe, diese Vorschläge können etwas bewirken, Energien freisetzten, und das Projekt Deutschmobil unterstützen, das ich, gleich nach der obengenannten "Wiedervereinigung", für die zeitwichtigste Maßnahme halte.

 

Sollten dann noch Mittel frei sein, wäre es meines Erachtens das Schlaueste, das Deutsch(land)bild der wichtigsten Meinungsmacher und Multiplikatoren, LehrerInnen, JournalistInnen, mit den Vorschlägen zu beeinflussen, die am wenigsten Mittel beanspruchen, diese Arbeit aber über Jahre führen.

 

Überfällig sind gemeinsame Geschichtsbücher für die Schulen in Frankreich und Deutschland, die die Grundlage legen sollten für eine neue Identität bei den folgenden Generationen.

 

Gleichzeitig sollte versucht werden, mit den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten oder der Regierung ein Abkommen zu schließen, das die Ausstrahlung für die Jugend attraktiver deutscher Produktionen in Frankreich und umgekehrt prozentual bestimmt zu einem festen Bestandteil des Programms macht, um so für die Nachbarkultur zu werben.

 

Eine motivierte Person sollte all dies steuern helfen.

 

Das Verfassen dieses Textes hat mir viel Vergnügen bereitet. Ich hoffe, Ihnen hat er auch etwas gebracht. Doch dabei darf es nicht bleiben.

 

Wertung: 5


Statt einer Zusammenfassung

 

Natürlich sind diese Betrachtungen fürchterlich partiell und einseitig, teils polemisch bis gemein, aber ich wollte mich hier auf die dunkle Seite des Deutschlandbildes beschränken, weil sie eben die problematischere ist. Dieses unterschwellige Bild des Deutschen ist überall präsent, wird aber selten schriftlich formuliert.

 

Abgesehen von den kleinen Wortspielereien hier und da und den humoristischen Einlagen, die das Lesen des Textes interessanter und unterhaltsamer gestalten sollten, ist dieser Text schon eine Zusammenfassung, ein Konzentrat an Analysen, Gedanken, Meinungen und Vorschlägen; unvollständig dazu. Kürzer geht es also nicht.

 

Stellte man mir die Frage, was meiner Meinung nach das Wichtigste sei, was die Vertreterinnen und Vertreter des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland zur Verbesserung der Situation des DaF in Frankreich tun sollten, so antwortete ich: erstens die Situation in ihrer Komplexität möglichst gut verstehen und das Problem definieren, zweitens langfristige Ziele und eine Strategie festlegen, drittens auf dieser Linie Punkt für Punkt handeln. Alles ganz einfach. Aber diese Antwort wäre eine Binsenweisheit, und man soll bekanntlich keine Eulen in Athen fragen.

 

Eine ehrliche Antwort könnte ich erst geben, wenn ich eine genaue Kenntnis der zur Verfügung stehenden und mobilisierbaren Mittel hätte, was natürlich nicht der Fall ist.

 

Wenn ich aber doch die Möglichkeit hätte nur eine einzige Maßnahme, die wichtigste nämlich, in die Tat umzusetzen – ein Butt könnte da hilfreich sein – dann würde ich Frankreich und Deutschland lieber heute als morgen zu einem Staat vereinen. Die Schweiz zeigt, dass dies möglich ist. Das Interesse an den Partnersprachen würde selbstverständlich angeregter sein als heute.

 

Ist es nicht merkwürdig, wie einsam man mit so einem Gedanken heute dasteht? Dabei war das vereinigte Europa doch das Ziel, welches die Gründer der heutigen Europäischen Union gleich nach dem mörderischsten Krieg der Menschheitsgeschichte sich zu erreichen vorgenommen und konkret begonnen hatten. Wie weit sind wir heute entfernt von so einem Elan! Spricht man den Anfang dieser Staatsfusionen über Paris und Berlin an, erntet man nur Unverständnis und sieht sich beinahe selbst schon spinnert. Aber: wer die Finte ins Korn wirft, fällt selbst hinein. Spinnert, ich sag’s doch.

 

Leider ist es mit guten Ratschlägen nicht getan. Eine frische Brise macht noch keinen Sommer. Aus dem Papier kann man Schwalben falten. Ideen müssen Taten folgen.

 

Was fehlt ist Transzendenz. Tschüss. Das war’s.


Über den Autor


 

Alban Azaïs, Deutsch-Franzose, Sozial- und Sprachwissenschaftler, geboren 1954 in Hamburg, studierte in Hamburg, Berlin, Montpellier, Paris, Palma de Mallorca und Malaga.

Ab 1979 Soziologe im Hamburger Senat, 1981 in Spanien, ab 1982 in Frankreich. Hier zunächst Lehrer am Maison de Heidelberg in Montpellier, dann Berater im Marketing des Max-Hueber-Verlags und Dozent an der Universität USTL und der ENSCM, seit 1988 Germanist im französischen Staatsdienst.

1991 Gastprofessor der Europäischen Union an der Universität Leipzig.

Seit 1992 Direktor des Fachbereiches Fremde Sprachen und Kulturen der Elitehochschule ENSEEIHT des Institut National Polytechnique de Toulouse. Daneben Mitglied des Aufsichtsrates der Hochschule, langjähriger Leiter der Germanistik-Abteilungen der SUPAERO und der ENSICA, sowie der Aufnahmeprüfungen der Concours Communs Polytechniques.

 

Neuere Vorträge und Veröffentlichungen

 

Vorträge 

 

 

2002

L’université française sur Internet ‘French Open University’  

congrès de l’UPLEGESS à l’ÉNSCP : l’espace européen, Paris 4.-6.06.2002

 

 

 

L’apport des enseignements en langues à la formation des ingénieurs GE/TH, organisme de liaison franco-allemand, congrès à l’INSA de Lyon 14/15.03.2002

 

 

2001

Les épreuves linguistiques des Concours Communs Polytechniques, conférence des grandes écoles, commission amont, Paris 21.11.2001

 

 

 

Le rôle de la langue allemande en France, interview à Radio France International, rédaction allemande, Paris 09.11.2001

 

 

 

La communication et l’interculturel, journée formation CERSIAT, centre de renseignements de l’Armée de terre, 27.06.2001, Le Fort du Kremlin Bicêtre

 

 

 

Grammatiklernen im kommunikativen DaF-Unterricht mit Erwachsenen, Kongress Universität Göttingen: Grammatik und Fremdsprachenlernen

 

 

 

L’éthique et l’ingénieur, amphi de rentrée pour les 350 élèves-ingénieurs de la première année de l’ENSEEIHT

 

 

 

Professionnalisation des programmes en langues dans les grandes écoles – les nouvelles demandes de l’industrie concernant la formation à la communication interculturelle, congrès de l’UPLEGESS à l’ENSIETA de Brest: Citoyenneté européenne

 

 

2000

L’éthique et l’ingénieur, amphi de rentrée pour les 350 élèves-ingénieurs de la première année de l’ENSEEIHT

 

 

 

Interdisciplinarité et transversalité dans les formations linguistiques des écoles d’ingénieurs, colloque INSA Toulouse et l’UTM : Professionnalisation des futurs cadres de l’Entreprise

 

 

1999

La perception de la relation franco-allemande par les futurs salariés de l’industrie aéronautique, soirée-débat pour le Club Franco-Allemand de Paris

 

 

 

International et déontologie : la mutation des ingénieurs, trois amphis de rentrée pour les 1000 élèves-ingénieurs de l’ENSEEIHT (exposé-débat)

 

 

 

Langues et relations internationales : deux activités au service l’une de l’autre, journée d’étude du CEFI (Comité d’études sur les formations d’ingénieurs) à Télécom Paris : l’enseignement des langues dans la formation d’ingénieurs

 

 

 

L’éthique, la toile, l’élève-ingénieur et l’équipe enseignante, congrès de l’UPLEGESS, INT Evry, congrès : transversalité et interculturalité

 

 

1998

Hitler, Meinhof, Schröder, séminaire, sur l’Histoire allemande dans le cadre du département culture de SUPAERO

 

 

 

Soirées culturelles de SUPAERO : Berlin entre réunification et réunion avec le Goethe Institut, animé par Yves Charnet, participant avec S. E. le Consul Général d’Allemagne M. Erwin STARNITZKY, Yves DELAGE, historien

 

Artikel 

 

2002

Communication et enseignement, publication prévue en septembre dans Les langues modernes, APLV, Paris, 28.000 caractères (c.)

 

 

 

L’euro, le management et l’allemand, Canal N7, 2/2002, ISSN 0986 5780, 9.000 c.

 

 

 

La Violence dans la Cité, avril 2002, http://www.e-avise.org, 50.000 c.

 

 

 

L’allemand… à découvrir d’urgence !, Les Echos, Paris, 21.03.2002, 5.000 c.

 

 

 

Plaidoyer pour l’allemand, Bulletin de l’ADEAF, 5/2002, 30.000 c., ISSN 68566

 

 

 

Mondialisation, terrorisme et dignité, http://www.e-avise.org, 1/2002, 9.500 c.

 

 

2001

L’allemand, langue de l’avenir, Libération, Paris, 2.11.2001, 7.000 c.

 

 

 

 

Également publié dans : Dernières Nouvelles d’Alsace, Strasbourg, 20.11.2001

 

 

 

Plaidoyer pour l’allemand, serveur Internet de l’ADEAF, 10/2001, 30.000 c.

http://www.ac-nancy-metz.fr/enseign/allemand/adeaf

 

 

1999

Communication, langues, enseignement, Canal N7 n° 48 et 49, 1+2/1999, ISSN 0986 5780, 73.000 c.

 

 

 

Interkulturalität im Management am Beispiel Deutschland - Frankreich, Fremdsprachen und Hochschule, n° 55/1999, Universität Göttingen, 36.000 c.

 

 

1998

De Calculatrices en Eléphants - Une expérience avec le logiciel de traduction “ globalink power translator pro 6.3 ”, Les Langues modernes, vol. 4/1998, APLV, Paris, 20.000 c.

 

Bücher 

 

 

2002

Paroles de Tuan, Prose, non encore publié

 

 

2001

DeLyrium, Gedichte, noch unveröffentlicht

 

 

2000

Noël, bébé d’amour, livre pour enfants, en cours de publication

 

 

1997

Grammatica pratica del TEDESCO dalla A alla Z, Editore Ulrico Hoepli, Mailand, 330 Seiten, ISBN 88-203-2397-4    

 

 

1997

Esercizi di grammatica TEDESCA, Editore Ulrico Hoepli, Mailand,

136 Seiten, ISBN 88-203-2398-2                                                                                    

 

 

1995

Exercices de grammaire allemande, Larousse-Bordas, Paris,

128 Seiten, ISBN 2-04-028086-3                                                                                    

 

 

1994

Grammaire alphabétique de l’allemand, Larousse-Bordas, Paris,

256 Seiten, ISBN 2-04-020933-6                                                                                    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


150.000 c.