Deutsch als Fremdsprache
Perspektiven
in Frankreich
Directeur du Département Langues et Cultures
de l’Institut National Polytechnique de Toulouse

Madame, monsieur,
Die Bereitschaft, die deutsche Sprache zu
erlernen,
geht in Frankreich stetig zurück:
In zwanzig Jahren ist die Zahl derer,
die Deutsch lernen, gar um die Hälfte
gesunken.
Wie kann man dieses Phänomen verstehen?
Welche Faktoren spielen eine Rolle?
Welche Akteure sind zu berücksichtigen?
Was kann getan werden, um dieser Tendenz zu
begegnen?
Dieses Memorandum versucht,
Antworten und Hilfen zu geben,
in der Hoffnung dazu beizutragen,
das unabwendbar Scheinende doch noch
abzuwenden,
dass nämlich Deutsch in den französischen
Schulen
in den
nächsten Jahren zur ‚langue rare’ wird.
Inhalt
Je me suis toujours défié des
affirmations de ceux qui disaient :
Les Allemands sont, après tout, des
hommes comme nous !
Cela n’est pas vrai à tous égards.
Georges Blondel,
Professeur à l’Ecole Libre des Sciences Politiques,
Le Triomphe
du Germanisme, Paris 1934
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Einleitung |
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1. Zu den Gründen
der mangelnden Attraktivität des Deutschen als
Fremdsprache (DaF) in Frankreich |
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Das Bild
Deutschlands als deutsches Bild |
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Das Bild
Deutschlands als französisches Bild |
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2. Maßnahmen zur
Verbesserung der Attraktivität des Deutschen in Frankreich |
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In den
Schulen |
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Im
Kulturleben |
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In den
Medien |
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In der
Politik |
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Gewichtung und Hierarchisierung |
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3. Statt einer
Zusammenfassung |
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Über den
Autor |
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Einleitung
Agir en primitif, prévoir en
stratège. René
Char
Dieses Memorandum zu den Perspektiven des Deutschen
als Fremdsprache in Frankreich ist auf Anregung des Botschafters der
Bundesrepublik Deutschland in Frankreich, Herrn Fritjof von Nordenskjöld, und
der Frau Generalkonsul in Bordeaux, Gudrun Lücke-Hogau, in recht rascher Arbeit
entstanden und das Werk eines Dilettanten.
Die Entscheidung für diese zügige Schreibweise frei
von der Leber weg und ohne strukturierte und methodische Vorüberlegungen, deren
wesentlicher Grund die leider große Zeitnot des Autors ist, erklärt den
manchmal eher stichwortartigen Stil und hat zum Nachteil, dass zahlreiche
Aspekte nur linolschnittartig angerissen werden. Andererseits wird der Text
aber auch dadurch schneller und unmittelbarer zugänglich, in der Kürze steckt
bekanntlich Maggi, nein Knorr, oder? Hat sich das früher nicht gereimt?
Ein Stil zwischen Glosse und Satire scheint mir für
diese Arbeit angemessen.
Da der Sinn dieses Textes – wie die Bereitschaft, die
dafür nötige Energie gutwillig zur Verfügung zu stellen – darin besteht, mein
Scherflein dazu beizutragen, die Situation des DaF in Frankreich zu verbessern,
möchte ich alle geneigten LeserInnen darum bitten, dafür Sorge zu tragen,
dieses Dokument einer möglichst großen und professionellen Leserschaft
zugänglich zu machen, in der Hoffnung, die dadurch freigesetzte Kritik möge das
Verständnis der Krise vertiefen und bessere Lösungen sichtbar werden lassen.
Bescheidenheit ist auch ein Ziel. Klingt ebenfalls nicht ganz perfekt!
Im Wesentlichen ist dies ein Meinungstext,
determiniert lediglich durch die unmittelbar zur Verfügung stehenden Gedanken,
die sich aus den Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre Arbeit ergeben. Nichts
wird durch Untersuchungen, Statistiken, Erhebungen, Quellenstudien untermauert.
Wenn so ein Vorgehen legitimierbar ist, dann sicherlich nicht wissenschaftlich.
Somit ist dies lediglich eine Schrift zum Nach- oder Andersdenken. Mögen
Berufenere das ihre tun, die Streu vom Weizen zu brennen. Oder war es kennen?
Öffentliche Meinung,
Medien, Lehrer-, Eltern- und Schülerschaft, Erziehungs-Ministerium, Akademien,
Rektorate, Inspektoren, CRDPs, CDDPs, deutsche Institutionen (Goethe Institut
Inter Nationes und die anderen Kulturinstitute, Robert-Bosch-Stiftung,
DAAD...), deutsch-französische (DFJW...) und französische Organisationen
(BILD...) sollen hier berücksichtigt aber auch gefordert werden. Wer im
Glashaus sitzt, werfe den ersten Stein. Klingt auch anders als sonst.
Früher schien vieles
anders. Gibt es deutsche Kultur in Frankreich bald nicht mehr? Wo ist hier
eigentlich der Schalter? Vieles wäre klarer. In diesem Sinne: mehr Licht!
Toulouse, am 13. Mai
2002
Alban Azaïs
L’Allemand est un théoricien qui applique
ses théories ;
le Français un théoricien qui ne les
applique pas.
C’est ce qu’on appelle, chez nous, avoir du
bon sens.
Auguste Detœuf
Propos
de O.L. Barenton Confiseur
Paris
1995 (1e édition 1932)
1. Zu den Gründen der mangelnden
Attraktivität des Deutschen als Fremdsprache (DaF) in Frankreich
Um es, der Klarheit wegen, gleich vorweg zu sagen: ich
bin der Meinung, dass die mangelnde Attraktivität des Deutschen in Frankreich
heute, die sich an den nun mindestens schon seit drei Jahrzehnten ständig
sinkenden Schülerzahlen festmacht, stark determiniert wird von und korreliert
ist mit den von den in Frankreich existierenden Bildern, Klischees, Stereotypen,
Schemata, Vorurteilen, Gemeinplätzen und anderen Banalitäten betreffend die
deutsche Sprache, den Deutschunterricht, die Deutschen und Deutschland, die
also so banal gar nicht sind, und ob ihres Einflusses eine detaillierte
Auseinandersetzung mit ihnen verdienen.
Diese Auffassung mag nun als eine naive belächelt
werden, die an den wahren Ursachen vorbeigeht, da das Deutschlandbild über
Jahrzehnte recht stabil geblieben ist, und sich eher zum Positiven gewandelt
hat, die Zahlen der Deutsch lernenden Personen aber eben doch sinken. Wie lässt
sich dieser Widerspruch erklären?
Dieses Argument ist in der Tat nicht leicht vom Tisch
zu wischen, und damit könnte man diese Diskussion beenden. Meines Erachtens
jedoch hat sich in der Zwischenzeit doch etwas nicht Unerhebliches gewandelt,
etwas, das man meist als "Welt" bezeichnet. Dieses Ensemble von
untereinander verflochtenen Wert-, Sinn-, Vorstellungs-, Handels- und vielen
weiteren Strängen schafft Interdependenzen, die eine so einfache Mechanik eben
nicht zulassen.
Zu den bedeutenderen Momenten in diesem Netzwerk der
Wirklichkeit zählt die gegenüber früher deutlich gestiegene Bedeutung der
Bilder in unserer Kultur, der Einfluss der Medien, besonders der des
Fernsehens, die Bedeutung der modernen Musik für die Jugend, die
Simplifizierung der dargestellten Welt in einem vom Marketing beherrschten
Universum primitivster – und damit stärkster – Bilder von manchmal
archetypischer Kraft. Siehe dazu den alten Jung.
Ein weiteres Argument lässt sich leicht gegen meine
These einwenden: In Deutschland besteht bekanntlich kein negatives Bild von
Frankreich, eher ein positives, mal abgesehen davon, dass die französische
Sprache auf der anderen Rheinseite auch als schwierig eingestuft wird. Nun
sinkt dort aber auch die Zahl derer, die Französisch lernen. Das oft eher
negative Deutschlandbild in Frankreich insgesamt ist daher von nur relativer
Bedeutung. Dieser Einwand ist durchaus berechtigt. Die Situation in Deutschland
kann ich jedoch nicht so gut einschätzen wie die in Frankreich, und mein
Kenntnisstand erlaubt mir nicht, darüber ein Urteil zu fällen. Meiner
Einschätzungen Frankreich betreffend fühle ich mich jedoch einigermaßen gewiss,
und von Land zu Land mögen durchaus unterschiedliche Faktoren eine Bedeutung
haben. Vor allzu schnellen scheinlogischen Schlüssen sollte man sich deshalb
hüten.
Auf dieser Überzeugung basieren die nachfolgenden
Betrachtungen.
Solange man sich in Frankreich in meist mehr oder
weniger intellektuellen deutsch-französischen bzw. Deutschland gegenüber
freundlich gesonnenen Kreisen, wie den Städtepartnerschaftssenioren bewegt,
oder auch im Grenzgebiet zum Nachbarland Bundesrepublik, scheint die Welt noch
relativ in Ordnung zu sein. Da trifft man dann auf ein ziemlich differenziertes
und auf recht genauen Informationen beruhendes Bild, das man ruhigen Gewissens
als angemessenen Kenntnisstand bezeichnen darf. Ich bin geneigt anzunehmen,
dass, je besser, präziser, umfangreicher der Wissensstand, um so kleiner die
Macht der Vorurteile etc. auf das betreffende Individuum.
Diese Idylle ist jedoch trügerisch, denn ganz
allgemein gesagt ist der Kenntnisstand der Franzosen über Deutschland – und
darauf möchte ich mich hier beschränken – erschreckend gering. Man kann so weit
gehen, schlicht von Ignoranz zu sprechen, ohne allzu sehr zu übertreiben.
Altbekannte Klischees beherrschen dann die mentalen Repräsentationen.
Seit Jahren bestätigt sich so in Umfragen, dass die
Deutschen der Franzosen beste Freunde sind, aber was beweist das schon? Glauben
Sie wirklich, dass es möglich ist, auf einem so ganz und gar abstrakten Niveau
von "Freundschaft" sprechen zu können? – Ja, werden Sie antworten.
Die Kontakte existieren. Es gibt doch auch den "Deutsch-französischen
Freundschaftsvertrag", da steht es doch schwarz auf weiß! Ja eben.
Selbst Personen, die zehn Jahre in der Schule Deutsch
gelernt haben, wissen praktisch nichts über die Kultur – diesen Begriff
verwende ich hier im Sinne des französischen civilisation – des
Nachbarn, und ihr Halbwissen ist auch nur Nährboden für Gemeinplätze. Ein
Beispiel? – Ich nehme seit vielen Jahren die mündlichen Aufnahmeprüfungen für
die Elitehochschulen in Paris ab (concours communs polytechniques) und
spreche dort mit Hunderten solcher Studenten aus ganz Frankreich.
Als Soziologe führe ich meine Statistiken und habe
einige Standardfragen, die ich kurz am Ende der Prüfungen stelle: „Welche
Themen haben Sie im Deutschunterricht in den letzten zehn Jahren interessant
gefunden, welche nicht, und welche überhaupt nicht?“ – Erraten Sie die
Standardantwort schon? – „Also überhaupt nicht den Krieg, Gastarbeiter,
Neonazis und Umweltverschmutzung. Was Positives fällt mir im Moment nicht ein.“.
„Gut. Haben Sie sich im Deutschunterricht der letzten Jahre viel mit
Ökologie und Umwelt beschäftigen müssen?“ – „Ja, viel zu viel.“ – „Gut.
Haben Sie eine Erklärung dafür, warum ihr Deutschlehrer so viel zu diesem Thema
gearbeitet hat?“ – „Na ja, äh, das ist eben ein Grüner.“ Von Kultur
keine Spur. Und das bei den Schülern, die Deutsch als erste Fremdsprache lernen
mussten – denn gewählt hatten es nur die wenigsten –, und die damit zu den
"Deutschlandkennern" in Frankreich gezählt werden dürfen.
Ein Wort zur Vorwarnung: Ich möchte hier ganz offen
meine Meinung sagen, da lässt sich eine gewisse Schärfe, Kälte und Ironie,
nicht ganz vermeiden. Als Idealist muss man manchmal mit einer Dosis Zynismus
zusammen leben. Die Realität mit ihren Frustrationen scheint so etwas
erträglicher. Vielleicht findet die Leserschaft einiges übertrieben; das ist es
meiner Auffassung nach nicht – überspitzt vielleicht, aber die klaren Züge
einer Karikatur enthalten oft mehr Wahrheit, als differenzierte Betrachtungen.
Einiges mag wie Chuzpe klingen (hier schreibt der Spiegel-Leser), aber das ist
normal bei Jungs vanne Waterkant, die beständig gegen eine steife Brise
zu kämpfen hatten. Human ist eben, wenn man trotzdem lacht.
Wer sich über die positiven Aspekte im Bereich der
deutsch-französischen Zusammenarbeit informieren möchte, lese dazu die auf dem
Server der Deutschen Botschaft in Paris herunterladbaren Reden des Vertreters
der Bundesrepublik, Herrn Fritjof von Nordenskjöld, vom 27. November und vom
18. Dezember 2001.
http://www.amb-allemagne.fr/botschaft/starter.htm
Ist es nicht bezeichnend, dass fast 100% der
Studenten, die seit fünf bis zehn Jahren Deutsch gelernt haben, wenn sie zu uns
auf die Hochschule kommen, und ihnen ein Satellitenfoto von Europa oder eine
schematische Europakarte gezeigt wird nicht in der Lage sind, Deutschlands
Grenzen mit einiger Genauigkeit zu zeichnen? Das so gefundene Deutschland hat
oft die Grenzen des Großdeutschen Reiches, zudem existiert Dänemark dann nicht,
manchmal beschränkt es sich auch auf ein Gebiet zwischen NRW und Bayern. Unsere
Studenten gehören, das sei hinzugefügt, zur "Elite der Nation". Was
ist dann in den Köpfen derer, die keine "Germanisten" sind, und nicht
zur "Bildungselite" gehören?
Denk ich an Frankreich in der Nacht...
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Das Bild Deutschlands
als deutsches Bild
Mit der
Wiedervereinigung und dem Ende der Bonner Republik ist Deutschland in eine
Identitätskrise geraten, die vielfältige Folgen und Konsequenzen hat.
So ist der Motor Europas, die deutsch-französische
Partnerschaft, erst einmal kaputt. Vielleicht für immer. Aber hoffentlich
nicht. Diese deutsch-französische Partnerschaft, zusammen mit der Begeisterung
für den Europagedanken nach den erschütternden Realitäten des Zweiten
Weltkrieges, die Aus-söhn-ung (über die Söhne und Töchter) und
Wiedergutmachung, all dies war die Energie, aus der das Erlernen des Deutschen
sich auch speiste.
Macht ist auch immer ein zentraler Moment solcher
Realitäten. Die Prädominanz des Englischen, als Ausdruck der Vormachtstellung
der USA, ist in den letzten Jahrzehnten immer stärker geworden.
Traditionen verlieren sich. Lange war es einer weiten
Bevölkerungsschicht in Frankreich selbstverständlich, Deutsch zu lernen, aus
allerdings unterschiedlichen Gründen:
u Eltern mit hohen Ansprüchen an
ihre Kinder ließen sie Deutsch lernen, um "in bessere Klassen" zu
kommen, ein Rezept, das lange tatsächlich funktionierte.
u Für Offiziere war es lange
obligatorisch Deutsch zu erlernen, damit sie Deutschland nach der Besetzung
besser verwalten könnten.
u Die deutschen Philosophen
hatten einen entscheidenden Einfluss auf Frankreichs Elite, zunächst die
Klassiker, nach dem Zweiten Weltkrieg besonders Heidegger auf die Existenzialisten
und literarischen Trendsetter um Sartre. – Der neue Erziehungsminister Luc
Ferry ist Philosoph und Kantianer.
u Das deutsche Kino konnte bis
Fritz Lang faszinieren, seitdem nur sporadisch.
u Die deutsche Musik war so lange
tonangebend, wie es nur die Klassiker gab.
u Deutsche Literatur ist so gut
wie unbekannt geblieben, abgesehen von Goethe bis vor vielen Jahrzehnten. Der
meistgelesene Autor seitdem ist Jünger, dessen Stahlgewitter kein attraktives
Deutschlandbild abgibt. Vielgelesen auch Süskind mit einem in Frankreich
spielenden Roman, von dem viele Leser allerdings ignorieren, dass er seine
Bücher in Deutsch verfasst, was übrigens auch für Kafka gilt, der zwar bekannt
ist, jedoch nicht der deutschen Kultur zugezählt wird.
u Zwischen Bismarck und Hitler
waren die deutschen Natur- und Sozialwissenschaften Weltspitze.
Was für ein Bild gibt Deutschland heute von sich in
Frankreich? – Zunächst einmal gar keines! Jedenfalls keines, das der Realität
entspräche. Sonst wäre vieles anders. Dieses gar keines will also
besagen, dass das real existierende neue Deutschland, die Bundesrepublik, nicht
präsent ist in der Öffentlichen Meinung, und wenn, dann sehr viel schwächer als
es dem größten Nachbarn Frankreichs entsprechen könnte und sollte, und dies
zudem in einem Zerrspiegel.
Nachdem Deutschland bis in die 80er Jahre täglich zitiert
wurde und in den Medien ständig alle Daten fast krankhaft mit denen
Deutschlands abgeglichen wurden, ist diese (Un)Sitte verschwunden. Dies liegt
einerseits an den besseren Eckdaten Frankreichs, andererseits an einer
allgemeineren Emanzipierung Frankreichs Deutschland gegenüber.
Trotzdem kann Vieles nicht gemacht werden, damit es nicht
so aussieht, als würde man Deutschland kopieren. Zum Beispiel das Modell für
die Zukunft Europas darf nicht föderalistisch sein, sonst wäre Europa deutsch.
Wie es anders geht, weiß man allerdings nicht so genau. Die Diskussion um eine
neue Verfassung in Frankreich wird immer brennender, aber wie könnte die 6.
Republik aussehen, wenn nicht ein bisschen wie eine Kopie des Grundgesetzes?
Nicht akzeptabel. Der Schatten dieses ständigen Vergleiches mit Deutschland
liegt also noch über Frankreich, aber er drückt nicht mehr so auf das Ego.
Deutschland wird nicht mehr bewundert, weil es nicht mehr das Wirtschaftswunderland
ist, sondern nur noch ein Land unter anderen.
Deutschland, dieser mit seinen mehr als 80 Mio Einwohnern
größte Nachbar Frankreichs, ist so gut wie unsichtbar geworden und liegt
psychologisch und emotional in weiter Ferne.
Psychologisch nahe liegen etwa die USA und
Großbritannien, emotional Spanien und Italien.
Seit einiger Zeit gibt es im Radio, im Fernsehen
europäische Sendungen. Da treffen sich meist lustige Quasselrunden, oder es
gibt auch mal interessante Reportagen. Sympathie wird dort für Deutsche aber
nicht geweckt, sich über sie lustig gemacht, oft auf ziemlich gemeine und quasi
rassistische Weise, dagegen schon. Schweden hat es da besser, England, Spanien,
Italien brauchen sich keine Sorgen zu machen, ihr Image ist intakt.
Eine erwähnenswerte Ausnahme ist die Sendung Dessine-moi
l’Europe von Pierre Thivolet am Samstag Abend von 18h05 bis 19h00 Uhr auf
Europe 1.
Die Attraktivität der anderen Länder erklärt sich
einerseits vielleicht historisch, andererseits aber doch auch über die
Kulturprodukte, die eine wahre Anziehungskraft ausstrahlen. Englische Pop- und
Rockmusik ist immer noch ein ausgezeichneter Vektor, der spanische Film ist es
mit Almodovar inzwischen auch, spanische Musik wird auch in Frankreich
produziert – von den Gypsie Kings bis Manu Chao – und findet ein
Millionenpublikum (Me gusta marihuana, me gustas tu), Movida ist ebenso
in wie Pasta und Pizza; Sauerkraut stößt auf deutlich weniger Erfolg. Trendy
Technology ist japanisch oder amerikanisch. Neuerdings auch finnisch. „Sag,
okidoki?, ja, zu No-ki-a“.
Deutschland hat dem nichts entgegenzusetzen. Es gibt
keine Kulturprodukte, die ganz allein ihren Weg finden und sich auf dem Markt
durchsetzen. Von Marktleadership und Trends setzen ganz zu schweigen. Das
fehlt.
Es besteht kein
Widerspruch zwischen dieser Analyse und der scheinbar gegensätzlichen, wie wir
sie in der Presse finden:
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L’Allemagne selon Baudecroux
Persona non
grata en Allemagne, où il peine à se
développer, le patron de NRJ, Jean-Paul Baudecroux, (…) dénonce l’invasion
du paysage musical français par la
concurrence allemande, incarnée par M 6 Music, Fun TV, Fun Radio et RTL 2,
toutes filiales de Bertelsmann. « Un rouleau compresseur auquel
il convient d’ajouter, dit-il, les activités du géant BMG, la major musicale
de Bertelsmann. » L’Express 4/4/2002, S. 22 |
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Von "Invasion" ist hier die Rede, und von
"Walze" – ebenso gut hätte hier "Panzer" stehen können.
Doch Fun, M6M oder RTL transportieren und favorisieren keine interessanten
Kontakte mit deutscher Kultur, die zudem noch Vorurteile zerstreuen könnten.
Dabei wird Herr Baudecroux gleich zu Beginn vorgestellt
als persona non grata in Deutschland, damit man schon mal aufgebracht
ist. Am Ende soll man dann so richtig entrüstet sein: wir Franzosen dürfen
nicht nach Deutschland, aber die führen schon wieder einen Anschluss
durch, da haben sie ja einige Erfahrung...!
Deutsche Literatur? Unbekannt. Deutsche Musik? Da lacht
man doch nur und denkt an bayrische Blasmusik. Und wenn jemand wirklich mal auf
die Idee kommt und schaut sich im ZDF per Kabel oder Schüssel Sendungen an, bis
er auf eine Musiksendung stößt, dann sind das diese unglaublich dummen
deutschen Schlagersendungen, womit das Vorurteil zum Urteil sich wandelt. Und
vollstreckt wird.
Nena hatte seinerzeit einigen Erfolg in Frankreich,
Falco, Frau Hagen, aber das ist, mit Verlaub, Schnee von gestern. Die heute
wahrscheinlich bekannteste Gruppe aus Deutschland ist Rammstein, aber deren
Texte können Vorurteilen nicht wirkungsvoll begegnen. Zitate!

Die wohl umstrittenste
Band Deutschlands seit den Wildecker Herzbuben kommt aus Ost-Berlin. (...)
Mancher fühlt sich an die Fackelzüge der Nazis und die Bilder Leni Riefenstahls
erinnert.
(http://www.laut.de/wortlaut/artists/r/rammstein/)
Ihre von Feuer und strenger Ästhetik
bestimmten Auftritte sind auch hier zu Lande manchem ein Dorn im Auge. Dennoch
ist das Bild, das die Deutschen sich von Rammstein machen, recht differenziert.
Anders in den USA. Dort gelten die Ost-Berliner spätestens seit ihrem
umstrittenen Riefenstahl-Video als Provokateure mit deutlicher Affinität zum
Faschismus.
Dabei bezieht sich
MTV u. a. auf die Diskussion, die in den USA nach dem Massaker mit 15 Toten und
23 Verletzten in einer kleinstädtischen High School im US-Bundesstaat Colorado
geführt worden waren: "Attentäter waren Rammstein-Fans", lauteten
damals die Schlagzeilen. Zuvor hatten Rammstein bereits wegen ihrer Verwendung
von Bildmaterial von Leni Riefenstahl in dem Video zu "Stripped" vor
allem von angelsächsischer Seite heftige Kritik einstecken müssen.
Den Schaden hat
nicht nur die Band. In der oben genannten Newsgroup wundert sich jemand, dass
die deutsche Sprache so autoritär klinge. Armin weiß,
warum das so ist: "what? german words like heil and sieg and du hast and
bratwurst and rammstein and volkswagen and others are very much authoratative
an they sound so good when being chanted along with stomping and shouting and
drinking and shooting of the fireworks dont you agree?"
(http://www.laut.de/vorlaut/stories/2001/01/25/01409/index.htm)
Mit der Verwendung von Filmen Leni Riefenstahls, die seinerzeit zur
Nazi-Propaganda dienten, habe man lediglich ein künstlerisches Statement
abgeben wollen, kein politisches. So weit, so naiv.
(http://www.laut.de/vorlaut/news/00524/index.htm)
Deutsches Kino? Fehlanzeige. Spitzfindige werden mit
ironischem Lächeln Wolfgang Petersen zitieren, Roland Emmerich und andere
Hollywood-Größen, die auch nur Standardware drehen. Derrick? – Das reicht
nicht, um die deutsche Kultur über die Welt strahlen zu lassen, wie Molière
z.B. es seit einiger Zeit schon in der Welt versteht...
Früher gab es mal einen, der hieß Rainer-Werner
Fassbinder, neben Volker Schlöndorff, dann Wim Wenders usw., aber der Neue
deutsche Film ist tot.
Wim Wenders ist direkt in die Universalität der
Weltkultur übergegangen und wird gar nicht mehr als Deutscher wahrgenommen, was
abstrakt gesehen natürlich kein Problem ist, den in Frankreich um ein positives
Deutschlandbild Besorgten aber ein Argument weniger lässt. Dies gilt, mutatis
mutandis, auch für die klassische Musik, von der man zwar weiß, dass die
Komponisten dem deutschen Kulturkreis zugehörten, was auf das Bild dieser
Kultur allerdings nur sehr vage positiv sich auswirkt. Aber das Thema war Kino.
Im Vergleich zu Asterix
und der fabelhaften Amélie hilft kein Schuh des Manitu und auch kein Kleines
Arschloch. Alle vier Filme zählen zu den größten Publikumserfolgen der letzten
Jahre.
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www.film .de DER SCHUH DES MANITU Bewertung: einfach total
cool also ich hab den Film von vorne bis
hinten genossen und würde ihn auf jeden Fall noch ein 8. oder 9. Mal gucken.
Ich denk mal, der Film is nichts für Leute, die völlig auf Filme, wo die
Handlung auch in Realität passieren könnte, stehen. Aber ich finde so
anspruchslos, wie der Film war, so cool und lustig war er wieder...! |
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Die Comics von Walter Moers sind, was
landläufig als Kult bezeichnet wird. Ob Drogen, bizarre Sexpraktiken oder
körperliche Unzulänglichkeiten - nichts und niemand ist vor dem
publicity-scheuen Zeichner sicher. Ein gefundenes Fressen für alle
Moers-Fans, das besonders Helge Schneider als Sprecher des "alten
Sacks" zu einem echten Höhenrausch inspirierte. Auch Kritiker des
kauzigen Komikers müssen vor der dargebotenen verbalen Leistung ihren Hut
ziehen, die den schrillen Film zu einem wahren Highlight werden lässt. Oliver Zimmermann |
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Dies heißt natürlich nicht, dass es keine aktuellen
deutschen Bücher, Filme und Musik gäbe, die es nicht wert wären, beachtet zu
werden. Aber diese Produkte haben es in Frankreich noch schwerer als deutsche
Autos, vom Markt angenommen zu werden. Da liegt der Haken im Feuer. Will man
das Eisen aber schmieden, muss es herausgenommen werden und bearbeitet.
A propos Eisen: lange Zeit besaßen deutsche Autos einen
hervorgehobenen Status und waren im Durchschnitt von besserer Qualität als die
französischen, aber auch diese Zeit ist vorbei. Nur im Bereich der Oberklasse
gibt es, abgesehen vom Preis, noch signifikante Unterschiede, aber
Luxusschlitten verkaufen sich in Frankreich sowieso kaum. In dieser Klasse
werden mehr als 2/3 der in Europa verkauften Wagen in Deutschland abgesetzt;
nur die USA haben einen größeren Markt.
Wenn ein positives Image Deutschlands sich also lange auf
die überlegenen Industrieprodukte stützen konnte, gehört diese Zeit der
Vergangenheit an. Frankreich wird sogar jetzt manchmal Führungskraft, wie der
Wirbel um die HDI-Motoren von PSA zeigt: Die deutsche Autoindustrie hat Ende
2001 einen Prozess gegen Peugeot angestrengt, weil in einer Werbung behauptet
wurde, die Abgase des 607 Diesel seien praktisch rußfrei, dank eines besonderen
Filters und Katalysators. Laut deutscher Autoindustrie sei dies unmöglich, wie
es der Verband durch die Medien tönen ließ. Aber eine große Schnauze macht noch
keinen Frühling, und die deutschen Automobilbauer verloren den Prozess, zur
stolzen Schadenfreude der befreundeten Industriegruppe aus dem Nachbarland.
PSA ist nun sogar auf dem besten Wege, VAG den Rang als
größter Automobilbauer Europas abzulaufen. Im letzten Jahr hat sich der Abstand
des Marktanteils zwischen den beiden Klassenbesten von 5 auf 3 Prozentpunkte
verkleinert. Bald dürfte – cocorico – also der Franzose Europa dominieren...
Selbst in seiner traditionellen domaine d’excellence ist Deutschland
demnach im wahrsten Sinne des Wortes überholt.
Ehrlich gesagt wissen Wirtschaftsfachleute, dass simple
Industrie out ist, und intelligenter Service in. Und in Sachen Dienstleistungen
liegt Frankreich eh vorn. Deutschland bleibt nun mal hoffnungslos traditionell.
Die Flugzeugindustrie bringt es auch nicht, denn niemand
weiß hier in Frankreich, dass Airbus Industrie auch deutsch ist, abgesehen
vielleicht von Toulouse, wo man aus verständlichen Gründen besser informiert
ist. Ein A380 ist in Frankreich französisch, in Deutschland Mercedes.
Im Gespräch mit Spezialisten wird dann finassiert. Was
machen denn die Deutschen eigentlich bei Airbus, hmm? – Ja, die Rumpfteile und
den Innenausbau, also das Simpelste, das Primitivste. Die Briten machen
Kritisches – die Flügel und Motoren, die Franzosen auch Motoren, und wer macht
das Intelligente, die Pilotenkanzeln und Steuerungen? Na, die Franzosen eben. Na also. Woran das historisch liegt, ist
doch Nebensache. Peanuts. Wohl bekomms.
Ariane ist auch französisch, schließlich kommt sie aus
Toulouse (CNES) und startet aus Französisch Guyana. Mehr Beweise braucht man
doch wohl nicht! Übrigens ist es nicht
viel besser für das Image Deutschlands mit Spezialisten zu reden, die die
Geschichte der Ariane genau kennen. Denn die wissen dann, dass der Motor von
Ariane IV Viking heißt, und seinen arischen Namen seinem Projektleiter
verdankt, der zu der Naziclique um Werner von Braun gehörte und London zerstörte.
Auch die europäische Trägerrakete
basiert auf der V2. Augenzwinkern.
Zwischen den Kriegen gab es noch die deutschen
Nobelpreisträger, deren Entdeckungen faszinieren konnten, und viele Leute
Deutsch lernen ließen, aber das ist auch vorbei.
Nur als Sprache für Dompteure in aller Welt hat Deutsch
sich gehalten, aber erstens ist es das positivste Image nicht, es als die
Sprache zu sehen, die am besten für den Umgang mit wilden Tieren geeignet ist,
und zweitens ist der Markt begrenzt. Schon Voltaire schreibt übrigens aus
Berlin in einem bekannten Brief: „Alle Welt spricht hier Französisch, nur
mit den Pferden spricht man Deutsch“.
Die deutsche Kultur schafft es also im Moment nicht, aus
eigener Kraft auf dem französischen Markt präsent zu sein. Die politische
Schiene versagt. Das Wirtschaftswunderland und das Land der Wissenschaften
gehören der Vergangenheit an. Sloterdijk ist nicht Nietzsche, aber das wussten
wir schon. Moderne Kunst interessiert die breite Masse nicht. Architektur
ebenso wenig. Außerdem ist Frankreich jetzt Fußballweltmeister, na also!
Übrigens hat die Tatsache, dass Deutschland bei den letzten Winterspielen den
ersten Platz belegte, absolut keinen Effekt gehabt in einem inzwischen recht
sportbegeisterten Frankreich. Sport ist also auch kein Vektor, Begeisterung für
Deutschland zu wecken, was letztlich nicht weiter erstaunt. Ersatz bleibt
Ersatz.
Muss man über das Wetter sprechen? Jein. Daran allein
kann es auch nicht liegen, schließlich genießen die skandinavischen Länder ein
besseres touristisches Image als Deutschland. Aber wer reif für die Insel ist
und dort seine Seele mal so richtig baumeln lassen will, der fliegt nicht ins
Sauerland.
Was bleibt?
Die Realität. Dass nämlich Deutschland Frankreichs
größter Handelspartner ist, und die wirtschaftlichen Verknüpfungen es geradezu
verlangen, dass die Franzosen Deutsch lernen. Die voranschreitende
Globalisierung und Integration Europas, die erahnen lässt, dass diese Tendenz
sich verstärken wird. Die Tatsache, dass man sich mit Englisch nicht von
anderen Kandidaten abheben kann, da alle dies sprechen können müssen. Und
anderes in diesem Stil. Alles richtig, aber nicht bekannt und auch zu
vernünftig. Vernunft ist bei Descartes nicht immer gefragt, hat mir sein
Graphologe anvertraut.
Es ist nicht schwer, ausgezeichnete Beispiele von
deutsch-französischer Zusammenarbeit im wirtschaftlichen Bereich zu geben, und
die gegenseitige Bedeutung für die beiden jeweils wichtigsten Handelspartner
mit Zahlen zu untermauern, wie ich es an anderer Stelle bereits getan habe.
Mit Realität jedoch scheint in einer Welt von
Videospielen nur wenig Staat zu machen zu sein; Handelsbilanzen sind eben doch
für viele Leute deutlich weniger attraktiv als Lara Croft.
Direkte Kontakte, zwischenmenschliche Beziehungen. Das
ist doch was Konkretes. Sicher, aber die über 2.000 Städtepartnerschaften sind
größtenteils ausgelutscht. Nach der Konsumgesellschaft das Diktat der
Fernbedienung: zapping ist Lebensart, und to zap heißt to kill.
Zappenduster?
Vor vielen Jahren habe ich, im Kontakt mit Raymond Aron,
einmal nachgeforscht, wann die persönlichen Beziehungen zwischen Deutschen und
Franzosen eigentlich am intensivsten waren. Die zugänglichen Statistiken im
INED, INSEE, an der EHESS, in der BN, im Innenministerium usw. zeigten: Kriege
und Hungersnöte sind der Zeitraum, in dem die persönlichen Kontakte am
häufigsten, am intensivsten sind und auch am längsten währen. Das zeigt sich an
Aufenthaltsgenehmigungen, Heiraten, Staatsangehörigkeiten.
Aus dieser Feststellung sollte man jedoch keine falschen
Schlüsse ziehen, zumal die deutschen Soldaten jetzt um 18 Uhr zum Abendessen
bei ihren Angetrauten zu erscheinen haben! Aber zu notieren bleibt, dass all
das Geld und die Energie, die in die deutsch-französische Freundschaft gesteckt
wurde, bislang weniger "Ertrag" gebracht haben als etwa das
Rugbyspiel zwischen Irland und Frankreich, was allerdings nicht subventioniert
wird.
Nach dem letzten Weltkrieg gab es vielleicht noch so
etwas wie die dunkle Faszination für die Macht Deutschlands, ein Land, das fast
allein gegen die Welt stand und teilweise so wirken mochte, als hätte es
tatsächlich siegen können. Macht fasziniert immer, denn sie zwingt alle, sich
ihr gegenüber zu definieren. Damit wird sie Teil auch derer, die ihr
entgegenstehen. Man sieht diese möglicherweise perverse, sicher aber
aberwitzige Situation zum Beispiel bei der Bedeutung des Holocaust für die
jüdische Identität heute. Übervater Hitler. Kein Fall für Sigmund.
Das Wirtschaftswunderland konnte faszinieren, man konnte es
beneiden. „Was, denen geht es schon wieder so gut? Man könnte sich fragen,
wer hier eigentlich den Krieg verloren hat!“ Das Modellland eines capitalisme
rhénan, mit seiner cogestion à l’allemande, seinem unvorstellbaren
Reichtum an Sozialleistungen war ein massiv anziehendes Bild, solange es
alleine stand. Heute ist dies teils zur sozialen Hängematte für Hunderttausende
Schwarzarbeiter verkommen, teils zu Tröpfchenfusion (BaFöG) verkümmert, in
jedem Fall jedoch kein Vor-Bild mehr für Frankreich, das sich Deutschland in
diesem Bereich oft sogar überlegen fühlt, auch wenn dazu – historisch – wenig
Grund besteht. Schweden hat inzwischen für Sozialleistungsorientierte
Deutschland vom Spitzenplatz längst verdrängt.
In den letzten Jahrzehnten hat sich allerdings einiges
geändert, von der Qualität des Gesundheitssystems – Frankreich ist laut WHO
Weltspitze –, der Rente mit 55 bis 60 für Staatsdiener, das RMI (Sozialhilfe,
1985 von Michel Rocard eingeführt) und nun die 35-Stunden-Woche, mittels derer
Jospin sicher war, zum Präsidenten gekürt zu werden. Aber so einfach lässt sich
ein Franzose eben nicht bestechen!
Es ist erstaunlich, wie wenig klar die schiere Größe und
Bedeutung der deutschen Wirtschaft in Europa allgemein bekannt ist.
DeutschlehrerInnen, die, in diesem Bereich mit vagen Kenntnissen gewappnet, den
Umfang der deutsch-französischen Handelsströme und Verflechtungen ansprechen,
um der deutschen Sprache zu Werbezwecken irgendwie doch noch ein Interesse
abzugewinnen, verstummen schnell, wenn die Eltern oder Kollegen dann rasch und
höhnisch reagieren, indem sie die Schlagzeilen und andere Informationen
zitieren, die den Untergang Deutschlands beweisen: Entlassungen,
Arbeitslosigkeit, Konkurse. Das dies nicht die deutsche Wirtschaft in ihrer
Gesamtheit betrifft, ist schwer vermittelbar. Deutschland ist eben auch nicht
mehr das, was es mal war.
Die betriebliche und die paritätische Mitbestimmung,
lange als Demokratie in der Wirtschaft gefeiert, ist nun im Rahmen des raueren
Windes der Globalisierung in Bedrängnis geraten und wirkt in dieser fröstelnden
Stimmung plötzlich anfällig und tuberkulosegefährdet. Reaktivität ist jetzt
gefragt, keine Mitbestimmungsbürokratie. Der Weltwirtschaftskrieg wird darüber
richten, wer verdient, zu überleben. „Haben Sie doch Vertrauen zu mir“,
sagte der Banker, bevor er aus dem Fenster sprang. Nein, nein, keine Angst, war
nur ein Ulk.
Das Hausbankprinzip mit der für wasserdicht gehaltenen
Abschottung nimmt in dieser rauen See nun plötzlich Brecher über Brecher. Erst
fällt Holzmann (Schuster, bleib bei deinen Leisten!), dann Citizen Kirch.
Schadenfreude macht sich breit. Und das ausländische Kapital setzt sich
plötzlich nun auch in Deutschland durch. Mobilcom, Preussag, Kirch out. Berlusconi, Maxwell, France
Télécom in. Gong! Nächste Runde. Frei handelbare Aktien machen Unternehmen
anfällig für feindliche Übernahmen. Die nächste Krise kommt bestimmt. Ein
Ausverkauf an Haie ist nun denkbar. Noch ist DaimlerChrysler der Stolz der
Schwaben und der ihnen befreundeten Stämme, aber auch dieses Symbol könnte
eines Tages fallen.
Die Streikstatistiken in Frankreich sind seit Jahrzehnten
massiv rückläufig und inzwischen auf historischen Tiefstständen angelangt. In
Deutschland war eine parallele Tendenz nicht zu erkennen, weil nicht möglich.
Wo nicht gestreikt wird, kann die Statistik auch nicht rückläufig sein. Wo
Franzosen sich früher nach "deutschen Zuständen" sehnen konnten, in
einem idyllischen Land ohne soziale Konflikte, wo der Arbeitnehmer dennoch
ständig mehr Reallohnzuwachs erreichte als sein hartnäckig streikender
französischer Kollege, haben die Unterschiede sich angeglichen. Auch hier ist
Deutschland kein Modell mehr.
Nachdem nun die letzten Klarheiten beseitigt sind, werden
Sie fragen, ob die in Frankreich präsenten deutschen Unternehmen nicht ein
erwähnendes Wort verdienen. Da haben Sie natürlich ganz recht. Von einigen
haben wir ja schon gesprochen.
Die übrigen teilen sich in bekannte und unbekannte. Bei
vielen weiß sowieso niemand, dass es sich um deutsche Unternehmen oder Produkte
handelt (Geo, Nivea, le chat, Quelle, Tesa, Uhu, Montblanc, Haribo, France
loisir, adidas, Puma, Gardena...), andererseits können auch französische,
schweizerische, österreicherische, italienische oder japanische Firmen und
Handelsmarken als deutsch gelten (Schneider, Kärcher, Blaupunkt, sel, dual,
braun, Herta, Hugo Boss, Telefunken...).
Von der Gruppe Ganz ist
bekannt, dass sie deutsch ist, aber es verhält sich da wie mit den oben
erwähnten Ablegern der Bertelsmänner und den anderen Erzeugnissen: die Produkte
werden nicht mit Deutschland in Verbindung gebracht und verhalten sich, in
Bezug auf die Vorurteile und das Deutschlandbild, neutral. Wer mit Uhu klebt,
wird auch nicht weise.
Da sind die
Haushaltsgeräte schon sehr viel aktiver, und das sollen sie ja auch. Siemens,
Bauknecht, Gaggenau, Miele, Bosch und Krups – in der Küche sind die Boschs und
Krups nämlich willkommen und lösen plötzlich gar keine bösen Erinnerungen mehr
aus (den Unterschied zwischen Krupp und Krups kennt hier niemand). Das steht
hier durchaus nicht, um Deutschland Honig um den Bart zu schmieren. Deutsche
Qualitätsware, immer etwas teurer, ist auch hier gefragt, um seinen Status und
sein Selbstwertgefühl zu heben. Ein Staubsauger von Miele ist nämlich billiger
als ein Porsche, aber da verrate ich Ihnen vielleicht kein Geheimnis, und er
saugt auch besser. Dabei mache ich hier durchaus nicht madig, was in Germany in
ist. Richtig. Made in Germany ist immer noch bekannt und gilt weiterhin
als Garantie für Solidität.
Dieses Bild solider
deutscher Produkte wird auch von anderen Herstellern gestützt: Solingen kann
stabil klingen (und die stellen sie ja auch her), Optikfans kennen Zeiss,
Leica, Minox, Edelware liefern auch Jill Sanders oder Joop!. Aber der
schnellste Zug der Welt ist der TGV, Paris Synonym für haute couture,
Guy Degrenne auch nicht von schlechten Eltern, und der HDI Motor von PSA bleibt
rußfrei.
Wie bitte? Chauvinismus?
In Frankreich? Nein, da liegen sie falsch. Das sind ganz sachliche
Feststellungen. Man wird sich ja wohl nicht dafür entschuldigen müssen, der
Beste zu sein! Das wäre ja noch schöner! Sind Deutsche denn zudem auch noch so
schlechte Verlierer? Jetzt enttäuschen Sie schon wieder.
Nach Wirtschaftskrise, Gastarbeiterproblemen und
Asylantenproblematik ist Deutschland immer mehr mit einer restriktiven
Immigrationspolitik aufgefallen, und hat sich damit in eine randständige
Position gegenüber historischen Tendenzen begeben. Aber gehen wir zunächst
einen Schritt zurück.
Welche Werte sind gegenwärtig und werden in den nächsten
Jahren die die Gesellschaft bestimmenden Leitwerte sein? Welche Werte sind
nötig? Welche in Mode?
In der französischen Jugend, die sich im Moment, das
gehört halt dazu, in einer identitätsbildenden Phase befindet und in der
Anti-Le-Pen-Bewegung ihr "68", ihren "Kriegersatz" erlebt,
was sie für ihr Leben formen wird, scheint der entscheidende Wert der
Antirassismus zu werden, eine noble und begrüßenswerte Haltung,
gesellschaftlich sinnvoll und nötig, in Hinblick auf die für die in der Zukunft
erwarteten Veränderungen im Rahmen der weiter steigenden Internationalisierung
einerseits und der schwachen Demographie in Europa, die in den nächsten Jahren
eine neue Immigrationswelle nötig machen wird, andererseits.
Doch dieses Phänomen betrifft nicht nur die Jugend. Bei
den Anti-Le-Pen-Demonstrationen zum 1.
Mai 2002 habe ich viele Leute angesprochen, um zu erfahren, was ihnen dieser
Tag bedeutete, und viele haben mir geantwortet, dass sie das Gefühl hätten,
endlich "ihr '68" zu erleben, weil sie damals zu jung waren. Auf die
Frage, ob sie an der letzten großen Demonstrationswelle 1995/96 gegen Juppé
teilgenommen hatten, antworteten sie mit ja, aber der Unterschied zu den
Ereignissen Le Pen betreffend erschien ihnen verständlicherweise historisch.
Die Neofaschisten um Le Pen und der Kampf gegen sie sind also identitätsbildend
für eine große Zahl von Franzosen zwischen 15 und 50.
Dies kann der Attraktivität des Deutschen nur abträglich
sein. Warum?
u Erstens ist durch den
Präsidentschaftswahlkampf der Faschismus, der Nationalsozialismus und
Hitlerdeutschland wieder ins Rampenlicht gerückt, wobei nicht immer deutlich
wird, was der Unterschied zum heutigen Deutschland ist. Ein vager Verdacht
bleibt, dass in Deutschland das Tier nur schlummert, aber doch irgendwie
unterschwellig allgegenwärtig bleibt. Einmal schuldig, immer schuldig. Zitat
aus den Frühstücksnachrichten des Radiosenders Europe 1 am 2. Mai (8h45):
„Dankeschön – bitteschön ist eine ganz geläufige Replik unter Anhängern des
Front National, und man hört sie im Hauptquartier tagein, tagaus“. Im
Original ist nur die Schrägschrift auf Französisch.
In den letzten Jahren konnte man beobachten, dass die
Berichterstattung der französischen Medien über die fremdenfeindlichen
Gewalttaten im wiedervereinten Deutschland deutlich überproportional zu ihrer
gesellschaftlichen Relevanz dargestellt wurde, was hier nicht steht, um diese
Taten zu verniedlichen. Leicht überspitzt gesagt war man hier sehr viel besser
informiert über die xenophoben Gewaltakte in Deutschland als über die in
Frankreich, wobei man über Frankreich allerdings noch andere Informationen
bekam, auch ohne Medien...
Das wiedervereinigte Deutschland macht sehr viel leichter
Angst als andere. Stellen Sie sich vor, Schönhuber und Frey hätten bundesweit
20% bekommen bei der Bundestagswahl. Nein, stellen Sie es sich lieber nicht
vor.
Schon Mitterrand reagierte ängstlich und anfangs
abweisend auf die Idee der deutschen Wiedervereinigung, und die Initiativen der
Bundesregierung in den letzten Jahren bestätigen, dass der größer gewordene
Nachbar im Osten seine neue Macht auch ausleben will, wie u.v.a. die Bemühungen
um einen Platz im Sicherheitsrat der UNO zeigen. Deutschland, seit dem Krieg
Partner Frankreichs und dessen politischer Führung in vielen Fragen, ist
selbstbewusster geworden. Politisch schwächt Frankreich dies international noch
weiter. Wirtschaftlich ist Frankreich sowieso abgerutscht. Nach Statistiken der
Weltbank nach Indien auf Platz 6, laut Eurostat nach Großbritannien auf Platz
5. Wenn man den französischen Medien und offiziellen Stellen vertraut, liegt
Frankreich ökonomisch in der Welt weiterhin stolz auf Platz 4. Statistiken sind
eben irgendwie nicht so aussagefähig, wie sie scheinen.
Man kann die Fernsehprogramme der nächsten Wochen und
Monate antizipieren, die eine weitere Generation von Franzosen beeinflussen
wird. Da werden alte Kriegsfilme ausgegraben werden, die die ewigen Wahrheiten
perpetrieren. Doch auch ohne dies funktioniert der Mythos: so bringen TF1 und
FR2 zwei parallel produzierte neue Fernsehfilme zum Thema Jean Moulin,
france 3 brachte am 4. Mai eine neue Produktion, La Victoire des vaincus,
die die Deutschen wieder als Faschisten vorführt und lächerlich macht.
Natürlich ist dies alles verständlich und es ist natürlich wichtig, die
Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, und einem neuen Faschismus
vorzubeugen, aber motivieren kann dies natürlich nicht, Deutsch zu lernen. Und
wenn Franzosen Deutsch lernen wollten um Mein Kampf im Original lesen zu
können – der Tag scheint manchmal gar nicht mehr so weit – , wäre dies
selbstredend erschütternd.
Dieser antifaschistische Kampf wird nun aber, wie bereits
erwähnt, zum zentralen identitären Moment der heutigen französischen Jugend, ab
etwa fünfzehn bis fünfundzwanzig vor allem, in geringerem Sinne bis fünfzig.
Ein weites Feld! Da solche generationsbildenden Phänomene nationaler Katharsis
real gesellschaftsbildend sind und lange Zeit bei den Nachwachsenden
einflussreich bleiben – siehe '68 –, ist die Richtung klar.
Da die ältere Generation in Frankreich massiv rassistisch
denkt, ist diese Thematik für die jungen Menschen heute im Rahmen des
Generationenproblems ein gefundenes Fressen. Endlich können die jungen Leute
sich mal wieder so richtig polarisieren und selbst finden, nach jahrelanger
Flaute durch die 68er-Bewegung, die den Nachgeborenen den Wind aus den Windeln
genommen hatte. Die Spätgeborenen sind ohne Gnade!
Ein Element jedoch verbindet diese Jugend mit der
Geschichte: der Kampf der résistance. So war bei den Demonstrationen zum
1. Mai denn auch eine Verbindung spürbar zwischen den Urenkeln und den Uropas,
ein Spagat der Geschichte. Die Jüngsten fühlen sich nun offenbar als la
relève. Das entspricht auch den Fernsehszenarien, mit denen sie aufwachsen.
Nach Batman, la relève in der virtuellen nun moi, la relève in
der realen Welt. Wenn das das Selbstbewusstsein nicht stärkt! Chacun son cinéma !
u Zweitens (erstens war auf der
vorigen Seite), und dies scheint mir mindestens ebenso wichtig, kann man in
Frankreich von Deutschland nur ein sich in den vergangenen 25 Jahren immer
stärker hervortretendes Bild eines pays ringard beobachten, eines
Landes, das sich ins Abseits manövriert mit einer überholten Konzeption von
rassischer Reinheit (siehe deutsche Nationalelf, Olympiamannschaft,
Schauspieler, Schlagerstars, Models, usw.), die bereits 1516 mit dem ältesten
deutschen heute noch gültigem Gesetz, dem deutschen Reinheitsgebot, beginnt,
und sich über Hitler fortsetzt bis zum Wahlkampf der CDU in Hessen 1998, deren
einziges Thema das jus sanguinis, das Blutrecht war. Ein Wort, das den
Franzosen Schauer über den Rücken jagt, denn niemand weiß hier, dass das
vorbildliche französische Bodenrecht noch nicht so alt ist, wie viele denken.
Aber die französische Unfähigkeit zur Vergangenheitsbewältigung gehört hier
nicht zum Thema.
Die eben evozierte geradlinige, auf Diskriminierung
beruhende deutsche Purifikationsethik, die französisches Bier – selbst aus dem
Elsass – nicht nach Deutschland lässt, erweist sich so als Bestätigung des
Ewigen Deutschen, quod erat demonstrandum. Natürlich ist diese
Parallelsetzung, diese geistige Gleichschaltung, intellektuell unehrlich,
unhaltbar, Karikatur. Aber das ist leider egal. Denn es wirkt. Diese primitive
geistige Grundhaltung besteht leider in vielen Köpfen von Meinungsmachern und
-multiplikatoren in Frankreich, die man – trotz Studiums – leider nicht immer
der intellektuellen Schicht zurechnen kann. Intelligenz und Dummheit sind, zum
Erstaunen eines jeden, eben kein Gegensatzpaar, wie alle nach ein paar Jahren
Arbeitsleben bestätigen können.
Das altmodische Bild Deutschlands wird auch gestützt auf
die hier immer noch sehr bekannten drei K. Da hat sich Deutschland seit dem
Kaiserreich nicht geändert. Beweis: die Kirchen sind allgegenwärtig
(Religionsunterricht, Kruzifixe in bayrischen Klassenzimmern, Kirchensteuer)
und die Frauen sind nicht emanzipiert, denn eine junge Mutter, die parallel
Karriere macht, ist für die Deutschen eine Rabenmutter.
Schauen wir mal in die ZDF-Nachrichten (5.5.2002).
Kongress der Grünen, heute mal nicht unterbrochen, um ein Fußballspiel
anzuschauen. Die Vorsitzende Claudia Roth am Mikrophon: „Die CDU, das sind
die drei K, Kinder, Küche, Kirche! Wir wollen aber Kinder, Karriere und andere
Kerle!“ Frau Roth muss es doch wissen. Was die Grünen für die Zukunft
wollen, existiert eben noch nicht. Na bitte!
Dies steht der französischen Jugend diametral entgegen,
und deren Haare dann schnell zu Berge. Dieser Cocktail aus Halbwissen,
Vorurteil und Wahrheit ist fatal. Aber zäher als Zuckerrübensirup, der auch
braun ist. Übrigens ist nicht jede junge Mutter Kafkas Mutter. Barmann, Shaker!
Dieses eben erwähnte Klischee ist auch deshalb
signifikant und bedeutungsschwanger, weil, wie bereits erwähnt, die aktuelle
und zukünftige Leitkultur der französischen Jugend, black, blanc, beur,
die Werte der Republik, liberté, égalité, fraternité, sind, und diese in
Frankreich stark mit der Schule verbunden werden, deren Tradition seit Jules
Ferry (nicht Lucky Luc) und seinen hussards de la République wiederum
zentral bestimmt wird von der laïcité, die Religion der droits de
l’homme et du citoyen, die mit Konfessionslosigkeit nur unzureichend
übersetzt wird, da die traditionsbewusste Lehrerschaft eher als
religionsfeindlich eingestuft werden muss und, Ironie des Schicksals, oft
bekennende Marxisten waren. Junge Grundschullehrer sind leider meist nur noch
unbedarft.
Wenn man junge Franzosen bittet, die Deutschland, den und
dem Deutschen gegenüber bestehenden Vorurteile und Stereotypen zu nennen, dann
kommt: Nazis, Holocaust, Bier, Wurst, dicke Schlitten, groß, blond, blauäugig,
diszipliniert, ordentlich, arbeitsam, Umweltschutz. Deutsch ist hässlich und
schwer. Bekannte Deutsche: Hitler, Kohl, Schuhmacher. Nein, Boris, tut mir
Leid, Du bis schon wieder weg vom Windows. That’s aol.
Was passiert, wenn ein Franzose einen Deutschen trifft?
Uns interessiert hier das Bild Deutschlands und der
Deutschen in Frankreich. Da der nicht Deutsch sprechende Franzose sicher nicht
nach Deutschland in Urlaub fährt, eine Feststellung, die auch für die Deutsch
sprechenden Franzosen, und sogar für eine beachtliche Zahl von Deutschlehrern
gilt, erlebt er die Deutschen entweder als Touristen in Frankreich, oder als
Touristen in seinem Urlaubsort in Spanien.
Frankreich ist das bedeutendste Tourismusland der Welt,
Deutschland stellt das aktivste Reisevolk der Erde. Bier ist hier und Schnaps
ist knapp.
Nur 5% der Auslandsreisen von Franzosen führen sie in
deutsche Lande; meistens allerdings weniger aus touristischen denn aus
beruflichen Gründen. Da Franzosen sowieso kaum ins Ausland reisen, ist es also
kaum übertrieben zu sagen, dass man französische Urlauber im Land der Dichter
und Philosophen mit der Lupe suchen muss.
Dagegen kommen insgesamt 15 Millionen deutsche Touristen
pro Jahr nach Frankreich. So können Franzosen sich ein gutes Bild von ihnen
machen. Doch diese fallen meist nur unangenehm auf. Zu Kontakten kommt es dabei
kaum.
Die sprichwörtlichen Neckermänner sind ein trauriges
Kapitel. Wie sind Deutsche? Das könnte sich etwa so anhören: „Ich hab schon
oft welche gesehen, bei mir in Cap d’Agde. Die sind immer nackt, haben enorme
Bierbäuche, saufen den ganzen Tag und grölen wie Wildschweine. Widerlich! –
Aber ich war auch schon mal im Ausland. Da bin ich mit dem Schiff von Sête nach
Mallorca gefahren für eine Woche. Zum Glück hatte ich nicht länger gebucht. Da
war es noch schlimmer. Am Strand sprechen sie dich glatt auf Deutsch an. Alles
haben sie aufgekauft dort und verhalten sich wie Besatzer. Auch die Schiffer.
Das ist eine Reise in die Vergangenheit. Ich hab gesehen, was meine Großeltern
im Krieg durchmachen mussten.“
Na gut, der letzte Satz war vielleicht doch ein wenig
übertrieben, den streichen wir.
|
Aber sogar in Deutschland spricht man bekanntlich
vom 17. Bundesland. Und Filme gibt es auch zu dem Thema, womit wir,
Ballermann macht’s möglich, wieder bei der Qualität des deutschen Kinos
wären. Da beißt sich der Kater in den Schwanz, und viele haben einen. Die Frage, warum sich Deutsche in Deutschland so
viel disziplinierter zeigen, als im Ausland, wird oft gestellt. |
|
Mögliche richtige Antworten darauf gibt
es viele. Wir müssen allerdings feststellen, dass auch in Deutschland es um die
Disziplin nicht immer so bestellt ist, wie weithin angenommen. Manchmal
herrscht geradezu Chaos. Das nennt der Deutsche Karneval. Dann gehen die Leute
zwar nicht bei rot über die Ampel, aber springen wildfremde Personen an und
zerschneiden deren Kleider. Wenn das beim nächsten Mal einem US-Bürger
passiert, könnte es sein, dass Deutschland von der Bush-Administration in die
Achse des Bösen eingeordnet wird.
Natürlich gibt es auch unauffällige
deutsche Touristen, aber die fallen eben nicht auf. Wenn die Tautologie einen
schon mal packt.
Der Mechanismus von Vorurteilen und ihren Bestätigungen
ist ein Kapitel Psychologie für sich. Was ist ein typischer Franzose? Natürlich
ein unrasierter Typ mit einer
Gitane-Maispapierkippe im Mundwinkel, Baskenmütze, Weinflasche, Baguette,
Boursin auf einem Mofa Typ Peugeot 103. Der nach Frankreich kommende Tourist
ist erpicht darauf, einen "typischen Franzosen" zu fotografieren, für
die nächste Diashow (inzwischen Digitalfotoshow per Bildschirm). Die Millionen
NormalbürgerInnen, denen er in seinen zwei, drei Wochen Urlaub auf der Straße
begegnet, sind eines Fotos nicht würdig: solche Leute sieht er/sie schließlich
auch zu Hause. Aber den einen "typischen" Franzosen, den er dann endlich
vor die Linse bekommt, das ist der Hammer. So sind sie nun mal, die Franzosen!
Seht her Leute! Und das gilt andersherum natürlich ebenso für den
"typischen" Deutschen. Nur das die Bayern tatsächlich im Trachtenlook
herumlaufen, wie schon der allerwerteste Herr Stoiber beweist.
Eine Krux mit diesen Vorurteilen! Diese power positiv
umpolen, das wär doch was! Dann wäre die Kiste geritzt. Tja, auch Kronen sind
Schäume. Maß halten! Keine Träume!
Ab und zu erlebt der Franzose Deutsche auch im Fernsehen.
Klaudia Schiffer, Citroen-Verkäuferin, wird von den französischen Männern oft
noch als attraktiv empfunden, kommt bei Frauen aber deutlich weniger an. Warum
das so ist, ist unklar. Sicher ist, dass sie es sich wert ist.
Nichts gegen die Formel 1, ich fahre auch Fiat, aber
finden Sie, dass Michael Schuhmacher, dieser Luchs, ein idealer Sympathieträger
ist? Wie denn, eine Leuchte? Auch er ist übrigens sicher, dass er es sich wert
ist.
Dieses deutsche Traumpaar – blond und blauäugig – sind
die einzigen in der französischen Medienlandschaft präsenten, von französischen
Unternehmen bezahlten Deutschen. Sie sind es sich eben wert. Halt Traumpaar.
Dann findet man noch ab und zu einen inzwischen älteren
Herren mit Pferdeschwanz und Sonnenbrille aus Hamburg, der wie ein
Maschinengewehr spricht, in der Modebranche tätig ist, und im letzten Jahr
ganze 25 kg abgenommen hat. Er zählt irgendwie zum Mobiliar.
Eine Deutsche gab es, die ist immer noch populär. Sie war
Schauspielerin und wohnte lange in Paris. Jetzt zögern sie zwischen zwei Namen.
Sie haben Recht: es sind auch zwei. Die jüngere, Aschenputtel Sissy, verstarb
vor der älteren, grande dame Marlene. Beide waren von den Franzosen
adoptiert worden. Das ändert aber am Bild der Deutschen nichts. Umgekehrt wird
ein Schuh draus!
Eingeweihte der Kulturszene kennen vielleicht noch Ingrid
Caven, deren Leben von ihrem Gemahl zu einem Bestseller verarbeitet wurde, aber
von den ausgezeichneten Büchern des Prix Goncourt sagt man, sie würden zwar
gekauft, jedoch nur selten gelesen, was übrigens auch für den neuesten Eco
zutreffen soll, will man Unkenrufern glauben. Aber Schwamm über den Frosch. Zum
Glück ist dieser Text nicht englisch.
Alle diese Personen sprechen in den Interviews in den
Medien entweder sehr gut Französisch, oder Englisch. Manchmal kann man als
einfacher Franzose daran zweifeln, ob es Deutsch überhaupt gibt. Vielleicht
nicht einmal in Deutschland: „Es ist bekannt, dass unsere Schulen kränkeln:
dass zu viele Kinder nach neun Jahren Unterricht weder richtig lesen noch
schreiben, noch Deutsch sprechen können“. Na, bitte! Wo das steht? In der
„Zeit“ vom 18. Februar 2002; die ist doch seriös, oder?
Dieser doch relativ begrenzte Zugang zur Erfahrung von
Deutschen in Frankreich – es gibt nämlich noch ein paar mehr – wird auch durch
das deutsch-französische Fernsehprogramm arte nicht geändert, da dieses sowieso
lediglich von einer winzigkleinen Minderheit eh eher offener und informierter
Personen rezipiert wird.
Vorurteile abbauen und Wissen vermitteln muss aber, will
man die Situation des DaF in Frankreich verändern, massiv sich auswirken. Das
ist ein ganz kategorischer Imperativ. Sonst ist es das alles eben nicht wert.
In dieser Beziehung, als massenmediales
Marketinginstrument der Völkerverständigung, ist arte ein glatter Reinfall.
Rausgeworfenes Geld. Als Oase in der televisuellen Kulturwüste allerdings ist
das deutsch-französische Fernsehprogramm ein Bombenerfolg. Pardon. Will sagen:
...ein bei aller gebotenen Zurückhaltung und Differenzierung im Rahmen ebenso
dezidierter wie überlegter Betrachtungsweise als Instrument interkulturellen
und/oder gegenseitigen Kontaktsuchens zwecks eines ebensolchen Verständnisses pars
pro toto durchaus als akzeptabel einzustufen, das steht für den Autor – in
aller Bescheidenheit – außer Frage. Wie Sie sehen, kann ich auch manchmal fast
so schreiben, als würde ich es nicht mit der Axt tun. Alte Holzfällerehre! Die
zerstört auch kein saurer Regen, und der bringt sich bekanntlich... Ja, äben!
Deutschland ist, letztes Teilthema hier, auch Bio- und
Ökoland, hat die industriellste Agrarindustrie, da ist doppelt nicht zu viel
gemoppelt, und Landwirtschaft kann man das nicht mehr nennen, und kauft seinen
Atomstrom in Frankreich, während es daraus aussteigt, ein Paradox, das in
Europa niemandem entgeht. Warum sollte man nicht über die Deutschen lachen,
wenn sie selber die Rute liefern, um geschlagen zu werden? Das war jetzt ein
französisches Sprichwort.
Woraus wird Deutschland nach dem Ausstieg aus der
Atomenergie und dem Ausstieg aus der Intensivkultur in der Landwirtschaft
aussteigen? Sicher ist: aussteigen scheint Trend. Normal. Die dies
inszenierenden Grünen waren doch selber welche. Aber vielleicht steigen sie
sowieso bald wieder aus der Politik aus. Nach der Reduzierung des Wahlprogramms
auf fünf Mark für einen Liter Sprit – inzwischen vielleicht fünf Euro – haben
sie, T-Shirt hin, Krawatte her, ja eh bald mehr Dreiteiler als Wähler.
Die deutsche Autoindustrie steht doch sowieso schon seit
langem an der Spitze des ökologischen Kampfes! Schließlich sind die Autos dort
elektronisch auf eine Spitzengeschwindigkeit von 240 km/h begrenzt. Das ist
sogar Weltspitze! Das soll denen erst mal jemand nachmachen!
Durch das hohe Niveau an Umweltbewusstsein – das die
Menschen (wieder mal) in zwei Kategorien teilt, nämlich in Umweltfreunde und
Umweltfeinde – fahren alle ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln und
dem Rad. Warum Deutschland der größte Automarkt Europas ist? Reine Disziplin!
Gefahren wird nicht. Was? Die Deutschen verpulvern am meisten Kerosin Europas
mit ihren vielen Reisen? Nein! Das liegt sicher an den Türken. Das sind doch
Millionen. Sollte man denen wirklich verbieten, dass sie mal nach Hause fahren?
So unmenschlich sind wir doch nun auch nicht.
Lobenswert sind die gelebten Alternativen. So ein norddeutscher
Bauernhof, umgeben von einem Dutzend Rotoren, das hat doch was Modernes! Da
soll erst mal einer kommen und sagen, Deutschland wäre nicht Avantgarde! Was
haben Sie gesagt? Ich höre nichts!
Warum der fein säuberlich getrennte Hausmüll wie der
gewaschene Joghurtbecher von Müllermilch, ohne Aluminiumreste versteht sich,
aus den fünf Containern von nur einem Lastwagen abgeholt wird? Was, ohne
Trennwände? Keine Ahnung. Nach Afrika? Glaub ich nicht. Wir zahlen doch den
grünen Punkt. Na, also da acht ich ja nun drauf! Ohne grünen Punkt kauf ich
doch erst gar nicht. Na, was denkst du denn?
Es ist doch erstaunlich, wie viel Spaß es macht, sich mal
so richtig in das Stammtischniveau hineinzuschreiben. Richtig beunruhigend.
Hier steht auch noch eine unbenutzte Würze.
Jetzt sind Sie um den Schlaf gebracht.
![]()

Das Bild Deutschlands
als französisches Bild
Das Bild Deutschlands als deutsches Bild einerseits und
französisches andererseits, beides aber lediglich in Frankreich – diese beiden
Aspekte auseinander zu halten ist nicht ganz einfach, wie wir gesehen haben.
In diesem Teil geht es also um das Bild und die
Vorurteile und Stereotypen, die in Frankreich selbst produziert werden, durch
Medien – aber dazu habe ich im ersten Teil bereits einiges gesagt – und
besonders durch die Institutionen: Grundschule, collège, lycée, Universität und
ihre Akteure.
Da ich mich auf breitere bis breiteste Schichten
konzentriere, gehören Subkulturen, wie z.B. die bedeutendsten Strömungen der
Hesse-Rezeption bei Schafzüchtern in der Auvergne von 1995 bis 2000, ein
unbestreitbar interessantes Thema, hier nicht zu den vordringlichsten Sorgen.
Ja, Hesse ist schön.
Ein paar Titel für die Franzosen, die sich doch mal dazu
durchringen, ein Buch über Deutschland zu lesen: „Faut-il avoir Peur de
l’Allemagne?“, „Le diable est-il allemand?“, „De la prochaine
Guerre avec l’Allemagne“, das sind sehr viel typischere Titel als „Le bonheur
allemand“. Alle diese Bücher gibt es wirklich. Auch waschechte Germanisten
wie Jean-Pierre Chevenement in „France Allemagne : Parlons franc !“ und
anderen Schriften tragen wenig zur Verbesserung des gegenseitigen
Verständnisses bei.

Was steht über
Deutschland in den Zeitungen? Wenig. Sportnachrichten, Massenmorde, Neonazi-
und andere Attentate, Angriffe auf Ausländer, mal ein Zugunfall,
Schneetreibenautobahnstau, Rechtsextreme, Amelie wird in Berlin ein Bärendienst
erwiesen, Kirch ist immer noch pleite, Skinheads, Bayer tötet zwar fahrlässig
viele Franzosen mit Medikamenten, hat aber eine prima Fußballmannschaft, und
Ballack obendrein. Deutschland ist unzuverlässig und blank wie Haiti, nur
kühler: der A400M, der neue europäische Militärtransporter, wird mal gekauft,
mal nicht. War inzwischen mal kurz Baden.
Le
Monde titelt am 2. Mai 2002 (!): „Deux
sondages soulignent la montée de la xénophobie en Allemagne“. Na, zum Glück ist wenigstens in Frankreich noch alles in
Ordnung!
Jetzt wollen die Deutschen die Ausländer auch noch
ausweisen, wenn sie nicht ordentlich Deutsch sprechen, nachdem ihnen dies
bisher völlig egal war, wie die Pisa-Studie illustriert hat, die übrigens die
Überlegenheit des französischen Schulsystems über das deutsche beweist. Was?
Das mit dem Ausweisen ist Österreich? Ja, und? Macht das einen Unterschied?
In seiner morgendlichen Kultursendung behandelt der
Journalist Yves Calvi das Thema „Der 8. Mai 1945“, 57 Jahre danach. Sein Gast,
der Historiker Pierre Vallon, spricht zu Beginn kurz davon, dass in Deutschland
im Moment das Schicksal der Vertriebenen wieder ins Licht der Öffentlichkeit
rückt. Wie reagieren die Hörer? Mit Neugier? Der
erste Anrufer: „On va quand même pas nous faire pleurer sur le sort de
l’Allemagne, non?“ Nein, das geht wirklich zu weit! Verstehen gilt nicht!
Das interessante an Nachrichtensendungen des
französischen Staatsrundfunks ist der Vergleich zwischen der ersten Version
früh am Morgen und den nachfolgenden. Ein regelrechter Sport!
Am 9. Mai ist für France Info z.B. nach der ersten
Version ein deutscher Lazarett-Airbus nach Karatschi geflogen, um die durch ein
Bombenattentat verletzten französischen U-Boot-Bauer, zwölf an der Zahl, aus
Pakistan nach Frankreich zu bringen. In den alle dreißig Minuten wiederholten
Nachrichten wird diese Meldung wieder und wieder ausgestrahlt. Sie ist
lediglich um ein Wort kürzer als am frühen Morgen. Es ist das Wort deutscher.
Parallel dazu hören wir im Privatsender Europe 1, das
Lazarett-Flugzeug sei ein Airbus der Luftwaffe. Das Wort lässt immer
noch viele Franzosen erschauern. Sie haben es im Kontext mit dem letzten
Weltkrieg kennen gelernt, und glauben, es sei spezifisch für Hitlerdeutschland.
Ein Teil der Franzosen
glaubt sowieso, dass den Deutschen seit dem Krieg eine Armee untersagt war und
dass sich daran bis heute nichts geändert hat. Die entdecken heute, dass
Deutschland sich schon wieder heimlich eine Armee aufgebaut hat.
Kleiner Ausflug ins Internet. Gibt es auch tiefschürfende
Informationsartikel? Kaum. Wenn ja, meist sehr spezialisierte
Buchbesprechungen, Wirtschaftssachen, die eh nur die lesen, die die Fakten
kennen. In Le Monde diplomatique 10/2000
z.B. schreibt Christian Semler: „Les « militants de la société
civile » savent que l'appel du chancelier Schröder au courage civique
restera abstrait et infructueux s'il ne prend pas appui sur un véritable
mouvement populaire. Pour développer ce dernier, il faudra du temps. Mais, dans
le bras de fer qui oppose l'Allemagne à l'extrémisme de droite, le temps semble
de plus en plus mesuré...“ Der Kanzler kommt eben gegen die Neonazis einfach nicht
mehr an. Bald fegt die Straße ihn hinweg. Der Autor arbeitet bei der Berliner
Tageszeitung. Das ist doch endlich mal ein authentisches Deutschlandbild. Der
Autor ist schließlich Journalist in Berlin, der muss es doch wissen! Kommen Sie
dagegen mal an! Der kleine Deutschlehrer ist eben erstens nur ein wenig
respektierter Lehrer, zweitens kein waschechter Deutscher, drittens besitzt er
nicht die Aura der Autorität der Medien, und viertens gibt es keine Angst mehr
vor Deutschland.
Es ist eben etwas anderes, ob ein und derselbe Artikel in
Deutschland erscheint oder in Frankreich. In Deutschland besitzen die Leute
Informationen aus vielen Quellen zum gleichen Thema, können Artikel und
Berichte gewichten, das Für und Wider abwägen, Kritik üben. Das geht aber
nicht, wenn man nur eine Informationsquelle hat, im übrigen aber abgeschnitten
ist von der Wirklichkeit.
Jetzt werden die Deutschen auch noch aufmüpfig. „L’Allemagne
mène la fronde contre les projets de Bruxelles“ (Les Echos, 30.4.2002),
dabei weiß doch die ganze Welt, dass es exception française heißt, von exception
allemande war nie die Rede. Was denn, die Deutschen beklagen sich eben
just, die Ausnahme zu sein, und wollen in den Rang treten und genauso wenig an
Europas Kasse zahlen wie die anderen? Da war der Kohl doch sympathischer. Der
war nicht so ein Pfennigfuchser. Ach, eigentlich: warum sollten die Deutschen
nicht auch mal eine Ausnahme sein, und in den Rang treten, das lässt
soldatische Bilder wach werden. Da haben wir’s wieder: der Rechtsradikalismus
steigt ständig, sag ich doch.
Ab und zu findet man natürlich in allen großen
Tageszeitungen gute Artikel über Deutschland in dem Sinne, als sie informieren
und nicht immer nur das Eine wollen, nämlich überkommene Stereotypen in den
Vordergrund stellen. Oft werden aber auch gute Artikel schlecht interpretiert,
weil der Bezugsrahmen und das Referenzsystem fehlen, oder löcherig sind. Es
handelt sich dann also schon um interkulturelle Probleme.
Einige wenige gute Auslandskorrespondenten der
französischen Medien, besonders der Presse, berichten regelmäßig aus
Deutschland. Sie sind kostbar. Lise Joly, Pascale Hughes, Vincent de Féligonde
etwa oder Roger de Weck, längere Zeit auch Luc Rosensweig, aber einige Posten
in Deutschland bleiben auch längere Zeit unbesetzt, weil die Medien keine
interessierten qualifizierten Mitarbeiter finden, wie etwa LCI momentan.
Während die Deutschen die Franzosen einfach
"charmant" finden, den französischen Akzent im Deutschen ebenso
"ganz reizend", Französisch die "schönste Sprache der Welt"
und Frankreich das Land in dem selbst Gott gern leben würde, verhält es sich
umgekehrt nicht ganz so. Der deutsche Akzent im französischen wird als deutlich
weniger bezaubernd eingestuft, da hilft kein Goethe. Plump, hässlich, linkisch.
Diese Adjektive treffen den deutschen Akzent schon besser. Die deutsche Sprache
bleibt für die meisten, die sie nicht kennen, "unschön, guttural und
schwer".
Der Deutsche ist immer noch... nein, halt, es gibt vier: Gretchen,
das naiv-dumme blonde blauäugige und etwas leichte Frohlain, Unschuld
vom Lande, Zöpfe, weiße Socken und Sandalen, leider unrasiert, Eva, femme
fatale, Egozentrikerin, ebenso intelligente wie hintertriebene Spionin im
Dienste der Gestapo, Hans, den einfachen Soldaten, dummer Bauernlümmel,
Trottel und Einfaltspinsel, böse zwar weil Feind, aber irgendwie ganz nett, und
dann der Herr Major von Strolch, SS-Offizier: elegant, wohlerzogen,
kultiviert, kalt, diabolisch, blutrünstig, grausam.
Welcher Typ sind Sie?
Ganz richtig: man kann bei dieser Typologie das Gefühl
bekommen, sie sei überaltert und irgendwie nicht ganz vollständig, aber dieses
Gefühl ist bei Deutschen weit ausgeprägter als bei Franzosen.
Jetzt werden sie vielleicht langsam ungehalten und
meinen, das, was hier steht, gehe nun doch zu weit. Es tut mir aufrichtig Leid,
Ihnen widersprechen zu müssen, aber diese Bilder vermitteln die französischen
Filme zuhauf, und zwar seit Jahrzehnten.
Aus diesen Kriegsfilmen, die meist den heldenhaften Krieg
der Franzosen gegen die Besatzungsmacht verherrlichen, stammt auch das in
Frankreich allgemein geläufige Vokabular, das Deutsch der Nichtgermanisten,
sozusagen: „Sieg Heil, Achtung, Ausweis, schnell, halt, Kartoffel, Papiere,
los, los, arbeiten, arbeiten, jawohl, zu Befehl, Heil Hitler, Herr Major“.
Eine stolze Leistung. Konzentrierte Information. Verdichtete Kultur. Konkrete
Poesie? Leider nein.
Manchmal mag einen da geradezu das Gefühl beschleichen,
es gäbe so etwas wie einen geheimen Hass auf Deutschland bei einer großen
Mehrzahl der nicht mehr ganz jungen Franzosen, ein allerdings eher subtiles
Phänomen. Wenn dem tatsächlich so sein sollte, so darf man sich fragen, ob dies
nicht auch mit der eigenen Unfähigkeit zur Vergangenheitsbewältigung
zusammenhängt, denn in der offiziellen Version der französischen Geschichte
bleibt das Gewissen der Grande Nation weiß wie Schnee gegenüber der
Besatzungszeit. Dieses Kaschieren mag eine malaise, ein Unbehagen zur
Folge haben, was mit Autoodi wohl noch am ehesten beschrieben werden dürfte.
Abgesehen vom Fernsehen, wann hat ein Kind in seiner
Sozialisation eigentlich mit Deutschland zu tun, wenn es keine deutschen
Verwandten hat, nicht viel mit Touristen verkehrt und nicht im Grenzgebiet
wohnt? Woher bekommt es seine mageren Kenntnisse, seine frühesten mentalen
Bilder, die, wie wir wissen, am beständigsten in die Festplatte unseres Seins
eingebrannt werden?
Für französische Kinder beginnt der Industriealltag mit
zwei, spätestens mit drei Jahren. Dann kommen sie nämlich in die Schule.
Zunächst die école maternelle, dann die école primaire, oft in
einem einzigen Gebäude.
Im Schuljahr gibt es zwei interessante Feiertage. Den 8.
Mai, und den 11. November. Beide Daten betreffen das Ende eines Weltkrieges.
Das erste Datum ist der Sieg über die Deutschen, und das zweite der Sieg über
die Deutschen.
Und das geht so. In der Vorschule: „Also, meine
Kleinen, was ist damals passiert? Wer weiß etwas darüber?“ – „Ich!“
– „Ja, Pierre?“ – „Früher war Krieg, weil die Deutschen die Bösen
waren, und wir die Guten, aber am Ende haben wir gesiegt!“ – „Sehr gut,
Pierre!“
Dann kommen die oberen Klassen der Grundschule: „Also,
meine Großen, was ist damals passiert? Wer weiß etwas darüber?“ – „Ich!“
– „Ja, Pierre?“ – „Früher war Krieg, weil die Nazis Hitler liebten
und die Bösen uns angegriffen haben, und wir die Guten. Fast alle Leute haben
sie getötet. Aber am Ende haben wir gesiegt!“ – „Sehr gut, Pierre!“
Deutschlehrer werden zu Hause dann von ihren Kindern
verhört: „Papa, bist du eigentlich für Hitler? Und warum bist du dann
Deutschlehrer?“ Das Verhör wird strenger, wenn ein Elternteil
deutschstämmig ist: „Warst du eigentlich Soldat?“ – „Und Opa?“, „Aber
dann hat er ja die ganzen Juden...! Äh, Uropa war doch auch Jude, hat der Opa
denn...???“. – Antisemitismus als interkultureller Ödipus? Was Wahres dran,
nicht abzustreiten. Hab immer gewusst, dass der Kleine ein Genie ist!
So geht das jahrein, jahraus. Frankreich ist immer nur
von den Deutschen angegriffen worden. Konflikte mit anderen Ländern hat es nie
gegeben, denn andere Feiertage wie diese, etwa die Feier der Schlacht bei
Waterloo und die Befreiung von der Napoleonischen Knecht- bzw. Herrschaft durch
die Engländer, gibt es nicht. Ein kleiner Scherz am Abend ist manchmal richtig
labend.
Im weiteren Verlauf der Schulkarriere verfeinert sich der
Kenntnisstand über Deutschland und die Geschichte, aber leider kommt man wegen
der übervollen Programme über den Horizont der beiden Weltkriege nie hinaus. So
wird leider nur der Kenntnisstand über Hitlerdeutschland vertieft.
Da viele Lehrer in Frankreich ideologisch schwer
linkslastig waren und teils noch sind (gerade hat mir ein Student wieder
erzählt, dass sein Philosophielehrer am Gymnasium den Schülern eine um zwei
Punkte bessere Note gab, wenn sie regelmäßig an Treffen seiner Zelle der Ligue
Communiste Révolutionnaire teilnahmen) – und wenn ich "schwer
linkslastig" schreibe, dann meine ich, dass sie nicht informieren (unterrichten),
sondern indoktrinieren – wurde dabei zu Zeiten der deutschen Teilung die
DDRepublik in rosa Pastelltönen, die BRDeutschland dagegen abwertend
dargestellt, als würden sie, die Lehrer nämlich, von der Stasi besoldet. Die
DDR-Vision der Nachkriegsgeschichte ist bekannt: Die Bösen sind im Bundestöpfchen, die Guten im realen
Kröpfchen. Das passt doch!
Ja, ja, ich weiß, alles ist irgendwie ideologisch, aber
mit dieser Art geistigem Terror von Relativismus ist man dann schnell bei der
Weltanschauung von Le Pens Wählern.
Natürlich gibt es auch ewiggestrige Lehrer von rechts
außen, aber sehr viel weniger. Ausgenommen vielleicht unter Deutschlehrern,
scheinen jedenfalls einige Kollegen manchmal zu denken. Denn eine Reihe von
Kollegen ist leider mitschuldig am Niedergang des Deutschen, durch ihre Art,
den Deutschunterricht als Schlagstock zu benutzen, um eine ruhige Kugel zu
schieben. Typisch für Deutschlehrer heute ist das aber nicht mehr, im
Gegenteil. Aber Bilder sind hartnäckig und fressen sich fest, etwa wie Karius
und Baktus.
Ein paar Jahre hatte ich einen Kollegen, einen
Englischlehrer, der war ein ausgesprochener Spaßvogel. Fast jedes Mal, wenn ich
in das Lehrerzimmer trat, streckte er den Arm zum „deutschen Gruß“ und
lächelte: „Heil, Hitler“, schlug mir auf die Schulter und meinte: „N
bisschen Spaß wirste doch wohl vertragen, oder?, hahaha! “. Natürlich
verstehe ich Spaß, kein Problem. Sonst wären Deutsche doch bloß dazu
noch humorlos.
Egal wo, in den Medien, der Politik, den Bars und wie
hier in den Lehrerzimmern, wer antideutsche Witze reißt, erntet garantiert
einen Lacherfolg. Viele KollegInnen glauben offensichtlich auch, sich ganz
allgemein in Antigermanismus (oder Antiamerikanismus) zu üben, sei eine
hervorragende Möglichkeit, an Profil zu gewinnen, und intellektuell zu glänzen.
Wer viel lernt über die deutsch-französische Geschichte,
weiß dann vielleicht noch, dass die Deutschen das friedliebende Frankreich
schon 1870 überfielen, um den Anschluss des Elsass willens. Ach, Lothringen war
im Set inklusive? Na ja, jedenfalls haben die Deutschen mehrmals brutal
versucht, Frankreich das Elsass zu entreißen, obwohl es doch in Frankreich
liegt, wie die natürlichen Grenzen der erstgeborenen Tochter der Heiligen
katholischen Kirche beweisen. Was, die Franzosen hätten den Preußen den Krieg
erklärt 1870? Ah, das lernen Sie in Deutschland. Da ist Geschichtsunterricht
eben immer noch Geschichtsklitterung. Was wieder mal zeigt, dass es das ewige
Deutschland eben doch noch gibt. Sowieso cacahouètes. Warum lernen
Deutsche Geschichte eigentlich nicht mit französischen Büchern? Vieles wäre
einfacher.
In Punkto Invasionen und bezüglich Geschichtsklitterung
haben die Deutschen übrigens Erfahrung: Schließlich nennen sie das, was wir in
Frankreich les grandes invasions barbares nennen, unter denen wir damals
bereits sehr gelitten haben, ganz ungeniert Völkerwanderungen. Es ist
mir gelungen, diesen Ausdruck mit Hilfe meines Wörterbuches genau zu verstehen.
Es heißt soviel wie randonnées populaires, was einen tiefen Einblick in
die Konzeption des deutschen Tourismus damals gewährt. Und bei so viel Konstanz
soll man heute nicht misstrauisch sein? Mallorca!
Dass die Franzosen neunzehn Mal in Deutschland
einmarschiert sind, bevor die Deutschen 1870 zum ersten Mal nach Frankreich
kamen, das lernt natürlich niemand in der Schule. Wozu auch? Von Geschichtsverständnis
wollen wir schon mal gar nicht sprechen. Oder vielleicht doch?
Dass der Zweite Weltkrieg von den Grundschullehrern
dargestellt wird als Krieg Nazideutschlands gegen den Rest der Welt ist nicht
weiter erstaunlich; bedauerlich dagegen schon. Das der Zweite Weltkrieg aber
auch von den Geschichtslehrern immer noch nicht vermittelt wird als der erste
moderne europäische Bürgerkrieg, dem dreißigjährigen Krieg näher als dem Ersten
Weltkrieg, ist nicht mehr nur noch traurig, sondern eher schon eine Tragödie.
Dabei haben französische Historiker, allen voran Joseph Rovan, bereits während
des Krieges diese These entwickelt. Wie der ehemalige Dachau-Häftling mir
sagte, fiel bei ihm der Groschen bereits, als Anfang 1943 die Geschwister
Sophie und Hans Scholl verhaftet wurden. Die beiden Studenten, Cousin und
Cousine des inzwischen französischen Juden, dessen Eltern mit ihm 1934
Deutschland in Richtung Paris verlassen hatten, waren Demokraten im Kampf gegen
die Nazidiktatur, ganz wie Rovan diesseits der Grenze und schließlich eine
internationale Koalition.
Der politische Gegner hatte, zum Erstaunen vieler
Zeitgenossen, auch bereits seine Werbefachleute auf eine Vision von
"Europa" eingeschworen, wie wir gleich noch auf recht plakative Weise
sehen werden.
Eine solche im deutsch-französischen Sinne
"versöhnliche" Darstellung (Krieg bleibt Krieg) des letzten
bewaffneten Konfliktes ist sehr viel eher geeignet, als gemeinsame
Geschichtsgrundlage zu dienen. Das die Widerstandsbewegung in Deutschland sehr
schwach war ist ein Faktum, das sich aber erklären lässt. Auch im Frankreich
der Vichy-Regierung waren ja nicht alle Leute Mitglieder der résistance-Bewegung,
auch wenn da in Frankreich noch ein Defizit in der Aufarbeitung der Geschichte
besteht.
Woher kommen wir? – Besinnen wir uns, was das Bild des
Deutschen betrifft, auf einen 1945 gedrehten pädagogischen Film, der den
Soldaten der französischen Truppen in Deutschland ihre Aufgabe erläuterte:
« Gagner
la paix, c’est votre tâche en Allemagne. Par votre attitude vigilante sur le
sol allemand, vous pouvez jeter les bases d’une paix durable. Vous pouvez au
contraire, si vous relâchez votre surveillance, laisser se développer les
germes d’une future guerre. Et de même que des soldats, vos pères, ont dû se
battre il y a 26 ans, de même d’autres soldats, vos fils peut-être, pourraient
avoir à se battre dans quelques 20 années d’ici.
L’Allemagne occupée
vous paraît inoffensive. Hitler? ...disparu. Les
croix gammées? …effacées. Les camps de concentrations? ...vides.
Vous
verrez des ruines, vous verrez des fleurs, vous verrez des paysages ravissants
– que ça ne vous trompe pas ! Vous êtes en pays ennemi ! Ne vous fiez
à personne, ne prenez pas de risque !
Chaque
Allemand est avant tout un Allemand !
Aussi
ne peut-on fraterniser avec aucun d’entre eux. Fraterniser, c’est se faire des
amis.
Les
Allemands ne sont pas nos amis !
N’ayez
aucun rapport avec eux – hommes, femmes, ou enfants. Ne vous mêlez pas à leur
vie, ni en public, ni en privé. Ne leur rendez jamais visite. Ne leur accordez
pas votre confiance.
Aussi
aimables, aussi repentants, aussi las du parti nazi qu’ils puissent paraître,
il ne leur suffit pas, pour faire de nouveau partie du monde civilisé, de
tendre la main et de dire : ‘Je regrette.’ – Ils regrettent quoi ?
D’avoir causé la guerre ? Non ! – Ils regrettent seulement de l’avoir
perdue.
Cette main a salué Hitler. Cette
main a lâché des bombes sur des villes sans défense : Rotterdam, Bruxelles,
Belgrad. Cette main a détruit les villes, les villages et les foyers de Russie.
Cette main a brandi le fouet sur les esclaves polonais, yougoslaves, français
et norvégiens. Cette main leur a volé leur nourriture, les a torturés. Cette
main a assassiné, massacré les Grecs, les Tchèques, les Juifs. Cette main a
tué, estropié les soldats, les aviateurs, les marins.
Cette
main, elle n’est pas celle d’un ami ! »
(Zitiert
nach: Mémoires partagées / Geteilte Erinnerungen – un film de André Harris et
Pierre Beuchot, la sept/arte 1999)
Mit der Zeit verheilen viele
Wunden. Änderungen gibt es schon: als ich vor zwanzig Jahren nach Frankreich
kam, bedeuteten viele mir, ich solle doch, bitteschön, möglichst schleunigst
wieder verschwinden; Deutsche bräuchte man hier nicht. Und als meine Frau und
ich heirateten, wurde sie von erstaunten Kolleginnen und Kollegen gefragt, „warum
heiratest du denn einen Feind?“. Solche Reflexionen hört man inzwischen
deutlich seltener.
Aber die
durchschnittliche Lebenserwartung steigt, und unter den Senioren finden wir
auch noch Personen mit ganz anders gearteten Perspektiven, die in einer
parallelen Welt leben.

Hören wir Henri Fenet (HF), ehemaliger Kommandant der
Waffen-SS Division Charlemagne, im Gespräch mit dem Dokumentarfilmer André
Harris (AH):
AH :
« Pourquoi vous êtes-vous engagé dans la Waffen-SS ? »
HF :
(...) « En fait, cette Guerre était devenue une guerre européenne, et
il était nécessaire que les pays d’Europe s’unissent pour assurer et garantir
l’indépendance de l’Europe, ce qui permettait évidemment de garantir la
sécurité et l’indépendance de chaque pays qui la composait. (…)
On ne
nous cassait pas les oreilles avec les idées national-socialistes. Nous avions
en commun un certain nombre d’idées, mais le phénomène national-socialiste
était, comme Hitler l’a toujours souligné, un phénomène purement allemand. Nous
avions une certaine parenté d’esprit, mais nous avions aussi notre identité
nationale. Nous avions la cocarde tricolore ! »
AH :
« L’image de l’Europe à cette époque était tout de même l’image d’une
Europe à domination allemande ! »
HF :
« Nous sommes bien à l’heure actuelle une Europe sous le leadership
américain ! – Je ne conteste pas la nécessité de l’économie, mais
entre-temps, on ne parle plus beaucoup des problèmes qui relèvent de la qualité
humaine ! Une chose que j’aime à répéter – surtout devant les jeunes –
c’est qu’un peuple, dont les hommes sont courageux et les femmes fécondes n’a
rien à craindre pour son avenir ! (…) Wer dem Tod ins Angesicht schauen
kann, der Soldat allein ist ein freier Mann ! » , endet er mit einem
Schiller-Zitat auf Deutsch.
(Ausszüge
aus: Mémoires partagées / Geteilte Erinnerungen – un film de André Harris et
Pierre Beuchot, la sept/arte 1999)

So kann man Geschichte also auch neu interpretieren: da
wird die Waffen-SS zur ersten europäischen Armee erklärt, die für die
Unabhängigkeit Europas kämpfte. Irgendwie seien sie die Väter des heutigen
Europas. Eine unverstandene Avantgarde der Geschichte. Tragische Gestalten mit
gutem Gewissen, denen wir Dank und Anerkennung schulden. Ein Schauermärchen,
das einem die Gänsehaut über den Rücken jagt.
Zum französischen Deutschland-Bild 1933-1939 hat Ladislas
Mysyrowicz 1976 einen interessanten, bei den éditions du CNRS n° 563 erschienen
Beitrag verfasst, der unter folgender Adresse zugänglich ist:
http://www.unige.ch/lettres/istge/mysy/allemagne.html
Das Deutschlandbild bleibt weiterhin in Frankreich
verbunden mit der Barbarei des Naziterrors, für alle symbolisiert durch das
Massaker der Waffen-SS-Division „Das Reich“ am 10. Juni 1944 in
Ouradour-sur-Glane, wo 642 ZivilistInnen, davon 245 Frauen und 207 Kinder,
hingerichtet wurden, indem sie in die
Kirche einschlossen wurden und an diese Feuer gelegt. Das Dorf wurde seitdem
nie mehr bewohnt noch wiederaufgebaut und ist auch heute noch eine vielbesuchte
Gedenkstätte für Schulklassen.
Immerhin haben trotzdem fast 6 von 60 Millionen Franzosen
dem Neofaschisten Jean-Marie Le Pen, der Frankreich durch einen Austritt aus
Europa zu altem Glanz und neuer Gloria führen will, am 5. Mai 2002 ihre Stimme
gegeben. Das sind, bei 40 Mio Wahlberechtigten, 15% aller Erwachsenen. Bis
repetita? Ja, richtig, was Sie lesen ist ganz im Stil von Johann Herzfeld,
alias John Heartfield, aber war der so schlecht?
Über die Jahre schwächt der Europagedanke sich ab. Der
Krieg scheint weit. Nur wenige haben noch vor ihrem geistigen Auge im
Blickwinkel, dass die Europabewegung unserem Kontinentteil bis heute die
längste historische Periode von Frieden und Wohlstand garantiert hat. Nach
einer SOFRES-Umfrage vom März 2001 haben 43% der Franzosen Angst vor der
europäischen Einigung, während nur 11% sich in dieser Richtung sehr engagiert
fühlen.
Jetzt geht es hier ein bisschen durcheinander. Ordnung
ist eben nur das halbe Leben, und Frankreich die ganze Welt.
Doch zurück zur Schule. Die SchülerInnen, die kein
Deutsch lernen, haben also ein Deutschlandbild, das sich aus den eben
beschriebenen Elementen zusammensetzt. Wie steht es nun um das von den
Deutschlehrern vermittelte Bild nicht nur des deutschen Kulturraums und der
gesellschaftlichen Realität, sondern auch der Sprache und des Unterrichtes?
Grundsätzlich gesagt ist der Fremdsprachunterricht in
Frankreich noch nicht kommunikativ genug. Das liegt im Wesentlichen am Druck
des Schulsystems und an den geschichtlichen Gegebenheiten. Das Schriftliche
spielt allgemein eine viel größere Rolle in Frankreich, als in Deutschland. Man
braucht bloß mal das Verhalten des Auditoriums in einem Hörsaal zu vergleichen.
In Deutschland hören die Studenten zu, in Frankreich schreiben sie schnell und
gewissenhaft, und das Ergebnis, das Transskript, ist perfekt: saubere Schrift,
geordneter Text, unterstrichene Überschriften. Bewundernswert. Ein Deutscher
kann das nicht, weil er nicht so dressiert ist.
Noch ein Beispiel zur unterschiedlichen Bedeutung des
Mündlichen im französischen Unterricht: Als ich als Student an meinen ersten
Seminaren in Frankreich teilnahm, verhielt ich mich wie aus Deutschland gewohnt
– wenn der Dozent oder die Dozentin eine Frage stellte, meldete ich mich, wurde
drangenommen, und wir diskutierten. Nach einer knappen Woche kam eine Abordnung
meiner KommilitonInnen zu mir und bat mich, künftig doch bitte die Klappe zu
halten, ich würde ihnen die Noten kaputt machen. In den folgenden Monaten sagte
ich nichts mehr, die LehrerInnen blickten mich fragend-hilflos an, die Welt war
wieder in Ordnung.
"Gute" Lehrer organisieren ihren Unterricht so,
dass die SchülerInnen am Ende der Stunde ihr Quäntchen Schriftliches haben,
weil sie wissen, dass die Eleven sonst das frustrierende Gefühl beherrscht,
nichts getan zu haben. Denn was in Deinem Heftchen steht, kannst du getrost
nach Hause tragen!
Denn "Wissen", nicht mehr, ist das historische
Paradigma französischer Schulbildung. Da erstaunt es nicht, wenn dies auch das
einzige Kriterium zur Auswahl der Lehrer ist. Die über die concours du CAPES
und de l’agrégation selektierten Pauker sind also als Pädagogen
qualifiziert, nur weil sie in ihrem Spezialgebiet (in Frankreich eben
bezeichnenderweise nur eines) so wunderbar viel mehr wissen, als alle anderen
(KonkurrentInnen) ... allerdings auch nur in Bezug auf Prüfungs-, nicht auf
Lehrsituationen. Auf dieser dünnen Basis, nach einem Mindeststudium von nur
drei (CAPES) oder vier (agrégation) Jahren, werden diese armen
jungen Menschen, ohne jeglichen weiteren Kontakt mit der Welt, nach einem
Schülerdasein in das Lehrerdasein überlassen. Theoretisch gibt es da noch eine
theoretische Ausbildung in Pädagogik, aber das ist eben Theorie. Näheres dazu
bei Robert Curtius. Seitdem hat sich nichts Wesentliches geändert.
Die einzige reale Ausbildung zum Fremdsprachenlehrer in
Frankreich, die ihren Namen verdient, ist das Studium von Français langue
étrangère (FLE), aber wenige DeutschlehrerInnen haben mehrere Studiengänge
absolviert. Das ist schade. Ein FLE-Zweitstudium plus ein Drittstudium der Pädagogik, oder der Psychologie wären
hilfreich, bleiben aber selbstverständlich persönlicher Initiative überlassen.
Eine Erfahrung von fünf bis zehn Jahren in der freien Wirtschaft wäre
bereichernd, ist aber nicht nur nicht in Frankreich keine Vorbedingung, um zum
Lehrberuf zugelassen zu werden.
Der Einfluss des hierarchischen Kanons, der inspecteurs,
bleibt ein hierarchischer. Wie Kinder verhalten sich die LehrerInnen eben oft
vor der Klasse so, in der inspection vor dem inspecteur
aber so. Natürlich gibt es auch Erwachsene, aber kaum Freigeister. Es
wird oft steril nach Schema F unterrichtet, statt, zwischen pädagogischer
Reflexion, persönlichem Engagement, eigener Erfahrung und in kritischer
Zusammenarbeit mit den KollegInnen seines Unterrichtsfaches einerseits, den
KlassenkollegInnen andererseits, seinen eigenen Stil zu finden und diesen, bei
voller Verantwortung für die selbsterstellten Unterrichtsmaterialien, in
gruppengestützten Projektunterricht umzusetzen. Diese Beschreibung ist sogar
das Anti-Bild der heutigen FremdsprachenlehrerInnen; mir ein Traumbild.
Aber Pädagogen sind in Frankreich traditionell nicht
wohlgelitten. Ist es da erstaunlich, dass kaum einer der großen Pädagogen aus
Frankreich stammt? Gut, Claparède, Cousinet,
Ferrière. Aber
Piaget, Rousseau waren Schweizer, Freinet wie die Italienerin Montessori, der
Belgier Decroly oder der Brite Neill in Deutschland ausgebildet, Steiner,
Pestalozzi, Wichern, Rist Deutsche.
KollegInnen, die ihre
Sommerferien in Weiterbildungskursen in Deutschland verbringen – sei es mit
Goethe, dem DAAD oder dem Eurozentrum – lernen meist in zwei, drei Wochen mehr,
als in ihrem "praktischen Jahr" nach der theoretischen Prüfung. Genug
ist das auch nicht. BewerberInnen für solche Kurse stehen zudem nicht gerade
Schlange.
Da ich in Sachen Kritik eher zu hart als zu weich bin,
worum ich um Verzeihung bitte, möchte ich hinzufügen, dass in Bezug auf die Fremdsprachen
im Allgemeinen und auf das Deutsche im Besonderen dies insofern weniger
zutrifft als auf die Allgemeinheit der LehrerInnen, als das seit vielen Jahren
bereits StudentInnen, die nicht mindestens ein Jahr als AssistentIn im Land der
Zielsprache gelebt haben, absolut keine Chance haben, die Wettbewerbsprüfungen
zu bestehen, es sei denn, sie sind zu Hause zwei- oder mehrsprachig erzogen
worden, und dies aus Sorge, die Qualität der gesprochenen Sprache zu
verbessern.
Wissensvermittlung, das reicht für nichts. Denn mit dem
Wissen muss das Gehirn auch etwas anfangen können. Das Können. Und was
Fremdsprachen betrifft, gehört dazu auch ein Körper, eine komplette Kultur, ein
Sich-zu-verhalten-Wissen, kurz ein Sein. Wissen, Können, Sein. Die
Fähigkeit zu kulturspezifischer Sprech-, Schreib- und Handlungskompetenz, das
sollte Fremdsprachenunterricht vermitteln!
Zudem basiert der Sprachunterricht – historisch aus
derselben Tradition stammend, wie in Deutschland, nämlich der Didaktik der
klassischen Sprachen, die auf der Übersetzung der großen Schriftsteller,
Philosophen und Staatsmänner beruhte und noch beruht – in Frankreich immer noch
deutlich stärker auf literarischen Texten als auf kommunikativen Situationen,
auf sinnentleerten Übungen klassischer Faktur, auf Sprachstudium statt
auf Sprechhandeln. Auf Lustlosigkeit statt auf Begeisterung. Auf
Konvention statt auf Phantasie. So bleibt viel zu tun. Das ist, positiv
gesehen, eine formidable Reserve an möglichem Fortschritt zu einem besseren
Bild vom Deutschunterricht.
Abgesehen von der Form sind die manuels, die in
Frankreich gängigen Lehrbücher, kulturspezifisch französisch. Das heißt, dass
die Schülerinnen durch die Lehrmittel nicht so in Kontakt mit der anderen
Kultur kommen, dass dabei auch etwas von dieser in ihrer Ganzheit herüberkommt.
Die Schulbuchverlage sollten zum Vergleich vielleicht mal eine Lehrmethode von
DaF-Lehrern in Deutschland erarbeiten lassen, um die Unterschiede zu
analysieren. Wär das nicht was für Goethe? – Aber da kommen wir schon, etwas
verfrüht, zu den Vorschlägen.
Meine Kollegin Françoise Laspeyres hat dazu im Bulletin APLV n° 59 einen
interessanten Artikel mit dem Titel : „L´image de
l´Allemagne dans les manuels scolaires français et les manuels allemands
d´enseignement de l´allemand langue étrangère parus depuis la Réunification“ geschrieben,
der im Internet unter folgender Adresse zugänglich ist:
http://averreman.free.fr/aplv/num59-imagemanuels.htm
Ein anderes grundsätzliches Problem im französischen
Fremdsprachenunterricht ist die Tendenz der LehrerInnen, den
"Lerner", die "Lernerin", wenn sie denn schon mal den Mund
aufmachen, sofort wieder zu unterbrechen, weil er/sie einen Fehler gemacht
haben. Eine genauere psychopädogogische Erklärung dieses Phänomens möchte ich
hier aussparen, aber diese Unsitte führt in fine zu dem Resultat, dass
die SchülerInnen zu Fischen erzogen werden.
Aber den LehrerInnen gegenüber (ja, immer noch) sind eben
keine "Lerner", sondern Personen. Deshalb sollte das Hauptziel des
DaF-Unterrichtes – wie der anderen Fremdsprachen auch – sein, die SchülerInnen
möglichst oft und lange in das Land der Zielsprache zu bringen, SchülerInnen
aus dem Land der Zielsprache möglichst oft und lange in die Klasse aufzunehmen,
und ganz allgemein prioritär alles Mögliche zu tun, damit die Zielkultur teil
der Identität der SchülerInnen wird, diesen also eine Langzeitbindung mit der
Zielkultur zu implementieren, und so den Motor des Lernfortschritts von der
Lehrerrolle zu trennen, indem letzterer seinen Platz in den SchülerInnen
findet, und diese über die Ak- zur Inkulturation transportiert. Denn nicht für
die Schule lernen wir...
Es ist zwar richtig, dass in diesem Bereich inzwischen
ein Problembewusstsein bei den KollegInnen vorhanden ist, nicht aber in der
Lehrerschaft in ihrer Gesamtheit. So wirkt die Massenträgheit des Systems
weiter. Diese Feststellung gilt also nicht nur für den Deutschunterricht, aber
warum sollten die Germanisten gegenüber den anderen Sprachen nicht positiv
auffallen?
Auf Goethe-Aufklebern ist Deutsch zwar klasse, in
derselben aber oft nur formal eine. Werbesprüche können nur dann eine gute
Wirkung erzielen, wenn sie eine reale Grundlage extrapolieren. Es reicht z.B.
nicht, wenn Lionel Jospin anders präsidieren möchte; er muss auch
gewählt werden... Schlechtes Ballspiel? Gut. Sie sind dran!
Dabei sollte die generelle und im allgemeinen leider
recht geringe Motivationsbasis, die Bereitschaft der SchülerInnen, überhaupt
eine Fremdsprache zu lernen, nicht überschätzt werden, denn die Einschätzung
der Nützlichkeit eines solchen Unterrichtsfaches tendiert weithin gegen Null
und ist sicher noch deutlich geringer als bei anderen Fächern. Schule überhaupt
wird oft als sinnentleert erfahren. Im französischen Schulsystem sind nur
Mathematik und deutlich danach Französisch wichtig. Der Rest hat es sowieso
schwer, ernst genommen zu werden.
Darf ich auch mal was Positives sagen? Nur ganz kurz! –
Die KollegInnen gehören sicher in ihrer Mehrzahl zu den engagiertesten
LehrerInnen in Frankreich. Sie geben viel freiwillige Energie, wie z.B. die
Tatsache zeigt, dass sie, wenn ich richtig informiert bin, sehr viel mehr
Klassenreisen veranstalten, als andere SprachlehrerInnen. Insgesamt fahren so
etwa 50.000 französische SchülerInnen pro Jahr nach Deutschland. Ein
essentielles Unterfangen zur Kundenbindung! Denn natürlich kommen die Klassen
meist ziemlich begeistert aus deutschen Landen, wenn auch frisch, zurück. Das
musste hier auch mal auf den Tisch!
Nur, und jetzt nörgele ich sofort wieder, man darf Kundenbindung
nicht mit Kundenerwerb verwechseln. Diese notwendige Praxis ist somit
wenig hilfreich zum Ausbau der Nachfrage, wenn sie isoliert bleibt, auch wenn
dadurch selbstredend positive Akzente im Deutschlandbild gesetzt werden.
Was den Inhalt des Deutschunterrichtes in den gehobenen
Klassen betrifft, so habe ich bereits erwähnt, dass viele SchülerInnen die
behandelten Thematiken als Tortur empfinden, die der Selbstkasteiung der
Deutschlehrer mit geschichtsträchtigen Erinnerungen entsprechen mag. Holocaust,
Gastarbeiter, Fremdenfeindlichkeit, Neonazis – das ist damit gemeint. Dies ist
selbstverständlich von mir nicht revisionistisch gemeint, falls ich das
hinzufügen muss. Aber versetzen sie sich doch mal in die Lage der SchülerInnen.
Pausengespräch: „Was haben wir jetzt? Ach ja, Sprachen. Was macht ihr heute
in Deutsch?“ – „Der Amokläufer von Erfurt. Wir sprechen dieses Jahr über
Attentate. Wir sollen lernen, dass nicht jeder Mord von einem Neonazi begangen
wird, damit unser Deutschlandbild sich bessert. Was macht ihr in Englisch?“
– „Ach, wir machen grad die neue CD von den Ironballs. Obergeil! Love me hate me
but don’t forget me, yeah...“. Sowas spricht Bands, äh, Bände.
Arbeitslosigkeit, Umweltschutz, Umweltverschmutzung,
Ökologie, Grüne, saurer Regen, inzwischen auch Wiedervereinigung, sind andere
ebenso typische wie unbeliebte Themen im Deutschunterricht. Da muss etwas
geschehen. Aktuelle Musik ist da ein besserer Vektor, Interesse zu wecken. Aber
nicht Bettina Wegners Hände aus der Steinzeit. Aktuelle Musik. Die sollte
spätestens jedes Jahr neu sein, besser alle sechs Monate. Mangelnde Aktualität
ist überhaupt casus cnacksus im Fremdsprachenunterricht.
Ceci dit: Musik ist hier nur ein Aufhänger, ein
Beispiel, kein neues Paradigma!
Eingangs erwähnt hatte
ich auch das Problem, dass durch den und trotz des Fremdsprachenunterrichtes
insgesamt doch recht wenig Verständnis für die andere Kultur geweckt und
beigebracht wird. Das gilt ganz generell.
Ein weiteres Problem ist
die Grammatik des Deutschen, über die wir hier doch ein paar Worte verlieren
sollten.
Nicht nur in Frankreich
gilt Deutsch als, was Grammatik betrifft, schwierige Sprache. Damit ist Deutsch
gleich insgesamt "schwierig", und man kann über andere Sachen
sprechen, wie z.B. den neuen Slip von Chantal Thomas. Übrigens: in welcher
Farbe bevorzugen Sie ihn? Aber lassen Sie uns das vielleicht später ernsthaft
ausdiskutieren; wie ich sehe, interessiert Sie die Frage der deutschen
Grammatik im Moment sehr viel mehr, was durchaus lobens- und nachahmungswert
ist. Ich bin verstört: liegt das vielleicht an meinem Stil?
Wie dem auch sei:
Deutsch gilt also als schwierig. Dazu zwei Bemerkungen. Lange Zeit haben die
DeutschlehrerInnen dieses Bild selber aufrechterhalten, und waren auch noch
stolz darauf. So hatten sie nur die besten SchülerInnen und kleinere Klassen
als die anderen, denen sie eine lange Nase ziehen konnten. Nun sind wir mit
diesem Image auf dieselbe gefallen. Wer anderen eine Grube klaut, dem fehlt
selbst ein Ei!
Wie wird man dieses Image nun bloß wieder los?
Darauf bezieht sich die zweite Bemerkung. Wir können mit
guten Argumenten behaupten, dass Deutsch einfacher für Franzosen ist, als die
anderen unterrichteten Fremdsprachen. Was Vokabular und Aussprache betrifft,
ist es den KollegInnen schon klar, dass die Grammatik, wenn auch ein bisschen
umständlich, auch sehr regelmäßig ist, ebenso.
Weniger klar, so scheint es mir, ist allerdings, dass wir
zu Recht behaupten können dass die deutsche Grammatik heute leichter ist als
früher. Eine Reihe von wichtigen Regelmäßigkeiten und spezifischen
Funktionsweisen sind nämlich erst in den letzten Jahren und Jahrzehnten klar
zutage getreten, und bis eine neue Erkenntnis aus dem Elfenbeinturm auf dem
Gipfel der Forschung vordringt bis in die Klippen des schulischen Alltags und
weiter sackt bis in die Tiefebene der Stereotypen, fließt viel Atomstrom die
Leitungen hinunter.
Da liegt der Marketinghase im Pfeffer versteckt!
Die Einfachheit der Konjugation z.B. mit ihren nur zwei
Endserien S1 (e,st,t/en,t,en) / S2 (Ø,st,Ø/(e)n,t(e)n) – wobei der Unterschied
zwischen S1 und S2 sich lediglich auf e/Ø, t/Ø beschränkt – und der fast
perfekten Regelmäßigkeit, abgesehen vom Verb sein und der Extragruppe der
verbes prétérito-présent mit S2 statt S1 im Indikativ Präsens ist sehr
viel einfacher als früher, und mit dem komplizierten französischen System
überhaupt nicht zu vergleichen. Kein Franzose kann sich im Leben je von seinem
Bescherelle la conjugaison des verbes trennen; im Deutschen ist das grad
mal eine Seite. Ja, ja, Sie haben Recht: für einen Muttersprachler ist es egal,
wie komplizizert seine Sprache ist, weil er sie eben perfekt beherrscht. Nur
gilt dies eben im Französischen nicht für die Konjugation, zumal in der
Schriftsprache.
Der Gebrauch der Zeiten ist ebenso einfach. Past tense
und past perfect zu beherrschen, gelingt kaum einem Franzosen. Wie
simpel ist da der Gebrauch der Zeiten im Deutschen, wo das Präsens für
Gegenwart und Zukunft ausreicht, und das Perfekt, von den frequenten Verben
abgesehen, die Basisform der informellen, also meistbenutzten, Produktion ist.
Selbst der früher absolut unzugängliche Maquis der
Abtönungspartikel kann inzwischen bequem von Schafen beweidet werden, nachdem Weydt
und andere hier jahrelang gewissen(sc)haft gerodet haben.
In der Grammaire alphabétique de l’allemand, 1994
bei Larousse-Bordas erschienen, findet sich, unter der Überschrift mots du
discours bereits ein Kapitel, das für die häufigsten Partikelwörter eine
Didaktisierung bietet, mit Hilfe derer die Schüler ebenso methodisch wie
praktisch diese in ihr aktives Vokabular überführen können.
Abschließend zum Thema Grammatik: Es ist durchaus richtig
zu sagen, dass die Deutsche Grammatik erst seit kurzem richtig klar geworden
ist, was auch letztlich nicht weiter erstaunt, denn das Standarddeutsch ist
erst vor etwas mehr als 100 Jahren definiert worden, und die
Sprachwissenschaftler haben lange mit falschen Instrumenten an einem richtigen
Verständnis herumgedoktert.
Dabei galt es, ein doppeltes Handicap zu überwinden:
Erstens gibt es für Geisteswissenschaftler, und insbesondere für
Sprachwissenschaftler, das Problem, dass Forschungsobjekt und
Forschungsinstrument identisch sind, und die Werkzeuge – die Konzepte, Worte,
Termini nämlich – aus dem Objekt heraus und quasi aus dem Nichts geschaffen
werden müssen; einfacher wäre es natürlich, bei Gott eine Bestellung
einzureichen für die historische Enzyklopädie des nächsten Jahrtausends und
nachzulesen, aber niemand weiß, wie viel Porto der Brief kostet. Zweitens haben
die Grammatiker in aller Welt lange mit den alten Termini der Griechen
gearbeitet in der impliziten und lange unbewussten Annahme, Sprachstrukturen
seien universell, und haben so das an der deutschen Sprache Spezifische
natürlich nicht finden können, denn wer mit einem Hammer sucht, statt mit einem
Mikroskop, findet nur Nägel, aber nichts für seine Köpfe.
Es sei hinzugefügt, dass die Regelmäßigkeit und
Systematik der deutschen Grammatik, verbunden mit der Einfachheit der
Wortbildung und der Zugänglichkeit der Aussprache die deutsche Sprache zu der
gegenüber Spanisch und Englisch zugänglichsten Fremdsprache für Franzosen
macht.
Wir können also ruhigen Gewissens behaupten, dass Deutsch
die geeignetste Sprache nicht der besten, sondern aller Schüler in Frankreich
ist.
Dabei ist es durchaus angebracht in Bezug auf das
Englische einige weitere Bemerkungen zu machen: Erstens bereitet Deutsch als
germanische Sprache auf Englisch vor, zweitens ist Deutschland der wichtigste
Wirtschaftspartner Frankreichs und die Kenntnis der deutschen Kultur ist
deshalb wichtiger als andere. Für das Englische ist der soziale Druck es zu
lernen sowieso größer, und da es als internationale Verkehrssprache benutzt
wird, ist es kulturlos und lediglich eine Vokabelfrage auf niedrigem Niveau.
Durch seine immer stärkere Position als
Weltverkehrssprache aber bedroht es mittelfristig das Überleben der kleineren
Sprachen. Jedes Jahr sterben im Moment etwa 60 Sprachen, also etwa eine pro
Woche. Insgesamt gibt es – wirklich genaue Zahlen gibt es nicht – vielleicht
noch 5.000 Sprachen. Theoretisch gibt es wohl also in 83,3 Jahren gar keine
Sprache mehr auf der Erde, was einerseits wieder einmal die Grenzen der Theorie
zeigt, andererseits sowohl Quasselstrippen als auch Dichter beunruhigen dürfte.
Aber im Ernst: Nur durch das Erlernen von anderen
Sprachen als dem Englischen können wir die Existenz unser eigenen Sprache und
ihr Überleben noch garantieren. Dieses Argument sollte gerade in einem Land
benützt werden, das auf seine Sprache stolz ist und diese zu schützen versucht.
Ein weiteres Manko des Deutschunterrichtes, und damit
möchte ich vorerst meine Kritik der Unterrichtspraxis beenden, ist die
mangelnde Interkulturalität.
Eine Anekdote zu diesem Thema: ich habe an der
Universität in Frankreich unter anderem auch Deutsch studiert und
abgeschlossen. Im ersten Studienjahr mussten wir in einem Seminar als
Hausarbeit eine dissertation zu einem bestimmten Thema in deutscher
Sprache verfassen.
Damals kannte ich die französische Kultur und Sprache nur
sehr schlecht. Also habe ich in ein Wörterbuch geschaut, um zu erfahren, was
eine dissertation denn sei. Dort stand Aufsatz. Frohen Mutes
schrieb ich also meine Arbeit und gab sie, selbstredend termingerecht, ab. In
der Grundschule, dem Gymnasium und später in der Uni in Germanistik hatte ich
"in Deutsch" immer nur zwei Noten. Entweder 1 oder 1+. Das
französische Notensystem, das wusste ich schon, geht von 0 bis 20. Meiner
Fähigkeiten sicher erwartete ich eine
Note von mindestens 19. Eingebildet? Wieso? Zu meinem großen Erstaunen fand ich
aber über meinem Aufsatz die Note "-18". Nachdem ich den ersten
Schock überwunden hatte, fragte ich meine Lehrerin mit erstickter Stimme: „Warum?“
– Sie: „Das ist keine dissertation, das ist ein Aufsatz!“. Ich:
„Was ist denn der Unterschied zwischen einer dissertation und einem Aufsatz?“.
Sie: „Das müssen Sie wissen!“. Ziemlich typisch für die
Lehrer-Schüler-Beziehung in Frankreich.
Wieviel mehr aber hätte es allen gebracht, hätte sie
damals eine halbe Stunde darauf verwendet, uns den Unterschied zwischen den
beiden Kulturen an Hand dieser beiden Wörter zu erklären, und uns mit unseren
Geistern begreifen zu lassen, wie sehr wir von solchen unbewussten Programmen determiniert
und gesteuert werden, und inwieweit diese kulturspezifisch sind.
In dem Seminar damals hatten wir übrigens insgesamt zwei dissertations
zu schreiben. Für die zweite – ich hatte inzwischen alle relevanten Bücher zu
dem Thema in Frankreich verdaut – bekam ich eine 18. Auf meine erstaunte Frage,
warum ich denn keine bessere Note hätte, antwortete sie: „20 ist für Gott,
19 für den Lehrer, und 18 für den besten Schüler. So ist das hier.“
Erraten Sie meine Durchschnittsnote zum Ende des
Seminars? Meine Dozentin von damals – ob Sie es glauben, oder nicht: sie heißt
Marianne – und ich sind, nebenbei gesagt, auch heute noch befreundet.
![]()
Um zum Abschluss dieses ersten Teils an die eingangs
angeführten und nichtsdestoweniger eingänglichen Überlegungen zurückzugreifen
und diese gleichzeitig weiterzuführen: Wir haben nun eine ganze Reihe
verschiedenster Aspekte die weniger positiven Assoziationen, die mit dem Bild Deutschlands,
der Deutschen, des Deutschen und des Deutschunterrichtes in Frankreich
verbunden werden, Revue passieren lassen, und hatten bereits zu Beginn auf die
nicht unerhebliche Bedeutung der mentalen Ikonen in unserer multimedialen
Gesellschaft hingewiesen.
Lassen Sie mich noch einmal betonen, dass es hier nicht
darum ging, ein vollständiges Bild zu zeichnen. Ich habe mich hier auf die eher
negativen Seiten beschränkt, die zu evozieren mir in diesem Kontext wichtiger
schien, zumal sie selten offen formuliert werden, und meist implizit präsent
sind, nur angeraunt werden, über ein Augenzwinkern transportiert. Sie einmal
auszusprechen schien mir wichtig, denn erst über eine klarere Bestandsaufnahme
ist Entschärfung möglich.
Deutsch war, wie bereits
angesprochen, lange Zeit eine von sehr viel mehr Franzosen als heute gelernte
Sprache. Die wesentlichen Gründe dafür scheinen zunächst historisch zu sein:
Das Deutschlandbild – im 19. Jahrhundert lange Zeit wesentlich durch das Buch
der Madame de Staël beeinflusst – ändert sich nach dem Sieg Bismarcks 1871
schlagartig, da die Niederlage verstanden wird als Konsequenz der Überlegenheit
der deutschen Technik und Wissenschaften. Im Jahre 1892 z.B. sind 50% der
gekauften Neuzugänge der Bibliothek der Ecole normale supérieure
deutsche Bände und Konvolute. Der Anteil der deutschsprachigen Bücher unter den
Käufen dieser Bibliothek liegt heute bei immerhin noch etwa 20%. Ich hab
angerufen.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts und bis zum Ende des
Zweiten Weltkrieges hielt Deutschland die in Europa dominierende
Vormachtstellung, es war eine herausragende, ja weltführende Technologie-,
Innovations- und Wissenschaftsnation. Zu dieser Führungsposition der Forscher,
Ingenieure und Techniker gesellte sich der Nimbus der überragenden
Kulturnation, mit ihren Musikern, Dichtern, Schriftstellern, Philosophen,
Archäologen, Architekten, Bildenden Künstlern, Kunstmalern, Opern- und
Theaterleuten, Komponisten, Schlagerstars, Filmschauspielern und -regisseuren,
wobei man von der Reihenfolge bitte nicht auf die Wichtigkeit der Berufsgruppen
untereinander schließen möge.
Die großen Komponisten, Philosophen und Literaten der
Klassik waren noch international bestimmende, marktbeherrschende Kulturwerte,
mit der Romantik, dem Expressionismus, dem Jugendstil, dem Bauhaus und so
weiter war Deutschland ebenso Trendsetter wie in der Chemie, der Elektronik,
den Medien. Das französische Fernsehen z.B. wurde erst nach dem Krieg
gegründet, und zwar bestand es in einer Übernahme der Installationen, die die
deutschen Besatzer in Frankreich für ihre Propagandazwecke eingerichtet hatten.
Im gleichen Zeitraum war Englisch noch keine Weltsprache,
Amerika noch keine Supermacht, Frankreich brauchte sich um den Einfluss seiner
Sprache international noch keine Sorgen zu machen – auch in Deutschland lernte
die Elite oft noch anstandslos die Sprache der Diplomaten und somit
Weltverkehrssprache. Umgekehrt lag es für die französische Elite auf Grund der
eben angesprochenen Führungsposition Deutschlands in Europa, und darauf
beschränkte sich die Weltsicht ja, fraglos nahe, Deutsch zu lernen. Französisch
sprachen sie ja schließlich schon.
Solange dieses Prestige
und die damit verbundene Tradition noch massiv nachwirkte – Reste davon sind
heute noch spürbar – mochten die parallel existierenden negativen Assoziationen
nach Hitlerdeutschland zahlreicher, böse Bilder stärker sein als heute, es
spielte doch eine kleinere Rolle.
Als Beispiel zur
momentanen Situation die Zahlen für die Prüfungen der ersten Fremdsprache in
den concours communs polytechniques, den Aufnahmeprüfungen zu den
Staatlichen Ingenieurhochschulen, den die StudentInnen der classes
préparatoires scientifiques ablegen.
|
|
KandididatInnen 2001 |
KandididatInnen 2001 |
|
|
|
|
|
Englisch |
80,09 |
11.781 |
|
Deutsch |
12,65 |
1.861 |
|
Arabisch |
6,00 |
884 |
|
Spanisch |
0,88 |
129 |
|
Italienisch |
0,16 |
24 |
|
Portugiesisch |
0,10 |
15 |
|
Russisch |
0,10 |
15 |
|
|
|
|
|
Gesamt |
100% |
14.709 |
Noch ist Deutsch – mit
noch über 12% – hier zweitstärkste Sprache, eine Position, die es in den
nächsten Jahren verlieren wird. Spanisch und Arabisch werden dann vor DaF
liegen, wenn nichts Entscheidendes passiert. Deutsch dürfte dann so stark sein,
wie Italienisch z.B., zweitstärkster Wirtschaftspartner Frankreichs.
Solange eine
Europaeuphorie herrschte, der Aussöhnungsgedanke stark, die
deutsch-französische Freundschaft in aller Munde, und die Rolle von Bonn-Paris
als Motor Europas weithin sichtbar waren, gab es auch über diese Schiene
Motivationsnachschub.
Daneben wuchs nun aber
die Bedeutung des Englischen, parallel zur Bedeutung der Vormachtstellung der
Vereinigten Staaten von Amerika zunächst im Westen, und heute in der Welt. Dies
konnte die Position des Deutschen nur schwächen.
Der andere wichtige und
sicher meist entscheidende Motivationsstrang für Eltern, ihre Kinder Deutsch
lernen zu lassen, war über Jahrzehnte kaltes Kalkül: Deutsch funktionierte, das
hatte sich so eingebürgert, als Selektionsparadigma des Schulsystems für die
Elite. Die Schüler, die von ihren Eltern entschieden wurden, Deutsch zu lernen,
kamen in Extraklassen, die systematisch die besten Lehrer in allen Fächern
bekamen. Mehr als diese Erfolgsgarantie brauchte es im sehr selektiven und
wettbewerbsorientierten französischen Schulsystem nicht, um zahlreiche Schüler
die als schwer erlernbare Sprache des Nachbarlandes nolens volens
anzulernen. Bei den wenigsten allerdings erwuchs daraus eine echte Zuneigung.
Der Alltag hat dieses
entscheidende Motivationsmoment überrollt. Die zunächst vielleicht unbedeutend
scheinenden, und sehr verständlichen Entscheidungen der Verantwortlichen im
Erziehungsministerium, den Schulalltag zu demokratisieren, und Deutsch keine
Extrawurst mehr zu erlauben, dann Organisationsprobleme bei den
SchulleiterInnen, die homogene Klassen langsam haben verschwinden lassen, dies
alles hat Deutsch vom Thron des Kronprinzen gestoßen. Seitdem siecht es vor
sich hin und wird bald eines erlösenden Todes verscheiden, wenn nicht, ja, wenn
nicht bald etwas passiert.
Deutsch an den
französischen collèges und lycées:
|
|
1969 |
1978 |
1980 |
1997 |
2001 |
|||||
|
1.FS |
2.FS |
1.FS |
2.FS |
1.FS |
2.FS |
1.FS |
2.FS |
1.FS |
2.FS |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Deut |
15,8 |
35,5 |
15,7 |
32,5 |
13 |
26 |
10,2 |
18,2 |
8,5 |
13,6 |
|
Engl |
80,3 |
|
81,1 |
|
|
|
88 |
12 |
90 |
10 |
|
Span |
|
32,5 |
|
38,8 |
|
|
0,7 |
62,9 |
|
69,1 |
|
Itali |
|
|
|
|
|
|
|
6,2 |
|
7 |
|
Autr |
|
|
|
|
|
|
0,2 |
0,6 |
|
|
Quellen: 1969-79: Françoise Crochot „L’allemand,
une langue difficile?“ DEA; 1980-2001 ministère de l’éducation nationale
Der Präsident des
französischen Deutschlehrerverbandes Adeaf, Jean-Michel Hannequart, hat mir die
Zahlen für die obige Statistik zur Verfügung gestellt. Vor dreißig Jahren
lernten also noch über 50% der französischen Schüler Deutsch als erste (1.FS) oder zweite Fremdsprache
(2.FS), während es jetzt nur noch 22% sind, und jedes Jahr fallen die Zahlen
dramatisch weiter ab.
Im gleichen Zeitraum
stieg Englisch als erste Fremdsprache von 80 auf 90%, und Spanisch auf
fulgurante Weise von 32 auf 70%. Es ist also nicht übertrieben zu sagen, dass
vor allem Spanisch Deutsch verdrängt hat.
Diese Zahlen sind
schlicht erschütternd.
Nun ist das goldene
Ticket im deutschen wie im französischen Schulalltag Englisch / Spanisch. Warum
eigentlich, dies zu erklären fällt allen schwer. Es dürfte etwas mit der Kraft
der Träume zu tun haben, mit Freizeit, Urlaub, Libido.
Aber dies greift noch zu
kurz, denn es kann den enormen Unterschied zwischen Spanisch und Italienisch
nicht erklären.
Die einzige real in
Frankreich gesprochene Fremdsprache ist, mit etwa 5% der Bevölkerung auch nur
eine kleinere Gruppe, Arabisch.
Ich bedaure hier klar
feststellen zu müssen, dass eine Rückkehr zum Status quo ante heute
unmöglich erscheint, insbesondere durch die inzwischen oft auf Englisch
fixierten Eltern, die verstärkte Verankerung des Spanischen und die
Schwierigkeit, eine nichtegalitäre Sprachenpolitik in der Schule politisch nach
außen zu vertreten, wobei das egalitär hier natürlich mehr eine Farce
denn eine Realität abdeckt.
Im Primarbereich, wo im
Jahre 2001 die Fremdsprache im CM2 eingeführt wurde (insges. für 90% der
SchülerInnen), hält Deutsch mit 19% nach Englisch (76%) und vor Spanisch (2%)
offiziell zwar noch den zweiten Rang (Le Monde vom 7. März 2002, Quelle:
ministère de l’éducation nationale), aber beim Übergang in die nächste Klasse
fand man dann zu Beginn des laufenden Schuljahres nur 8,57% Deutsch als erste
Fremdsprache wieder, und dies trotz der Anweisung vom Ministerium, dass die im
CM2 eingeführte Sprache im collège und lycée beizubehalten sei. Dieser
Widerspruch ist wahrscheinlich dahingehend zu interpretieren, dass die Kinder
in zwei Sprachen eingeführt wurden, und hinterher dann doch Englisch wählten.
Dass Sie jetzt schon
lange nichts Lustiges mehr haben lesen können, tut mir, lassen Sie mich das
hier kurz dazusagen, natürlich aufrichtig Leid.
In Mode ist Deutschland
wie gesagt nicht, und es ist aus den genannten Gründen unwahrscheinlich, dass
Deutschland über Nacht zum Mekka der jungen Franzosen wird. Doch eine Ausnahme
mag bestehen: Berlin. Die Hauptstadt könnte im nächsten Jahrzehnt, nach London,
zum magischen Anziehungspunkt für die europäische, und somit französische,
Jugend werden, wenn die Osterweiterung vorangeschritten ist. Aber wie das bei
Modephänomenen so ist, wird so eine besondere Stellung nach etwa einem
Jahrzehnt wieder passé sein, und man wird sich neuen Horizonten zuwenden.
Jedoch sollte man diese Entwicklung von Berlin zur heimlichen Hauptstadt
Europas schon jetzt gezielt bei der Jugend fördern.
Fakt ist aber nicht nur, dass Deutsch immer weniger
gelernt wird, dazu kommt nun, quasi logischerweise, auch, dass immer mehr
DeutschlehrerInnen den Mut verlieren, sich umorientieren, das Fach oder gleich
ganz den Beruf wechseln, womit die Zukunft gänzlich verbaut scheint.
Dieser Defätismus der KollegInnen muss verschwinden. Wer
die Flinte ins Korn wirft, bekommt den Hasenbraten nicht zu fassen, wenn er
denn vorbeiläuft. Breugels Schlaraffenland hängt im Museum. Es muss in die
Köpfe zurückgehängt werden.
Genug Pessimismus
verbreitet! Jetzt möchte ich mich der Frage zuwenden, was denn getan werden
könnte, um die DaF-Arche in den nächsten Jahren in ein Land steuern zu können,
wo Milch und Honig fließen!
![]()

2. Maßnahmen zur Verbesserung
der Attraktivität des Deutschen in Frankreich
Kommen wir zum konkreteren Teil. Zuallererst einmal
möchte ich mich hier an meine KollegInnen wenden und ihnen sagen: don’t give
up! There
is still hope that we won’t all have to become English teachers tomorrow!
Wir alle können daran mitwirken, uns gegen den Zahn der
Zeit zu stemmen, und durch größeres Engagement und bessere Arbeit das Deutsche
in einen Publikumsmagneten zu verwandeln. Gesunder Optimismus ist aller guten
Dinge Anfang.
Seit einigen Jahren schon beobachte ich den Niedergang
des Deutschen an den Schulen, höre den KollegInnen zu, die mir ihre
Depressionen anvertrauen, und bin in meiner täglichen Arbeit doch weit entfernt
von diesen Realitäten, denn bisher haben wir an unseren Elitehochschulen
weiterhin ein sehr zufriedenstellendes Niveau an deutsch lernenden StudentInnen
von über 30% auf einem relativ stabilen Niveau. Es gibt zwar eine leichte
negative Tendenz, aber durchaus nichts Beunruhigendes.
An meiner Hochschule, der ENSEEIHT, wo ich als Direktor
des Fachbereiches Fremde Sprachen und Kulturen zu Englisch, Deutsch, Italienisch,
Spanisch und Russisch vor neun Jahren auch Japanisch eingeführt habe, ist
Deutsch von dieser neuen internen Konkurrenz nicht negativ berührt worden. Die
StudentInnen haben eine verstärkte Tendenz zur dritten Fremdsprache entwickelt,
das ist alles.
Auffallend ist allerdings, dass die bei uns Deutsch
Lernenden auf direkte Fragen meist antworten, sie hätten Deutsch nicht
gewählt, sondern ihre Eltern. Dies gilt auch für Deutsch als 2. Fremdsprache.
Weiterführen wollen sie es meist nur, damit die vergangenen Anstrengungen nicht
ganz umsonst waren. Mitgefangen, mitgehangen.
Auffallend ist weiterhin, dass es jedes Jahr nur eine
Anfängergruppe (meist 15 TeilnehmerInnen) im Deutschen gibt.
Was das Spanische betrifft, so sind die Zahlen in den
letzten fünf Jahren plötzlich sehr dynamisch geworden. Seit diesem Jahr ist
Spanisch nach dem für alle obligatorischen Englisch zum ersten Mal vor Deutsch
zweite Fremdsprache.
Auffallend hier die enorme Zahl der Anfänger. Mehr als
ein Drittel der Spanisch Lernenden sind Nullanfänger. Die Gruppen sind mit
meist zwanzig TeilnehmerInnen voll besetzt.
Bei uns in den grandes écoles ist die Welt in
dieser Hinsicht momentan also noch relativ in Ordnung, aber wir sehen auch ohne
Fernglas, dass sie sich doch bewegt.
An dieser Stelle möchte ich mir erlauben, mal kurz vom
Thema abzukommen. Natürlich brennt es mir, während ich diesen Text schreibe,
unter den Fingernägeln, parallel dazu auch von dem Bild Frankreichs in
Deutschland zu sprechen, aber das gehört hier eben nicht zum Thema, leider,
leider.
Also nur ganz kurz eine Anekdote: Unsere grandes
écoles sind zwar groß, der Stolz des französischen Bildungssystems usw.,
aber ja, wie Sie wissen, im Ausland so gut wie unbekannt; ein Handicap im
internationalen Wettbewerb um die Köpfe von morgen. Einen Teil meiner Energie
verwende ich – wie viele meiner Kollegen auch – also darauf, unsere
Elitehochschulen im Ausland bekannter zu machen.
Vor ein paar Jahren kündigte der Spiegel dann einen
lingelangen Artikel an, auf den ich bereits einige Jahre gewartet hatte: ein
Euroranking der besten Studien. Mit unseren Ingenieurhochschulen, die ein hohes
theoretisches mit einem außergewöhnlichen Praxisniveau verbinden, und dies in
ständigem Kontakt mit der Industrie den Anforderungen der Berufsbilder von
morgen anpassen, die zudem in übersichtlichen Strukturen arbeiten, die den
Studenten ein familiäres Umfeld, weit von der Anonymität vieler Universitäten
bieten, war ich mir ziemlich sicher: unsere traumhaften Ausbildungsgänge würden
der Überraschungssieger werden.
Fieberhaft suchte ich in den Tabellen unsere Hochschulen
– nichts! Sieger in den Ingenieurwissenschaften wurde eine unbekannte
ex-DDR-Hochschule, den Namen hab ich vergessen. Imfelden? Nun ja, ich graste
den Text Seite um Seite nach dem Zauberwort grandes écoles ab, und fand
schließlich einen winzigkleinen Satz: „Die französischen grandes écoles
haben wir in unserer Untersuchung nicht berücksichtigt, weil sie im
internationalen Vergleich zu spezifisch sind“. Frust! Ja, das war’s schon!
Zurück zur Situation des Deutschen in Frankreich.
Angesichts der beunruhigenden Gesamtsituation habe ich persönlich mich
entschlossen, einen Teil meiner Energie der guten Sache zur Verfügung zu
stellen, und überlegt, was denn in meiner Macht stünde, am Rad der Geschichte
zu drehen. Das Ergebnis meiner inneren Einkehr war klar: an ratternden
Räderwerken rütteln ist mir auf kleinen Schreibklavieren klimpern.
Denn was kann ich einigermaßen?
– Schreiben. Was kann man damit erreichen? Einiges. Allerdings – und jetzt
kommt das große Aber – cui bono? Meine KollegInnen vor Ort haben doch
die richtigen Argumente. Ich als Kollege bringe da weder ein Plus, noch einen
Mehrwert.
Meine Frau ist
Grundschullehrerin. Sie unterrichtet auch Deutsch. Sie berichtete mir zuerst
von folgendem Phänomen: die Kinder sind von Deutsch begeistert und wollen
von sich aus im collège Deutsch wählen, aber ihre Eltern sperren sich,
weil sie Angst haben. Angst davor, dass ihre Kinder dadurch in ihren
Berufsaussichten behindert würden. Denn nur Englisch bietet, so denken sie, die
Garantie für den späteren Zugang zur Welt. Angst weiterhin vor der
Schwierigkeit des Deutschen. Angst durch Unkenntnis, Halbwissen, Vorurteile.
So habe ich mich entschlossen,
die guten und bekannten Argumente für Deutsch als Fremdsprache in Frankreich,
besonders als erste Fremdsprache, in die früher bleiernen Lettern der
Rotationspresse zu gießen, und die Autorität und die Aura der auflagenstärksten
Zeitungen für eine kostenlose Werbekampagne zu nutzen. So konnten meine
KollegInnen mit den gleichen Argumenten mehr Überzeugungskraft aufbieten, und
ich war gleichzeitig bei allen KollegInnen per Presse gewärtig, und war so
multipliziert sehr viel präsenter vor Ort, als ich es physisch je hätte sein
können.
Parallel dazu habe ich im
Kontakt mit vielen KollegInnen, die auf meinen ersten Artikel in Libération
Anfang November 2001 reagierten, erfahren, dass etlichen von ihnen doch nicht
alle denkbaren für das Deutsche positive Argumente zur Verfügung standen. Zu diesem
Zweck habe ich das Plaidoyer pour l’allemand verfasst, dass über die
ADEAF allen KollegInnen im Internet und auch gedruckt zur Verfügung gestellt
wurde. Es ist als eine Art Steinbruch gedacht, aus der man zusätzliche Steine
für seine Arbeit herausbrechen, und in sein eigenes Mauerwerk einfügen kann.
http://www.ac-nancy-metz.fr/enseign/allemand/adeaf
Diese Arbeit führe ich heute
mit diesem Memorandum, und morgen mit weiteren Artikeln in der Presse fort.
Seit diesen Artikeln laden mich
viele KollegInnen aus ganz Frankreich, meist Verantwortliche der Weiterbildung
oder der regionalen ADEAF zu Vorträgen ein, um den KollegInnen wieder Mut zu
machen.
Ich habe in den letzten Monaten
so mit Hunderten KollegInnen sprechen können und zu meiner Erschütterung
feststellen müssen, dass die Situation sich in den letzten Jahren tatsächlich
dramatisch zugespitzt hat. Dynamische Prozesse besitzen zudem so etwas wie eine
Eigendynamik. Wenn alle Leute sagen, man solle die Aktien verkaufen, ein
Zusammenbruch stünde vor der Tür, dann löst ebendies die Katastrophe erst aus. Self
fulfilling prophecy heißt dieser Vorgang im Fachdeutsch. Also so was! Jetzt ist er doch aus dem
Fenster gesprungen!
Mit meinen Vorträgen, so habe
ich das Gefühl, vermittle ich vielen KollegInnen neue Hoffnung und gebe ihnen
ein bisschen Vertrauen zurück, dass vor Ort inzwischen unentbehrlich wird. Aber
es bleibt natürlich der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein.
Ich schreibe dies alles hier
nur, damit die Banalität meines Handelns besser sichtbar wird, in der Hoffnung,
alle KollegInnen mögen, individuell oder gemeinsam, andere Initiativen
ergreifen, um in diesem Sinne weiterzuarbeiten, und durch die gemeinsamen
Anstrengungen Synergien freizusetzten.
Für die KollegInnen, die
bereits in dieser Arbeit parallel organisiert sind, ist dies nur eine kleine
Botschaft der Solidarität. Sie wissen doch: Gemeinsam ist kein Quark. Oder muss
Goethe sie erst treten?
Kommen wir zu den Vorschlägen.
![]()
In den Schulen
Ziel ist, die verlorenen Positionen des Deutschen im
französischen Schulsystem zurückzugewinnen und möglicherweise weiter
auszubauen. Laut Markttheorie kann man denselben entweder über das Angebot,
oder über die Nachfrage steuern. Zunächst zu den strukturellen
Angebotsänderungen.
In den Grundschulen wird in diesen Jahren die
Fremdsprache eingeführt. Wenn wir uns hier stärker einsetzten, und auch mal
freiwillig und unendgeldlich einen Schnabberkurs anbieten – der allerdings
wirklich gut auf die Kleinen zugeschnitten und gut vorbereitet sein muss –
ließe sich für die Zukunft viel verlorenes Terrain zurückgewinnen. Theoretisch.
Ein Schnabberkurs? Das ist das Kind von einem Schnupper-
gekreuzt mit einem Knabberkurs. Haribos bunte Gummibären verstehen Kinder
besser als vernünftige Argumente.
Denn in der Praxis gibt es da dann doch Probleme, und
zwar beim Übergang ins collège. Dort können die deutschbegeisterten
Kinder nämlich plötzlich doch nicht machen, was sie gewählt haben.
Hier kann mit Druck motivierter Eltern einiges erreicht
werden, aber vielleicht auch durch Deutschland, wenn auf Regierungsebene ein
Aktionsplan vereinbart werden könnte, der einen massiven Einsatz zusätzlicher
Fachkräfte in beiden Ländern auch für kleinere Klassen vorsieht, aber den
Widerstand vor Ort dabei zu antizipieren hat, sei es von den Schulleitern, sei
es bei den recteurs d’académie.
Manchmal gibt es in den collèges auch
DeutschlehrerInnen, die einen so schlechten Ruf haben, dass es sich bis in das primaire
herumspricht. In diesem Fall sollten diese KollegInnen aufgesucht werden, um
eine Änderung der Situation zu erreichen. Aber die gesündeste Art, die Position
des Deutschen in Frankreich zu stärken, ist sicherlich, die Nachfrage
anzukurbeln.
Seit ein paar Jahren gibt es bereits die Initiative
Deutschmobil von den deutschen Kulturzentren in Frankreich. Finanziert vom
Bundesrat, der Robert-Bosch-Stiftung und DaimlerChrysler kommen, auf Einladung
der Deutschlehrer vor Ort, die jungen DaF-LehrerInnen in ihren Kleinbussen und
machen eine Werbeveranstaltung. Dafür sind effiziente Werbeträger hergestellt
und motivierte junge Profis eingestellt worden. Die Bilanz kann sich sehen
lassen, wie die ersten beiden Bilanzen beweisen. Soeben ist der zweite
Zwischenbericht erschienen. Informationen erhalten Sie dazu in allen deutschen
Kulturzentren oder im Internet über das Suchwort deutschmobil, welches Sie nur
z.B. in das Suchfeld unter www.google.fr eintragen.
Wenn dieses Memorandum nur den Erfolg hätte, die dem
Projekt Deutschmobil zur Verfügung gestellten Mittel zu verbessern, meine
Arbeit hätte Sinn. Eine Multiplizierung mit einem zweistelligen Faktor schiene
mir angemessen.
Gleichzeitig sollten die IEN (inspecteur/inspectrice
de l’éducation nationale), die den GrundschullehrerInnen vorgesetzten
Schulräte, deren Vorgesetzte, die IA (inspectrice/inspecteur
d’académie), parallel dazu die IPR d’allemand (inspectrice/inspecteur
pédagogique régional) sowie die Verantwortlichen für die stages, die
Weiterbildung, in den CRDPs (centre régional de documentation pédagogique)
und CDDPs (centre départemental de documentation pédagogique), systematisch
aufgesucht werden, um für die nächsten Jahre mit ihnen Fortbildungskurse für
DaF zu planen, zu organisieren und durchzuführen, die die Zahl der für DaF
qualifizierten GrundschullehrerInnen und somit den Marktanteil des Deutschen
unter ihnen steigert, der sich im Moment auf stolze 19% beläuft, bei allerdings
etwa 75% für das Englische; die anderen Sprachen waren im Jahre 2001 fast
inexistent in diesem Bereich, was sich aber auch schnell ändern kann.
Dies liegt teilweise auch am schlechten Informationsniveau
der GrundschullehrerInnen, denen manchmal von deren Vorgesetzten
fälschlicherweise erklärt wird, dass sie gezwungen seien, die Sprache zu
unterrichten, deren Weiterführung im collège der Zone garantiert sei.
Dies ist entweder eine vorsätzliche Lüge, oder ein Kommunikationsproblem
innerhalb der éducation nationale, aber in jedem Fall unwahr. Den
offiziellen Texten entsprechend genügt jede andere Sprache als Französisch den
Anforderungen, was auch Regionalsprachen einschließt.
Der erstaunlich hohe Anteil von 19% täuscht allerdings
über die Realitäten hinweg, denn erstens ist die Fremdsprache noch nicht
überall in der Grundschule eingeführt und die Statistiken daher partiell,
andererseits sind die Elsässer besonders aktiv bei der Einführung eben dieses
neuen Unterrichtsfaches. Die relativ gute Position des Deutschen beschränkt
sich also auf die Grenzregion zu Deutschland.
Wenn hier nichts getan wird, verschwindet Deutsch als
erste Fremdsprache in den nächsten Jahren total von der Bildfläche, das muss hier
einmal glasklar gesagt werden. Auch in diesem Fall werden Sie nicht mehr sagen
können, von nichts gewusst zu haben.
Ich fordere die Bundesregierung auf, hier endlich einmal
Verantwortung für den Fortschritt Europas zu übernehmen.
Das mit diesen Kontakten betraute Personal – möglichst
erfahrene DaF-SpezialistInnen mit ausgezeichneten Frankreich-Kenntnissen,
möglichst Französisch-Muttersprachler – sollte eingebunden sein in das Projekt
Deutschmobil, das die Feder weiter führen sollte.
Weiterhin sollte versucht werden, das französische
Schulsystem dahingehend zu beeinflussen, dass mehr SchülerInnen für ein halbes
oder ein ganzes Jahr im Austausch nach Deutschland und im Gegenzug junge
Deutsche möglichst massiv nach Frankreich kommen. Dazu könnte eine Kontaktzentrale
eingerichtet werden, Werbespots sollten die jungen Menschen motivieren.
Im Bereich der Grundschulen sollte in der nächsten Zeit
möglichst viel Energie darauf verwandt werden, Schulpartnerschaften zwischen
französischen und deutschen Grundschulen einzurichten, die über Internet
zusammenarbeiten und sich auch gegenseitig besuchen sollten. Diese europäischen
Grundschulpartnerschaften werden sich in den nächsten Jahren entwickeln. Es
geht also darum, von Anfang an den größtmöglichen Anteil aufzubauen. Auch hier
gilt: Wer zuerst kommt, strahlt zuerst.
Am 11. Mai 2002 haben die 577 Abgeordneten des
französischen Juniorparlamentes, alles 10-11-jährige SchülerInnen, sich wie
jedes Jahr im Palais Bourbon zu ihrer jährlichen Sitzung getroffen, um einen
Gesetzestext zu beschließen. Mit 208 Stimmen landete der Vorschlag, jede
Grundschule mit einer Partnerschule aus dem europäischen Ausland zu versehen,
auf dem ersten Platz, gefolgt von dem Kampf gegen die Tags (186) und das Verbot
des Aussetzens von Haustieren (180).
Lehrer sind Multiplikatoren und Meinungsmacher. Ihr Bild
von Deutschland sollte nicht dem Zufall überlassen bleiben.
Ein interessantes Projekt könnte sein, sich einmal über
die Motivationen der Deutschlehrer zu beugen: Warum ergreifen diese eigentlich
so einen Beruf, der doch, wie wir gesehen haben, ein eher schwieriges Image
besitzt?
Über das Ministerium könnten an alle LehrerInnen
Frankreichs Werbeträger, natürlich in französischer Sprache, verschickt werden,
die das Deutschlandbild verändern sollten. Dazu müsste die Deutsche Botschaft
erreichen, dass dies geschieht, und dafür zahlen, oder den Datensatz mit den
Adressen kaufen. Mindestens die LehrerInnen der geisteswissenschaftlichen
Fächer sollten angesprochen werden, vielleicht mit einem berufsspezifischen
Faltblatt.
Damit dies interessanter wird, könnte ein Wettbewerb
organisiert werden, der in so einem Brief angekündigt wird. Zum Beispiel könnte
für Geschichtslehrer ein Wettbewerb organisiert werden, bei dem
fachpädagogische Projekte im Zusammenhang mit dem Thema Deutschland
durchgeführt werden. Die besten drei Projekte werden prämiert. Erster von drei
Preisen z.B. eine Klassenreise – oder eine Reise für die Lehrerin, den Lehrer –
nach Deutschland: drei Tage Berlin, Hamburg, München, Rheinschifffahrt oder
Weinstraße nach Wahl.
Vergleichbares könnte, jeweils fachspezifisch orientiert,
auch für Französisch- und PhilosophielehrerInnen organisiert werden. Aber auch
und gerade für GrundschullehrerInnen könnte so ein Vorgehen sinnvoll sein, gerade
weil diese die einzigen sind, die fächerübergreifende Projekte durchführen
können.
Wichtig wäre jedoch, keine Eintagsfliegen zu produzieren,
sondern die Anstrengungen und Investitionen über einige Jahre konstant zu
halten.
Die SchülerInnen der collèges und lycées
haben bei Schulbeginn, d.h. nach verlassen écoles primaires, der
Grundschulen, die Wahl der ersten Fremdsprache bereits getroffen.
Die Wahl der ersten Fremdsprache entscheidet sich am Ende
der Grundschule. Will man diese beeinflussen, muss man es dort tun.
Sprachwechsler sind sehr selten. In der Sekundarstufe kann man nur noch für die
2. oder 3. Fremdsprache werben.
Da das Erlernen der deutschen Sprache mit dem Erwerb
einer Reihe von Reflexen verbunden ist, die umso besser assimiliert werden, je
jünger man ist, und die Schwierigkeiten – die etwas komplexere Grammatik – zu
den Anfangsschwierigkeiten gehört, ist die Wahl als 1. Fremdsprache unbedingt
zu fördern.
Auch wenn das Hauptziel jeder Politik, die diesen Namen
verdient, klar sein sollte, zunächst den Anteil von Deutsch als erster
Fremdsprache positiv zu beeinflussen, sollte man sich darauf nicht beschränken.
Es gibt Deutsch nicht
nur als erste, sondern auch als zweite und dritte Fremdsprache. Hier muss die
Nachfrage im Sekundarbereich gestützt werden. Der momentan beste Vektor dazu
könnte die Fussballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland sein. Dafür sollte
bereits jetzt massiv Werbung betrieben werden, mit diversen Werbeträgern in
Französisch.
Die Zahl der
Germanistik-StudentInnen an den Universitäten kann nur in der Folge einer
stärkeren Basis in den Schulen wieder steigen. Die deutsch-französische
Universität wird, falls der Gesamtzusammenhang sich nicht ändert, ein
Mauerblümchendasein fristen.
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Im
Kulturleben
Im Bereich „Kulturleben“ denkt man gemeinhin besonders an
Theater, Malerei, Bildende Kunst, Oper, Literatur, Architektur, Philosophie,
Film und Fernsehen.
Unter den vielen möglichen Akteuren in diesem Bereich
sind in diesem Kontext meiner Meinung nach besonders die Journalisten und die
Kulturinstitute zu nennen.
Näheres zu den Journalisten und Medien in der folgenden
Rubrik „In den Medien“.
Deutsche Kultur in Frankreich wird einerseits – sehr
wenig – durch die Medien, Theater, Ausstellungen und andere öffentliche
Einrichtungen transportiert, andererseits durch die Institutionen, wie die
Schulen und Universitäten – mehr zwar, aber immer weniger. Da sind die
deutschen Kulturinstitute als Pioniere, Wegbereiter, Hilfestellung
unentbehrlich. So wichtig nun aber die Arbeit der Goethe Institute und der
freien deutschen Kulturinstitute in Frankreich auch ist, sie wurden in den
letzten Jahren in Frage gestellt und ihre Mittel reduziert.
Bei so einer Politik braucht man sich nicht lange zu
fragen, was man machen könnte, um die Situation von Deutsch als Fremdsprache in
Frankreich zu stärken.
Die Nachfrage nach Sprachkursen ist auch bei den Goethe
Instituten stetig rückläufig. In diesem Bereich kann kurzfristig also wohl
wenig an Mehr erreicht werden. Durch eine verstärkte Organisationsarbeit sollte
das Hauptgewicht vielleicht auf mehr Konzerte von deutschen Musikgruppen gelegt
werden, in Zusammenarbeit mit etablierten Konzertveranstaltern und bei
gleichzeitiger Medienpräsenz – Organisation von Auftritten, Interviews,
Hinweisen und Abspielen von Musikstücken, Präsenz in den
Musikspot-Fernsehsendungen.
Bei Musik dürfte etwas zu machen sein, das deutsche Kino,
die Literatur braucht man gar nicht erst zu pushen, es wäre verlorene
Liebesmüh.
Angesprochen hatte ich bereits die manuels, die in
Frankreich gängigen Lehrbücher, und den Vorschlag, das Goethe Institut sollte
mit einem französischen Schulbuchverlag und einem inspecteur eine
DaF-Lehrmethode erarbeiten, die für collège und lycée ein
modernes, interessantes Bild von Deutschland vermittelt und auch etwas von der civilisation
rüberbringt.
Dieses Projekt könnte als deutsch-französisches Projekt –
mit einem vergleichbaren Team in umgekehrter Richtung für Französisch als
Fremdsprache in Deutschland – auch auf Regierungsebene gesteuert werden.
Die deutschen Kulturträger sollten auch alle
Grundschullehrer kontaktieren, und diese möglichst breitflächig in DaF
ausbilden. Der richtige Zeitpunkt dafür ist spätestens sofort. Dabei sollte
nicht aus den Augen verloren werden, dass 50% der Lehrerschaft im nächsten
Jahrzehnt in Rente geht. Dies erfordert massive Präsenz in den IUFM.
Im Rahmen der hier besonders ins Auge gefassten
Breitenwirkung zur Änderung des Deutschlandbildes und der Beziehung zur
deutschen Sprache wäre mein Hauptvorschlag in diesem Bereich allerdings die
Schaffung eines deutsch-französischen Projektes zur möglichst raschen
Erarbeitung einer Reihe neuer Geschichtsbücher für die deutsche und
französische Jugend, die die Schaffung einer neuen, auf einer gemeinsamen
Geschichte beruhenden, Identität zum Ziel haben sollte. Geschichtsunterricht
ist immer auch Ideologie, und die heute in den französischen Geschichtsbüchern
wirksame ist dem deutsch-französischen Zusammenschluss in einem vereinten
Europa nicht zuträglich.
Das klingt vielleicht ein bisschen nach dem Orwellschen
Ministerium für die Revision der Geschichte, aber das ändert wenig an der
Notwendigkeit eines solchen Unterfangens.
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In
den Medien
Wir beziehen uns hier auf die Journalisten aus Radio,
Fernsehen, Presse.
Unter den JournalistInnen, die regelmäßig aus Deutschland
berichten, sollte jedes Jahr eine/r mit einem Preis für hervorragende
Berichterstattung ausgezeichnet werden.
Zudem sollte jedes Jahr ein Wettbewerb für junge
JournalistInnen veranstaltet werden: sie müssen ein Projekt einreichen, für das
sie in Deutschland recherchieren müssen, bekommen die Reise kostenlos, müssen
die Resultate einreichen, und am Ende gibt es drei Preise.
Jedes Jahr wird unter den etablierten über und/oder aus
Deutschland berichtenden JournalistInnen eine Jury gebildet, die die
Schirmherrschaft innehat. Die JurorInnen und TeilnehmerInnen werden in eine
Alumni-Organisation aufgenommen. Die so gebildete Gesellschaft vergrößert sich
so jedes Jahr, sie bekommen jährlich ein Jahrbuch des Netzwerkes mit allen
Namen, Adressen, Telefonnummern etc. der MitgliederInnen zugesandt.
Bereits mehrfach angesprochen: Die Regierungen einigen
sich auf die gegenseitige Förderung der modernen Musik des Nachbarlandes in den
öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehsendern, um den Einfluss der
englischsprachigen Produktionen zurückzudrängen.
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In
der Politik
Wichtiger noch als der Einfluss des nicht immer und
überall positiven Deutschlandbildes in Frankreich und Navarra, über das ich, wie
Ihnen vielleicht nicht entgangen ist,
im ersten Teil bereits einige Bemerkungen notiert habe, ist meiner
Überzeugung nach der politische Elan, das heißt, genauer gesagt, dessen
Nichtexistenz.
Aus dem großen bunten Luftballon Europaunion ist die Luft
raus, die reizende Nena entfleucht und vergessen, schlaff hängt das Gummi nun
im Rinnstein der Geschichte. So was nennt man Horizontverlust.

Die wichtigste politische Maßnahme ist die
"Wiedervereinigung" von Frankreich und
Deutschland.
Zur Not ginge es auch andersrum!
Dies ist gleichzeitig die einzige wirklich
effiziente Methode um die Daf-Situation
in Frankreich wirklich positiv zu beeinflussen.
Darunter ist nicht viel zu machen.
Beschlossen wurde die Union von Deutschland und
Frankreich übrigens bereits am 9. Mai 1950. Nach 52 Jahren Arbeit scheint sie
in sehr viel weiterer Ferne als damals.
Und ohne diese also gar nicht so neue Perspektive wird
Deutsch als Fremdsprache in Frankreich kaum zu retten sein.
Natürlich wird sich ein residuelles Niveau irgendwann
einmal einpendeln, und die Nachfrage nach Deutsch sich stabilisieren, aber
wann, das weiß niemand, dessen Telefonnummer ich leider verlegt habe.
Man darf annehmen, dass dies mit Italienisch und Russisch
vergleichbar sein wird, denn weltpolitische Betrachtungen spielen, abgesehen
vom Englischen, bei der Fremdsprachenwahl offensichtlich keine bzw. eine nur
untergeordnete Rolle, wie die Fakten zeigen.
Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Deutsch wurde lange
auf einem erstaunlich hohen Frequenzniveau gelernt, weil die deutsche Kultur
vor langer Zeit einmal Europa dominierte.
Danach hat die
Europaeuphorie ein wenig dazu beitragen mögen, dass Deutsch sich eine Weile
etwa halten konnte, vor allem aber die Sitte, die sich eine Zeit lang
eingebürgert hatte, dass Deutsch ein Muss war, um in die guten Klassen zu
kommen, und so die bestmöglichen Karriereperspektiven eröffnete.
Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Nun muss man wissen,
was man will.
Historisch gesehen ist die Wiedervereinigung von Frankreich
und Deutschland leicht zu rechtfertigen, denn weltpolitische Notwendigkeiten
zwingen uns dazu, um morgen noch einiges Gewicht in der Welt zu besitzen
gegenüber den neuen Weltmächten China, Indien, und morgen wieder Russland.
Die Basis von Macht ist immer noch die Demographie, Geld
ohne diese nur Papier, mein lieber Tiger. Die Liechtensteiner mögen pro Kopf
tausend mal so viel verdienen wie die Indonesier, in der Weltpolitik zählen sie
nicht. Andersherum mochte der Sultan von Brunei der reichste Mann der Welt
sein, der bestimmendste war er nicht.
Auch gemeinsam, mit etwa 142 Millionen Einwohnern, ist
die Situation nicht ideal, aber schon sehr viel besser, und die Perspektive der
europäischen Einigung sollte beibehalten werden, d.h. die anderen Staaten
sollten sich diesem neuen Staat anschließen können.
Die Bundesregierung war im Fall Atomausstieg imstande,
eine Politik für die nächsten 20-30 Jahre zu definieren, da sollte das Kapitel
Europa auch zu meistern sein.
Warum wir dominieren sollten?
Damit die schwächeren Länder in der Welt nicht allein
dastehen. Nur Europa kann den USA Paroli bieten, und die europäische Kultur
besitzt nicht mehr das Vorherrschaftsstreben der USA, welches heute die Wurzeln
pflanzt für den Hass und die Bomben von morgen. So ist Europa unerlässlich für
den Weltfrieden. Ein stärkeres Europa als heute.
Die deutsch-französische Einigung ist also zunächst
einmal sinnvoll, erst dann eine Hilfe für die Situation des Deutschen als
Fremdsprache.
Neben dieser starken Motivationsschiene für die
Verbesserung der Situation des Deutschen in Frankreich gäbe es noch die
überragende Strahlung einer dominanten deutschen Kultur in der Welt – wir haben
gesehen, dass diese Zeiten endgültig vorbei sind, dazu bedurften wir kein Pisa.
Dazu gibt es nur eine wirkliche Alternative: den Kontakt
suchen von Person zu Person, die Kinder begeistern, zähe Kleinarbeit, mit einem
Wort Deutschmobil. Der Teufel steckt bekanntlich seit Henry im Détail.
Was dabei auch helfen könnte, wäre die Einrichtung einer
Stelle einer/s Verantwortlichen der Bundsregierung für Deutsch als Fremdsprache
in Frankreich, einer Art Generalbevollmächtigter/n, ausgestattet mit Budget und
Personal, selbstredend bei gleichzeitiger Schaffung eines vergleichbaren Posten
in Deutschland. Bei dieser Person sollten die verschiedenen Stränge
zusammenlaufen.
Enden möchte ich mit einer positiven Note.
In der Realität ist Deutschland eine mindestens ebenso
multikulturelle Gesellschaft wie Frankreich, auch wenn dies hier nicht
wahrgenommen wird. Deutschland ist zudem in vieler Hinsicht toleranter, und
liegt da voll im Trend der französischen Jugendbewegung, wie oben beschrieben.
Es muss etwas getan werden, damit dieses Bild rüberkommt.
Damit könnte man den jungen Leuten hier auch die Einigung
schmackhaft machen. Dazu kommen sollte die Konstruktion einer gemeinsamen
Identität über eine gemeinsame Vergangenheit.
Das Mutter- oder Vaterland der Menschenrechte, dass im
Jugoslawien-Konflikt 15.000 Flüchtlinge aufnahm, wo Deutschland 1.000.000
empfing, sollte relativisieren lernen, und dem Nachbarland gegenüber die Augen
öffnen.
Jetzt hab ich’s mir doch wieder nicht verkneifen können!
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Gewichtung
und Hierarchisierung
Die Gewichtung der einzelnen Kapitel dieses zweiten Teils
untereinander und die Hierarchisierung der jeweiligen Vorschlagskataloge können
von verschiedenen Gesichtspunkten her angegangen werden.
Meiner Meinung nach wäre die wichtigste zu treffende
Maßnahme, die den Karren aus dem Treck ziehen könnte, die
"Wiedervereinigung" Deutschlands und Frankreichs in einem neuen
Staatsgebilde, sagen wir morgen früh um halb neun.
Aber irgendwie schaffe ich es nicht so recht, das als
Tatsache zu akzeptieren. Manchmal fürchte ich, es könnte erst um fünf vor zwölf
dazu kommen, oder gar zu spät werden.
Begnügen wir uns also zunächst einmal mit der schnöden
Wirklichkeit. In dieser gibt es bekanntlich sogenannte Sachzwänge, worunter
bekanntlich meist das zu verstehen ist, was mit dem Wort "Geld" nur
ungenügend beschrieben scheint – Finanzmittel, das klingt gleich solider und
irgendwie seriöser.
Nun gehört dies nicht zu meinem Kompetenzbereich, weshalb
ich mich diesbezüglich zu nichts verpflichtet fühle.
Aus dieser zwanglosen Situation heraus habe ich den hier
vorgestellten Vorschlagskatalog verfasst, als kreative Übung sozusagen, im
Bewusstsein, dass vieles sicher über den möglichen Finanzierungsrahmen
hinausgeht, aber beim Brainstorming kann es nicht darum gehen, zu zensieren.
Ich hoffe, diese Vorschläge können etwas bewirken,
Energien freisetzten, und das Projekt Deutschmobil unterstützen, das ich,
gleich nach der obengenannten "Wiedervereinigung", für die
zeitwichtigste Maßnahme halte.
Sollten dann noch Mittel frei sein, wäre es meines
Erachtens das Schlaueste, das Deutsch(land)bild der wichtigsten Meinungsmacher
und Multiplikatoren, LehrerInnen, JournalistInnen, mit den Vorschlägen zu
beeinflussen, die am wenigsten Mittel beanspruchen, diese Arbeit aber über Jahre
führen.
Überfällig sind gemeinsame Geschichtsbücher für die
Schulen in Frankreich und Deutschland, die die Grundlage legen sollten für eine
neue Identität bei den folgenden Generationen.
Gleichzeitig sollte versucht werden, mit den
öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten oder der Regierung ein Abkommen zu
schließen, das die Ausstrahlung für die Jugend attraktiver deutscher
Produktionen in Frankreich und umgekehrt prozentual bestimmt zu einem festen
Bestandteil des Programms macht, um so für die Nachbarkultur zu werben.
Eine motivierte Person sollte all dies steuern helfen.
Das Verfassen dieses Textes hat mir viel Vergnügen
bereitet. Ich hoffe, Ihnen hat er auch etwas
gebracht. Doch
dabei darf es nicht bleiben.
![]()
Statt einer Zusammenfassung
Natürlich sind diese Betrachtungen fürchterlich partiell
und einseitig, teils polemisch bis gemein, aber ich wollte mich hier auf die
dunkle Seite des Deutschlandbildes beschränken, weil sie eben die
problematischere ist. Dieses unterschwellige Bild des Deutschen ist überall
präsent, wird aber selten schriftlich formuliert.
Abgesehen von den kleinen Wortspielereien hier und da und
den humoristischen Einlagen, die das Lesen des Textes interessanter und
unterhaltsamer gestalten sollten, ist dieser Text schon eine Zusammenfassung,
ein Konzentrat an Analysen, Gedanken, Meinungen und Vorschlägen; unvollständig
dazu. Kürzer geht es also nicht.
Stellte man mir die Frage, was meiner Meinung nach das
Wichtigste sei, was die Vertreterinnen und Vertreter des Auswärtigen Amtes der
Bundesrepublik Deutschland zur Verbesserung der Situation des DaF in Frankreich
tun sollten, so antwortete ich: erstens die Situation in ihrer Komplexität möglichst
gut verstehen und das Problem definieren, zweitens langfristige Ziele und eine
Strategie festlegen, drittens auf dieser Linie Punkt für Punkt handeln. Alles
ganz einfach. Aber diese Antwort wäre eine Binsenweisheit, und man soll
bekanntlich keine Eulen in Athen fragen.
Eine ehrliche Antwort könnte ich erst geben, wenn ich
eine genaue Kenntnis der zur Verfügung stehenden und mobilisierbaren Mittel
hätte, was natürlich nicht der Fall ist.
Wenn ich aber doch die Möglichkeit hätte nur eine einzige
Maßnahme, die wichtigste nämlich, in die Tat umzusetzen – ein Butt könnte da
hilfreich sein – dann würde ich Frankreich und Deutschland lieber heute als
morgen zu einem Staat vereinen. Die Schweiz zeigt, dass dies möglich ist. Das
Interesse an den Partnersprachen würde selbstverständlich angeregter sein als
heute.
Ist es nicht merkwürdig, wie einsam man mit so einem
Gedanken heute dasteht? Dabei war das vereinigte Europa doch das Ziel, welches
die Gründer der heutigen Europäischen Union gleich nach dem mörderischsten
Krieg der Menschheitsgeschichte sich zu erreichen vorgenommen und konkret
begonnen hatten. Wie weit sind wir heute entfernt von so einem Elan! Spricht
man den Anfang dieser Staatsfusionen über Paris und Berlin an, erntet man nur
Unverständnis und sieht sich beinahe selbst schon spinnert. Aber: wer die Finte
ins Korn wirft, fällt selbst hinein. Spinnert, ich sag’s doch.
Leider ist es mit guten Ratschlägen nicht getan. Eine
frische Brise macht noch keinen Sommer. Aus dem Papier kann man Schwalben falten.
Ideen müssen Taten folgen.
Was fehlt ist Transzendenz. Tschüss. Das war’s.
Über den Autor
Alban Azaïs, Deutsch-Franzose, Sozial- und
Sprachwissenschaftler, geboren 1954 in Hamburg, studierte in Hamburg, Berlin,
Montpellier, Paris, Palma de Mallorca und Malaga.
Ab 1979 Soziologe im
Hamburger Senat, 1981 in Spanien, ab 1982 in Frankreich. Hier zunächst Lehrer
am Maison de Heidelberg in Montpellier, dann Berater im Marketing des
Max-Hueber-Verlags und Dozent an der Universität USTL und der ENSCM, seit 1988
Germanist im französischen Staatsdienst.
1991 Gastprofessor der
Europäischen Union an der Universität Leipzig.
Seit 1992 Direktor des
Fachbereiches Fremde Sprachen und Kulturen der Elitehochschule ENSEEIHT des Institut
National Polytechnique de Toulouse. Daneben Mitglied des Aufsichtsrates der
Hochschule, langjähriger Leiter der Germanistik-Abteilungen der SUPAERO und der
ENSICA, sowie der Aufnahmeprüfungen der Concours Communs Polytechniques.
Neuere Vorträge und Veröffentlichungen
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2002 |
L’université
française sur Internet ‘French Open University’ congrès de
l’UPLEGESS à l’ÉNSCP : l’espace européen, Paris 4.-6.06.2002 |
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L’apport des
enseignements en langues à la formation des ingénieurs GE/TH, organisme de liaison franco-allemand, congrès à l’INSA de
Lyon 14/15.03.2002 |
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2001 |
Les épreuves
linguistiques des Concours Communs Polytechniques, conférence des grandes écoles, commission amont, Paris
21.11.2001 |
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Le rôle de la
langue allemande en France, interview à
Radio France International, rédaction allemande, Paris 09.11.2001 |
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La
communication et l’interculturel, journée formation CERSIAT, centre de renseignements de l’Armée
de terre, 27.06.2001, Le Fort du Kremlin Bicêtre |
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Grammatiklernen im kommunikativen
DaF-Unterricht mit Erwachsenen, Kongress Universität Göttingen: Grammatik und
Fremdsprachenlernen |
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L’éthique et
l’ingénieur, amphi de rentrée pour les 350
élèves-ingénieurs de la première année de l’ENSEEIHT |
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Professionnalisation
des programmes en langues dans les grandes écoles – les nouvelles demandes de
l’industrie concernant la formation à la communication interculturelle, congrès de l’UPLEGESS à l’ENSIETA de Brest: Citoyenneté
européenne |
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2000 |
L’éthique et
l’ingénieur, amphi de rentrée pour les 350
élèves-ingénieurs de la première année de l’ENSEEIHT |
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Interdisciplinarité
et transversalité dans les formations linguistiques des écoles d’ingénieurs, colloque INSA Toulouse et l’UTM : Professionnalisation des
futurs cadres de l’Entreprise |
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1999 |
La perception
de la relation franco-allemande par les futurs salariés de l’industrie
aéronautique, soirée-débat pour le
Club Franco-Allemand de Paris |
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International
et déontologie : la mutation des ingénieurs, trois amphis de rentrée pour les 1000 élèves-ingénieurs de
l’ENSEEIHT (exposé-débat) |
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Langues et
relations internationales : deux activités au service l’une de l’autre, journée d’étude du
CEFI (Comité d’études sur les formations d’ingénieurs) à Télécom Paris :
l’enseignement des langues dans la formation d’ingénieurs |
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|
L’éthique, la
toile, l’élève-ingénieur et l’équipe enseignante, congrès de l’UPLEGESS, INT Evry, congrès :
transversalité et interculturalité |
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1998 |
Hitler,
Meinhof, Schröder, séminaire, sur l’Histoire
allemande dans le cadre du département culture de SUPAERO |
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Soirées
culturelles de SUPAERO : Berlin
entre réunification et réunion avec le Goethe Institut, animé par
Yves Charnet, participant avec S. E. le Consul Général d’Allemagne M. Erwin
STARNITZKY, Yves DELAGE, historien |
Artikel
|
2002 |
Communication
et enseignement, publication prévue en
septembre dans Les langues modernes, APLV, Paris, 28.000 caractères
(c.) |
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|
L’euro, le
management et l’allemand, Canal N7,
2/2002, ISSN 0986 5780, 9.000 c. |
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|
La Violence
dans la Cité, avril 2002, http://www.e-avise.org,
50.000 c. |
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L’allemand… à
découvrir d’urgence !, Les Echos, Paris, 21.03.2002, 5.000 c. |
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Plaidoyer
pour l’allemand, Bulletin de l’ADEAF, 5/2002,
30.000 c., ISSN 68566 |
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|
Mondialisation,
terrorisme et dignité, http://www.e-avise.org,
1/2002, 9.500 c. |
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|
2001 |
L’allemand,
langue de l’avenir, Libération, Paris,
2.11.2001, 7.000 c. |
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Également
publié dans : Dernières Nouvelles d’Alsace,
Strasbourg, 20.11.2001 |
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Plaidoyer
pour l’allemand, serveur Internet de l’ADEAF,
10/2001, 30.000 c. |
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|
1999 |
Communication,
langues, enseignement, Canal N7 n° 48 et 49,
1+2/1999, ISSN 0986 5780, 73.000 c. |
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|
Interkulturalität im Management am Beispiel
Deutschland - Frankreich, Fremdsprachen und Hochschule, n° 55/1999, Universität Göttingen,
36.000 c. |
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1998 |
De Calculatrices en Eléphants - Une expérience avec le logiciel
de traduction “ globalink power translator pro 6.3 ”, Les Langues modernes, vol. 4/1998, APLV, Paris, 20.000
c. |
|
Bücher
|
2002 |
Paroles de
Tuan, Prose,
non encore publié |
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2001 |
DeLyrium, Gedichte, noch unveröffentlicht |
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2000 |
Noël, bébé
d’amour, livre pour enfants, en cours de publication |
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1997 |
Grammatica
pratica del TEDESCO dalla A alla Z, Editore Ulrico Hoepli, Mailand, 330 Seiten, ISBN
88-203-2397-4 |
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1997 |
Esercizi di
grammatica TEDESCA, Editore Ulrico Hoepli, Mailand, 136 Seiten,
ISBN 88-203-2398-2 |
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1995 |
Exercices de
grammaire allemande, Larousse-Bordas, Paris, 128 Seiten,
ISBN 2-04-028086-3 |
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1994 |
Grammaire
alphabétique de l’allemand,
Larousse-Bordas, Paris, 256 Seiten, ISBN 2-04-020933-6 |
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150.000 c.